"Der Kopfschmerz bremst mich aus"

Das Problem hat stark zugenommen, zeigt eine Umfrage - schon bei Jüngeren. Das Projekt "Kopf hoch" soll helfen.

Das Schmerztagebuch auf ihrem Smartphone zeigt jeden Monat rote und gelbe Kringel. Das sind die Tage, an denen Maike Oltermann starke oder mittelstarke Kopfschmerzen hat. "Etwa sieben bis zehn Tage sind es fast immer. Mit Schmerzmitteln versuche ich aber sparsam umzugehen. Ich nehme sie höchstens an vier oder fünf Tagen, wenn es gar nicht anders geht", sagt die 24-Jährige. Sie studiert im vierten Semester Chemie an der TU Dresden.

Maike ist kein Einzelfall. Zwei Drittel aller Studenten leiden regelmäßig an Kopfschmerzen - 75 Prozent der Frauen und 56 Prozent der Männer. Das ergab eine repräsentative Online-Befragung zwischen 2016 und 2018 unter knapp 2200 Studierenden an drei deutschen Hochschulen, unter anderem an der TU Dresden. Hochgerechnet auf Deutschlands akademischen Nachwuchs sind rund zwei Millionen Studierende von Kopfschmerzen betroffen. Die Mehrzahl von ihnen ist nicht so vorsichtig wie Maike: 90 Prozent der Betroffenen nehmen über Jahre schon Schmerzmittel ein, ohne einen Arzt konsultiert zu haben. Sie schlucken die Pillen sogar schon zur Vorbeugung, so die Studie. "Kopfschmerzen sind keine Lappalie. Fast jeder Dritte fühlt sich davon schwer beeinträchtigt", sagt Karin Frisch, Geschäftsführerin der Zies-Gesellschaft aus Frankfurt/Main - einem Zentrum für Diagnostik und Schmerzforschung. Jeden Monat fehlen Betroffene im Schnitt 2,4 Arbeitstage.

Auch Maike quält sich seit 2013 so durch, wie sie sagt. Der Kopfschmerz bremst sie stark aus. Sie macht dann häufiger Fehler und kommt nicht recht voran, obwohl Abgabetermine drücken. Das stresst und verstärkt wiederum die Kopfschmerzen. Auch bei Prüfungen fehlte die Studentin schon. "Das ist schlecht, die Termine lassen sich aber meist nachholen. Treffen mit Freunden, die ich lange nicht gesehen habe, dagegen nicht. Das macht mich traurig, aber es hat auch keinen Sinn hinzugehen. Ich bin dann einfach nicht ich selbst", sagt sie.

Seit ihrem zwölften Lebensjahr leidet sie an Migräne. Das ist eine chronische, in Schüben auftretende Schmerzerkrankung, die genetisch bedingt ist und familiär gehäuft auftritt - hauptsächlich bei Frauen. "Das Gehirn der Frau ist vielseitiger. Wir würden es heute multitaskingfähig nennen", sagt Karin Frisch. Ursache der Migräne sei, dass das Nervensystem ständig unter Hochspannung steht. Reize würden früher und schneller aufgenommen sowie rascher verarbeitet. Da Migräne zudem oft bei Menschen auftritt, die ein besonders leistungsfähiges Gehirn haben, wundert sie die Häufung bei Studierenden nicht. In der Umfrage nannten 60 Prozent der Schmerzbetroffenen Migränesymptome, 35 Prozent Zeichen von Spannungskopfschmerz. In der übrigen Bevölkerung ist das Verhältnis umgedreht.

Innerhalb von zehn Jahren haben Kopfschmerzerkrankungen bei 18- bis 27-Jährigen um 42 Prozent zugenommen, wie der Arztreport 2017 der Barmer belegt. "Für unsere Krankenkasse war das ein dringender Grund zu handeln. In Zusammenarbeit mit den Hochschulen und der Medizin wollen wir zeigen, wie man diesen gesundheitlichen Problemen entgegentreten kann", sagt Fabian Magerl, Landesgeschäftsführer der Barmer in Sachsen. Ende Mai starteten sie deshalb das Projekt "Kopf hoch" für Studierende und Hochschulmitarbeiter. "Die Gesundheit der Studierenden und Beschäftigten ist uns sehr wichtig. Deshalb haben wir uns als Pilothochschule an diesem Projekt beteiligt", sagt Professor Hans Müller-Steinhagen, Rektor der TU Dresden. Die TU verfüge über ein gutes Gesundheitsmanagement und habe zahlreiche Beratungs- und Bewegungsangebote geschaffen, um Kopfschmerzen effektiv vorzubeugen. Betriebsärztin Dr. Astrid Friedmann-Ketzmerick nennt zum Beispiel die neu eingeführte bewegte Pause. "Wir gehen direkt in die Hörsäle und zeigen Lockerungsübungen, um Verspannungen durch langes Sitzen zu lösen." Ferner gebe es eine individuelle Beratung zur gesunden Ernährung, bei Prüfungs- und Vortragsangst, zu Studienorganisation und Stressmanagement.

