Der neue Billigzucker

Die EU hat die Quote für den Sirup Isoglukose gekippt - Kritiker fürchten mehr Diabetes-Kranke und Fettleibige

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, pro Tag nicht mehr als 25 Gramm Zucker zu sich zu nehmen. Die Grenze überschreitet schon, wer nur ein Glas Coca Cola trinkt: In 250 Millilitern stecken laut Hersteller 26,5 Gramm. Und so überrascht es kaum, dass der Durchschnittsverzehr auch in Deutschland viel höher liegt. Gesundheitsorganisationen und Verbraucherschützer fürchten nun, dass sich das Problem verschärfen könnte. Denn die EU hat den Zuckermarkt liberalisiert und Beschränkungen für den billigen Zuckersirup Isoglukose aufgehoben.

Was ist Isoglukose und wie wird sie gewonnen?

Isoglukose ist ein Zuckersirup, der aus Mais-, Weizen- oder Kartoffelstärke hergestellt wird. Wie im herkömmlichen Haushaltszucker besteht sie aus Glukose und Fructose - jedoch in einem anderen Verhältnis. Der Fructose-Anteil liegt meist bei 55 Prozent, während beim Haushaltszucker beide Arten im gleichen Verhältnis vorkommen. Laut den Verbraucherschützern von Foodwatch gebe es den Sirup aber ebenso mit 90 Prozent Fructose-Anteil, wenn auch sehr selten. Isoglukose wird vor allem in der Lebensmittelindustrie zum Süßen verwendet, etwa von Limonaden, Soßen oder Gebäck. Laut der Deutschen Adipositas-Gesellschaft macht der Sirup in den USA fast die Hälfte aller verwendeten Zuckerarten aus. Auf Verpackungen von Lebensmitteln ist dafür unter anderem die Bezeichnung Fructose-Glukose-Sirup üblich.

Warum droht angeblich eine Schwemme von Isoglukose?

Bis vor Kurzem war der Anteil der Isoglukose in der Europäischen Union auf fünf Prozent des Zuckermarkts beschränkt. Daher stammte der Großteil des Zuckers hierzulande aus Zuckerrüben. Zum 1. Oktober wurde der Markt innerhalb der EU liberalisiert, Mindestpreise und Produktionsquoten entfielen. Und auch die Grenze für Isoglukose gilt nicht mehr. Da der Sirup billiger ist als etwa Zucker aus Zuckerrüben, befürchten Kritiker einen enormen Anstieg.

Was bemängeln Kritiker an dem Sirup?

Zwar wird Isoglukose an sich nicht als schädlicher eingeschätzt als Haushaltszucker. Weil er aber günstiger ist, würden so Anreize für die Industrie geschaffen, mehr Zucker in ihre Produkte zu stecken, warnt Foodwatch: "Bei gesunden Lebensmitteln wie Obst oder Gemüse macht die Industrie deutlich weniger Profit als mit Softdrinks, Süßigkeiten oder Snacks. Der Zugang zu noch billigeren Süßungsmitteln wie eben Isoglukose verstärkt dies." Diese Gefahr sehen auch die Deutsche Diabetes-Hilfe und die Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG). Kommt Isoglukose vermehrt zum Einsatz, nehme der Zucker- und Kalorienverzehr insgesamt zu - was Übergewicht oder Diabetes Typ 2 begünstigt. Auch der erhöhte Fructose-Anteil in dem Sirup wird kritisiert, da durch ihn das Risiko für eine Fettleber steige. Am Beispiel Isoglukose sehe man, dass die Agrar- und Ernährungspolitik einen Einfluss auf die Entstehung chronischer Krankheiten habe, betont DAG-Präsident Matthias Blüher.

Wie kontert die Zuckerindustrie die Argumente der Kritiker?

Ein Sprecher der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker (WVZ) sagte, er rechne mit "keinen großen Veränderungen für Verbraucher". Zwar werde der Anteil von Isoglukose am Markt steigen. Dass der Zuckerpreis aber per se sinkt, glaube er nicht. Es werde vielmehr zu Preisschwankungen kommen. Die Zucker-Gesellschaft warnte einst selbst vor einer Liberalisierung des Markts - weil sie zulasten der hiesigen Produzenten gehe: Die EU-Kommission riskiere, dass die Zuckererzeugung aus Rüben durch die Reform weiter zurückgehe, bemängelte der WVZ-Chef Hans-Jörg Gebhard 2011.

Was fordern die Kritiker von der Politik?

Matthias Blüher von der DAG appelliert an die Politik, dass sie nicht nur eine Verantwortung für die Wirtschaft trage, sondern auch für die Gesundheit der Verbraucher. "Wir müssen verhindern, dass wirtschaftliche Interessen einmal mehr den ungünstigen Zuckerkonsum weiter in die Höhe treiben." Die neue Bundesregierung müsse eine Strategie entwickeln, Zucker, Salze und Fette in Lebensmitteln zu senken. Foodwatch drängt unter anderem auf eine verbesserte Kennzeichnung, etwa mit einer Ampel auf Verpackungen. Zuckerbomben könnten so "auf einen Blick entlarvt werden".

Glukose, Fructose und Co.: Zuckerarten im Überblick

Für Verbraucher ist nur schwer ersichtlich, wie viel Zucker tatsächlich in einem Lebensmittel steckt. Bei Nährwertangaben findet sich nur der gewöhnliche Haushaltszucker. Insgesamt gibt es aber über 70 Namen und Stoffe, die nicht sofort als Zucker erkennbar sind. Eine Auswahl:

Saccharose: Ist der herkömmliche weiße Haushaltszucker und besteht zu gleichen Teilen aus Glukose und Fructose. In Lebensmitteln am häufigsten zu finden.

Glukose: Auch als Traubenzucker oder veraltet Dextrose geläufig. Kommt natürlich in Obst, Gemüse und Honig vor. Ist für den Menschen der wichtigste Zucker.

Fructose: Trotz seines Namens kommt der Fruchtzucker nicht nur in Früchten vor, sondern auch in manchem Gemüse. Es ist die süßeste natürliche Zuckerart.

Lactose: Auch als Milchzucker bekannt. Ist nur etwa ein Viertel so süß wie Saccharose und wirkt sich günstig auf Verdauung und Darmbakterien aus.

Galactose: Bestandteil der Lactose, kommt somit in Milchprodukten vor, aber auch in Sojasoße und Wein. Deutlich weniger süß als etwa Glukose und Fructose.

Tagatose: Innerhalb der EU erst seit Kurzem zugelassen. Wird aus Galactose hergestellt, kommt aber auch natürlich vor. Fördert Karies nicht.

Maltose: Entsteht, wenn Stärke aufgespalten wird. Wird aufgrund seines Karamellgeschmacks in Backwaren und Getränken verwendet.

Isomaltulose: Kommt natürlich u.a. in Honig und Zuckerrohrextrakt vor, wird aber auch künstlich hergestellt. Besonders für Diabetiker geeignet.

Quelle: lifeline.de

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