Die stille Gefahr im Bauch

Eine erweiterte Bauchschlagader endet oft tödlich. Der neue Barmer- Report zeigt, wie das Risiko verringert werden kann.

Albert Einstein ist daran gestorben, Thomas Mann und Charles de Gaulle ebenso: Wenn die Bauchschlagader platzt, kommt es zur inneren Verblutung. Dann ist schnelle Hilfe nötig - oder die Patienten versterben qualvoll.

Das Tückische daran ist, dass viele Betroffene gar nichts von der Gefahr wissen. "Studien zufolge leiden allein in Deutschland rund 200.000 Frauen und Männer über 65 Jahren an einer erweiterten Bauchschlagader", sagte Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer, am Donnerstag bei der Vorstellung des neuen Krankenhausreports. Im Auftrag der Krankenkasse hat das RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung untersucht, wie Patienten versorgt werden und die Sterberate verringert werden kann. Die Ergebnisse sind aufschlussreich - und insbesondere für Sachsen mit einer guten Nachricht verbunden.

Die Deutsche Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin geht davon aus, dass fünf von hundert Männern über 65 unter einem Bauchaortenaneurysma - so die genaue Bezeichnung - leiden. Bei Frauen sind es etwa zwei Prozent. Ursache ist meist eine Gefäßverkalkung; zu den Risikofaktoren gehören Rauchen und erbliche Veranlagung. In der Regel leiden die Patienten zudem an anderen Krankheiten wie Bluthochdruck und Diabetes.

Fakt ist: Wird das Aneurysma rechtzeitig erkannt, bestehen gute Heilungschancen. In England, den USA und Schweden hätten sich Screening-Programme zur Früherkennung seit Jahren bewährt, berichtete Professor Boris Augurzky vom RWI. Deshalb haben seit diesem Jahr auch in Deutschland Männer ab 65 Jahren einen Anspruch darauf, sofern sie gesetzlich versichert sind. Wird bei der Untersuchung ein Aneurysma festgestellt, kann eine konservative Therapie den Krankheitsverlauf verzögern. Ab einem Durchmesser von über 5,5 Zentimetern - oder bei einem Riss (Ruptur) - muss allerdings operiert werden.

Statistiken weisen für den Zeitraum 2006 bis 2016 einen Anstieg der Operationen bei Patienten ohne Ruptur um rund 25 Prozent auf mehr 10.400 aus. Wegen der fortschreitenden Alterung der Gesellschaft sei auch künftig mit einer steigenden Patientenzahl zu rechnen, prophezeite Augurzky.

Doch welche Operationsmethode ist dafür am besten geeignet? Noch vor zehn Jahren erfolgten die meisten Eingriffe konventionell, also offen-chirurgisch. Inzwischen hat sich die endovaskuläre Methode durchgesetzt. 2016 wurden bereits vier von fünf Patienten ohne Ruptur mit der sogenannten Schlüsselloch-OP behandelt. Sachsen ist dabei Vorreiter; hier werden inzwischen fast 86 Prozent der Patienten minimal-invasiv operiert, während es im Saarland lediglich 61 Prozent sind.

Bei der endovaskulären Therapie werden lediglich zwei kleine Einschnitte in der Leiste gemacht und ein Stent durch die Arterie geschoben. Das geht schneller, bringt weniger Belastungen für den Patienten - und senkt das Sterberisiko. "So war die Sterberate drei Jahre nach einem planbaren Eingriff um zwei Prozentpunkte geringer, wenn die Operation minimal-­invasiv erfolgte", berichtete Straub.

Allerdings sei diese Methode teurer, ergänzte Augurzky. Außerdem müssten diese Patienten deutlich häufiger erneut wegen eines Aortenaneurysmas im Krankenhaus behandelt werden. Dies gelte auch für Patienten, bei denen die Schlagader bereits geplatzt ist. Mit Blick auf die Patienten sollte dennoch der minimal-invasive Eingriff favorisiert werden, sagte der Wissenschaftler.

