Die neuen jungen Alten

Manfred Drechsel ist mit 70 fitter als seine Eltern in dem Alter. Das hat mehrere Gründe. Wissenschaftler aus Chemnitz untersuchen nun, wie sich das körperlich und geistig erhalten lässt.

Manfred Drechsel läuft auf der Stelle und löst gleichzeitig Kettenaufgaben, die auf einem Bildschirm vor ihm erscheinen. Hat er das Zwischenergebnis, rechnet der 70-Jährige damit weiter. Dazu muss er mal das rechte, dann das linke Bein heben oder rückwärts laufen. Es gelingt ihm gut, beides zu koordinieren, obgleich schon jüngeren Männern nachgesagt wird, dass sie nicht multitaskingfähig sind, also nicht mehrere Aufgaben auf einmal bewältigen können. Auch Farben, Formen und andere Dinge kann er zuordnen - mal schneller, mal langsamer.

Der Chemnitzer hat an einem zwölfwöchigen Training an der Technischen Universität seiner Heimatstadt teilgenommen. Dabei soll herausgefunden werden, wie sich geistige und körperliche Fitness im Alter erhalten lassen und welches Training, welche Aktivitäten sich für wen am besten eignen. Die Ergebnisse könnten auch Rückschlüsse darauf zulassen, wie sich die Fitness im Vergleich zu früheren Generationen verändert hat.

"Wir kombinieren Denk- und Gleichgewichtsaufgaben, testen Gedächtnisleistungen, Aufmerksamkeit, logisches Denken und die Fähigkeit, Probleme zu lösen - auch auf dem Laufband und am Fahrsimulator", sagt Forschungsleiterin Professor Claudia Voelcker-Rehage. Mit der Auswertung sei man noch am Anfang. "Aber klar ist, dass Ältere heute fitter sind als noch vor 30, 40 Jahren", erklärt die Professorin für Sportpsychologie. Sie sieht dafür vielfältige Ursachen: Eine bessere medizinische Versorgung, ein gesünderes und bewussteres Leben, aber auch andere Lebensläufe, eine längere aktive Arbeitsphase und ein aktiver Ruhestand gehören dazu.

Einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zufolge steigt die Lebenserwartung weiter. Das bestätigen Zahlen des Statistischen Landesamtes Sachsen. Danach waren Ende 2018 im Freistaat mehr als eine Million Menschen 65 Jahre und älter. Das sind 26,1 Prozent der Gesamtbevölkerung. 2035 sollen es schon mehr als 30 Prozent sein. Voelcker-Rehage sieht dafür noch einen anderen Grund. "Während des Zweiten Weltkrieges und unmittelbar danach, also in der Zeit der Eltern-Generation der heute 70-Jährigen, hatten die Menschen ganz andere Sorgen. Sie mussten ums Überleben kämpfen. An Sport oder gesunde Lebensweise war nicht zu denken." Vieles, was sie entbehren mussten, hätten sie später nachgeholt - reichhaltig zu essen zum Beispiel. Das einfache Leben, das sie in den Jahren nach dem Krieg gewohnt waren, ist dagegen bei vielen geblieben.

Manfred Drechsel kann das bestätigen. "Meine Eltern haben sparsam gelebt und selbst gekocht - traditionelle Küche wie Rouladen, Schweinebraten, Sülze, Schmalz, allerdings auch mit Gemüse aus dem eigenen Garten." Restaurantbesuche oder Kulturveranstaltungen hätten sie sich selten gegönnt. Dabei waren beide berufstätig - der Vater Brigadier im Werkzeugmaschinenbau, die Mutter hat halbtags als Schreibkraft in einem volkseigenen Betrieb gearbeitet. Vom Gehalt und später von der Rente hätten sie lieber für die Enkel gespart. "Die Rente war für ihre Ansprüche ausreichend", sagt Drechsel. "Sport beschränkte sich auf Spaziergänge. Bei Vater kam das Radfahren in den Garten dazu, zehn Kilometer hin und zurück."Sohn Manfred wäre das zu wenig. Früher hat er Tischtennis und Eishockey gespielt, heute schwimmt er noch 1000 Meter pro Woche, fährt Rad und macht Rehasport. Auch Kochen aus frischen Zutaten ist seine Leidenschaft, gern mediterran oder asiatisch, Weihnachten auch traditionell. Die Liebe zum Garten hat er von seinen Eltern, wobei er dort mehr die handwerkliche Arbeit übernimmt. Den grünen Daumen hätte seine Frau, sagt er.

Manfred Drechsel zieht Parallelen. Doch dann muss er sich wieder auf seine Aufgaben konzentrieren. "Heben Sie jetzt das linke Bein und drücken Sie, wenn ein Signal erscheint", sagt Psychologiestudentin Rosa Kuckhahn. Für den 70-Jährigen eine gute Gelegenheit, sich auszutesten. Nach den ersten Trainingseinheiten ist er ganz zufrieden mit sich.

"Meine Mutter hatte in dem Alter bereits starken Diabetes und mein Vater nach einem Herzinfarkt eine Stent-OP hinter sich", sagt er. Er selbst müsse lediglich wegen leichten Bluthochdrucks Medikamente nehmen. Und er ist froh darüber, denn der Drang zu allerlei Unternehmungen ist groß. Mit seiner Frau ist er viel in Europa unterwegs, oft auch bei Konzerten und in Museen. Regelmäßig besuchen beide ihren jüngeren Sohn, der in Zürich lebt. Auch beim Älteren waren sie schon in den USA. Seine Eltern hätten nur im Land Urlaub gemacht - in Ferienheimen des FDGB, des DDR-Gewerkschaftsbundes. "Einen Pkw, wie er heute für uns selbstverständlich ist, hatten sie nicht", sagt Manfred Drechsel. Selbst nach 1990, wo sie es noch gekonnt hätten, seien sie nicht ins Ausland gereist. Für das Ehepaar Drechsel ist das heute selbstverständlich. Manfred hat nach seinem Studium sehr gut verdient, ist jetzt mit seiner Rente zufrieden - und weiß neben Sport und Reisen noch viel mit seinem Rentnerdasein anzufangen.

Nach seiner aktiven Zeit als Gitarrist und Mitglied einer Band ist bis heute die Liebe zur Musik geblieben. Seine frühere Bastelleidenschaft hat er wiederentdeckt. Seit seinem Rentenbeginn ist er Mitglied eines Mal- und Zeichenzirkels. Und während seine Eltern in einer Mietwohnung gelebt haben, hat sich das Ehepaar Drechsel zur Altersvorsorge eine Eigentumswohnung angeschafft. Existenzängste wie andere Menschen ihres Alters müssen die Chemnitzer nicht haben. Der Senior kann bewusst sein aktives Leben genießen.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...