Kernstück des "Kopf hoch"-Projekts sind ein Online-Programm und eine Smartphone-App, die über Arten, Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten von Kopfschmerzen informieren. Denn der Umfrage zufolge gaben die meisten jungen Frauen und Männer als Hauptinformationsquelle zum Thema Schmerzen Familienangehörige, Freunde oder das Internet an. Zusätzlich werden die Projektnutzer angehalten, ein Schmerztagebuch zu führen und mit einer entsprechenden Lebensweise neuerlichen Schmerzattacken vorzubeugen.

Anleitung dazu gab der Schmerzmediziner Professor Markus Hambeck von der Zies-Gesellschaft bei seinem Vortrag an der TU Dresden. Während beim Spannungskopfschmerz von einer Erschöpfung des körpereigenen Schmerzregulationssystems ausgegangen wird, ist bei Migräne ein Energiedefizit der Nerven schuld. Damit gelangen Botenstoffe in die Blutbahn, die an den Hirnhäuten Entzündungen auslösen. Die Schmerzen sind dann anhaltend und sehr stark, gehen oft mit Übelkeit und Erbrechen einher. Sie werfen den Betroffenen meist völlig aus der Bahn. "Damit es nicht soweit kommt, muss ein Energiedefizit im Gehirn vermieden werden", sagt Hambeck. Deshalb sind regelmäßige Mahlzeiten ganz wichtig. "Keinesfalls sollten Migränekranke das Frühstück weglassen. Die Energiespeicher sind über Nacht leer, sodass dringend Nachschub nötig ist." Man müsse deshalb aber nicht mehr essen als andere, nur öfter. Empfehlenswert sei deshalb ein kohlenhydrathaltiger Snack vor dem Schlafengehen, am besten ein Stück Vollkornbrot mit Honig, empfiehlt er. Regelmäßigkeit - vor allem beim Schlafrhythmus - ist auch der Schlüssel zu weniger Schmerzattacken. "Jede Abweichung bedeutet Stress und raubt dem Gehirn Energie", so Hambeck. Genauso wie wechselnde Lichteinflüsse. Deshalb empfiehlt der Schmerzmediziner Migränekranken, den Schreibtisch vom Fenster wegzurücken und bei Kunstlicht zu arbeiten.

Maike Oltermann will den Tipp mit dem Betthupferl und dem veränderten Arbeitsplatz für sich ausprobieren. "Das kannte ich noch nicht, obwohl ich mich schon viel mit Migräne befasst habe." Die Regelmäßigkeit im Tagesablauf sei aber so eine Sache. "Mal beginnt die Vorlesung zur ersten, mal zur fünften Stunde. Ich werde mich aber anstrengen, immer zur gleichen Zeit aufzustehen und in Ruhe zu frühstücken. Vielleicht habe ich dadurch weniger Schmerzen", sagt sie.

Die häufigsten Arten von Kopfschmerz

Der Spannungskopfschmerz fühlt sich an wie ein zu eng sitzender Helm. Ursache ist eine Erschöpfung der körpereigenen Schmerzregulation.

Als Auslöser kommen Verspannungen, Stress und Überforderung in Betracht. Spannungskopfschmerz geht selten mit Übelkeit, Licht- und Lärmempfindlichkeit einher.

Hilfreich sind Dehnungsübungen und ein Spaziergang an frischer Luft.

Die Migräne tritt meist einseitig auf, wird als pulsierend und als sehr stark beschrieben, meist begleitet von Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Lärmempfindlichkeit.

Ursache ist ein Energiedefizit im Gehirn.

Bewegung und Frischluft verstärken oft die Symptome. Eine Attacke kann zwischen vier und 72 Stunden dauern und beeinträchtigt den Alltag stark.

Quelle: Projekt "Kopf hoch"

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