Im Gefäßzentrum der Helios Weißeritztal-Kliniken werden inzwischen 95 Prozent aller Patienten mit Bauchaortenaneurysma ohne Ruptur minimal-invasiv operiert, sagt dessen Leiter, Dr. Joachim Florek. "Allerdings ist das nicht immer möglich, weil anatomische Voraussetzungen dies behindern." Als Beispiele nannte er zu enge Zugangsgefäße, eine zu starke Abknickung der Gefäße oder verschlossene Beckenschlagadern, etwa beim Raucherbein.

Der Barmer-Report bestätigt zudem, was bereits bei anderen Erkrankungen nachgewiesen wurde: Je mehr Erfahrung eine Klinik hat, desto besser sind die Behandlungserfolge. Dies gelte zumindest für die offen-chirurgischen Eingriffe, sagte Augurzky. So sei die Sterblichkeit (gemessen nach einem Jahr) in jenen Krankenhäusern signifikant niedriger, die den Eingriff relativ häufig durchführen. Einen zusätzlichen Vorteil hätten Patienten, die in einem zertifizierten Gefäßzentrum mit der Schlüsselloch-OP behandeln werden. In Sachsen verfügen derzeit sechs Zentren über ein von der Fachgesellschaft ausgestelltes Zertifikat, vornehmlich in und um Dresden. Sie müssen nicht nur bestimmte Vorgaben zum Personal und zur Ausstattung erfüllen, sondern auch jedes Jahr Mindestmengen an Operationen erfüllen.

Als Konsequenz forderte Barmer-Chef Christoph Straub die Einführung einer Mindestmenge für planbare Eingriffe. Der Gemeinsame Bundesausschuss müsse für operative Eingriffe Richtgrößen pro Standort und Operateur auf Bundesebene festlegen. "Krankenhäuser, die Leistungen erbringen, ohne diese Mindestmenge zu erreichen, sollen künftig keine Vergütung mehr erhalten", betonte Straub.

Bei den Kliniken kommt diese Idee gar nicht gut an. "Die Vorstellung von Herrn Straub unterstellt die Übertragung des Versorgungsstandards aus dem vertragsärztlichen Bereich einer Einzelpraxis auf die Institution Krankenhaus", sagte Stephan Helm, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Sachsen, der "Freien Presse".

"Unseres Erachtens ist das nicht möglich und entspräche nicht den Grundsätzen einer modernen Krankenhausversorgung." Im Übrigen sei "bei einer solchen schlichten Vorgehensweise" ein nächster Ärztemangel und somit die Gefährdung der Versorgung zu befürchten. Damit beschreibt Helm die Befürchtung, dass die Spezialisierung zu einer Konzentration der OPs an wenigen Kliniken führt - zum Nachteil jener Menschen, die fernab der Zentren wohnen. Und wenn die Richtgrößen pro Operateur gälten, würden nur noch wenige Ärzte operieren und die Ausbildung von Nachwuchsmedizinern leiden.

Kassenchef Straub warb zudem für eine rege Inanspruchnahme der kostenlosen Vorsorgeuntersuchung - auch wenn es dadurch mehr Operationen geben werde. Doch das Wohl der Patienten sollte dies wert sein, wie auch Gefäßspezialist Dr. Florek bestätigt: "Seitdem das Ultraschallscreening der Bauchaorta von den Kassen bei Männern über 65 bezahlt wird, werden mehr Bauchaortenaneurysmen entdeckt und rechtzeitig behandelt - und es gibt weniger Rupturen."


Warnsignale und Vorsorge 

Anzeichen für eine erweiterte Bauchschlagader können Rückenschmerzen und Beschwerden in der Nierengegend sein. Platzt die Ader, kommt es zu unerträglichem Bauchschmerz mit Ausstrahlung in den Rücken.

Seit diesem Jahr haben gesetzlich versicherte Männer ab 65 Jahren einmalig Anspruch auf eine kostenlose Screening-Untersuchung.

Beim Screening werden der Bauch abgetastet und eine Ultraschalluntersuchung durchgeführt. Auch die erbliche Veranlagung wird abgefragt.

Die Vorsorgeuntersuchung führen gefäßchirurgische Spezialisten in Ambulanzen und Praxen durch. (rnw)

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