Die Konsole fürs Pflegeheim

Die Barmer testet in fünf Pflegeeinrichtungen in Sachsen den Gesundheitseffekt von Videospielen. Spaß gibt es gratis dazu.

Roswitha Richter drückt den Knopf der Spielekonsole. Kunstfigur Anna erscheint auf dem Bildschirm und gibt ihr weitere Anleitungen. Zwischen Tanzen, Singen, Kegeln kann sie wählen. Sie möchte tanzen und streckt den Arm dafür nach links. Die Spiele werden mit Gesten gesteuert, die von einer Spezialkamera aufgenommen und auf den Bildschirm übertragen werden. "Am Brunnen vor dem Tore"? Die 81-Jährige schaut zu Jutta Hauser, die sich mit ihr bewegen will. Nein, beide entscheiden sich für "Atemlos". Und schon geht es los.

Anna zeigt ihnen die Bewegungen: rechter Arm, linker Arm in die Höhe, Beine vor und zurück, Oberkörper drehen. Die Frauen machen es nach. Inzwischen haben sie auch andere Bewohner der Alexa Seniorenresidenz Dresden angesteckt. Viele Arme gehen in die Höhe. Rollstuhlfahrer nehmen im Sitzen den Rhythmus auf. Roswitha Richter reicht es noch nicht. Sie probiert auch noch das Motorradfahren, legt sich dafür in die Kurve und überfährt auch mal eine Sperrlinie. Alle lachen. Monika Scholz, Chefin der Ergotherapie spornt an und macht selbst mit. Viel Spaß also beim Teststart gestern Vormittag.

Das Heim gehört zu den derzeit fünf Pflegeeinrichtungen in Sachsen, die an einem wissenschaftlich begleiteten Modellprojekt der Barmer-Pflegekasse teilnehmen, 100 sind es deutschlandweit. Dazu wurde vom Start-up Retro-Brain R & D eine Spielebox entwickelt, die an jeden Fernseher angeschlossen werden kann. Der Schwierigkeitsgrad ist anpassbar. "Ahmt der Senior zum Beispiel die Bewegungen beim Kegeln nach, trainiert er die Koordination von Hand, Augen und Armen", so Projektmanager Jens Brandis. "Beim Motorradfahren wird das Gewicht verlagert und die Aufmerksamkeit gefördert." Die Spiele würden Erkenntnisse aus der Altersmedizin, der Neuropsychologie sowie der Physio- und Musiktherapie nutzen. Gunter Wolfram, der Leiter der Seniorenresidenz in Dresden, erhofft sich, dass die Bewegung beim Spielen einen therapeutischen Nutzen zeigt. "Erste Erfahrungen in Hamburg und Berlin waren durchweg positiv", sagt er. In der Pilotphase hatten 34 Senioren zwischen 58 und 98 Jahren regelmäßig über sechs Monate gespielt. Im Gegensatz zu den Nicht-Spielern hätten sie ihre geistige Leistungsfähigkeit verbessert. Motorik, Ausdauer und Koordination waren nach der Spielephase besser als vorher. Selbst Schmerzen seien durch das ablenkende Spiel weniger wahrgenommen worden.

Ob die Spieleboxen künftig in anderen Pflegeheimen und auch bei der Pflege zu Hause eingesetzt werden, kann Sachsens Barmer-Geschäftsführer Fabian Magerl noch nicht sagen. Sachsens Gesundheitsministerin Barbara Klepsch (CDU), die die Schirmherrschaft für das Projekt übernommen hat, versprach, Förderungen dafür zu prüfen.

www.freiepresse.de/barmer

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