Der erste Arztbrief, den jeder Patient versteht

Dresdner Mediziner machen Schluss mit dem Ärztelatein - und das ganz ohne zusätzlichen Zeitaufwand.

Dresden.

Was hab' ich? Seit acht Jahren können Patienten diese Frage nicht nur ihrem Arzt stellen, sondern auch an die gleichnamige Internetplattform in Dresden schicken. Dort werden die Befunde von Ärzten und Medizinstudenten in eine leicht verständliche Sprache übersetzt. Nun folgt der nächste Schritt: Patienten des Dresdner Herzzentrums erhalten zusätzlich zum Entlassbrief auch einen verständlichen Patientenbrief - übersetzt von einem Computerprogramm. Steffen Klameth stellt das bundesweit einmalige Projekt vor.

Was ist eigentlich ein Patientenbrief?

Krankenhäuser dokumentieren alle Untersuchungen, Befunde, Behandlungen und verordneten Medikamente in einem Arzt- bzw. Entlassbrief. Er dient in erster Linie zur Information des behandelnden Arztes, der die Einweisung veranlasst hat. Auch Patienten können den Brief zur Information nutzen, allerdings ist er in der Regel schwer verständlich. "Die mit Fachtermini vollen Dokumente geben nur wenig oder unzureichend Aufschluss über das Krankheitsbild und verunsichern Patienten", sagt Professor Axel Linke, Ärztlicher Direktor am Herzzentrum Dresden.

Welchen Nutzen erhofft man sich von Patientenbriefen?

"Arzt-Patienten-Gespräche finden häufig unter zeitlichem oder auch emotionalem Druck statt", sagt der Chef von "Was hab' ich?", Ansgar Jonietz. "Bis zu 80 Prozent der Informationen sind bereits wieder vergessen, sobald die Tür des Arztzimmers hinter dem Patienten zufällt." Der Arztbrief könnte hier eine gute Hilfe sein - wenn ihn der Patient verstehen würde. "Je besser die Patienten informiert sind, desto konsequenter ist ihre Therapietreue", bestätigt Professor Antje Bergmann. Die Allgemeinmedizinerin begleitet mit ihrem Team von der TU Dresden das Vorhaben wissenschaftlich und hat bereits Erfahrungen bei einem ähnlichen Projekt an einer Klinik in Bad Ems gesammelt. Ergebnis: Patienten gewinnen dadurch Sicherheit im Umgang mit Erkrankungen und Behandlungen.

Wie wird der Arztbrief eigentlich übersetzt?

Die Experten von "Was hab' ich?" haben im Laufe der Jahre über 10.000 Fachbegriffe in eine verständliche Sprache übersetzt und in Textbausteine integriert. Beim Pilotprojekt in Bad Ems übermittelte die Klinik die Arztbriefe verschlüsselt an "Was hab' ich?". Dort wurden sie mithilfe der Software in Patientenbriefe umgewandelt und wiederum elektronisch an die Klinik versandt. Die Klinik druckte die Briefe aus und verschickte sie per Post an die Patienten. Bei dem neuen Projekt am Herzzentrum Dresden geht das noch einfacher: Übersetzungssoftware und Klinik-IT sind miteinander verbunden und ermöglichen einen direkten Datenaustausch. Der gesamte Prozess - von der Zusammenstellung der Textbausteine bis zum Ausdruck des Briefes am Abend - läuft automatisch ab. Das heißt: Weder Ärzte noch anderes Personal werden zusätzlich beansprucht. Der Bund fördert das Projekt mit 870.000 Euro.

Erhalten alle Patienten am Herzzentrum diesen Brief?

Nein. Patienten müssen zunächst einwilligen, dass sie an dem Projekt teilnehmen möchten. Ziel ist es, innerhalb von zwölf Monaten 2300 Patienten dafür zu gewinnen. Von ihnen wird allerdings nur die Hälfte einen Patientenbrief erhalten. Nur so können die Wissenschaftler durch Befragungen am Ende Vergleiche ziehen und den Nutzen des Patientenbriefes nachweisen. Ein Nachteil der eingesetzten Software sei, dass sie nicht zwischen den wichtigen und weniger bedeutungsvollen Informationen wichten könne, meint Linke.

Wird es Patientenbriefe künftig auch an anderen Kliniken geben?

Das ist der Plan. Laut Jonietz laufen bereits Gespräche mit anderen Fachbereichen. Aus Sicht von Prof. Bergmann ist etwa eine Erprobung an einer Onkologie-Klinik wünschenswert. Das Herzzentrum in Dresden habe man gewählt, weil die Zahl der Prozeduren hier überschaubar sei. Die Ärztin ist durchaus zuversichtlich, dass künftig noch sehr viel mehr Patienten einen verständlichen Entlassbrief erhalten: "Was in Sachsen funktioniert, sollte auch bundesweit funktionieren." Und vielleicht braucht irgendwann niemand mehr die Hilfe von "Was hab' ich?".

Medizinersprache verständlich übersetzt

Endosonographie - Transösophageale Echokardiographie: Ihr Herz wurde mit Ultraschall untersucht.

Akute Blutungsanämie: Sie haben stark geblutet. Deshalb haben Sie zu wenig roten Blutfarbstoff im Blut.

Reine Hypertriglyzeridämie: Sie haben zu viel Fett im Blut.

Hyperurikämie: Sie haben zu viel Harnsäure im Blut.

Benigne essentielle Hypertonie: Ihr Blutdruck ist dauerhaft zu hoch.

Alter Myokardinfarkt: Sie hatten in der Vergangenheit einen Herzinfarkt.

Sonstiger Pruritus: Ihre Haut juckt.

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