Drei Wochen Ayurveda - drei Kilo leichter

Eine traditionelle Kur besteht aus drei Stufen. "Freie Presse"-Kolumnistin Marlies Fuchs hat sie in Indien absolviert und erzählt, wie es ihr dabei ergangen ist.

Eigentlich müsste ich meine erste Behandlung genießen. Stattdessen bin ich verärgert, weil es mir zu heiß ist, ich müde bin und mir alles zu viel ist nach dem langen Flug. Dabei hatte ich mich auf meine zweite Ayurvedakur in Kovalam im Süden Indiens gefreut, nachdem ich beim ersten Mal drei Kilo abgenommen hatte. Dr. Kiran Bhat bittet mich zum Wiegen, zur Puls- und Zungendiagnose. Seine anschließenden Ernährungsempfehlungen verbessern meine Laune nicht: Früh nur gedünstetes Obst. Mittags darf ich ein vegetarisches Gericht oder Salat und Gemüsesmoothies wählen, keinerlei Kohlenhydrate. Abends soll ich mich für Suppe und vegetarische Gerichte entscheiden.

Ergänzend gibt es Verhaltensregeln: nichts zwischen den Mahlzeiten essen, nichts Kaltes zu sich nehmen und auf Milchprodukte, Alkohol, Bohnenkaffee und Fleisch verzichten. Alle Sorten Tee sind erlaubt. Ich soll mindestens zwei Liter warmes Kräuterwasser am Tag trinken und mindestens anderthalb Stunden am Tag laufen. Tagsüber schlafen ist verboten. Klingt nach totalem Verzicht. Dass es kein Wellnessurlaub wird, die Zimmer sehr einfach und auch Entbehrungen nötig sind, wusste ich. Und trotzdem haderte ich mit der Indienreise.

Ayurveda, das "Wissen vom Leben", betrachtet den Menschen ganzheitlich. Es geht um gesunde Lebensführung, Heilkunst und Ernährungslehre. Bei der Panchakarmakur steht das Zusammenwirken von Körper, Seele, Geist und Umwelt im Mittelpunkt. Die drei "Doshas", Vata, Pitta und Kapha, sollen im Gleichgewicht sein. Ihr Ungleichgewicht - verursacht zum Beispiel durch Klima, Emotionen, Lebensweise, Lebensalter, Ernährung oder Veranlagung - kann krank machen, manchmal schleichend und langsam. Das will Ayurveda verhindern beziehungsweise in Ordnung bringen.

"Panchakarma besteht aus drei aufeinanderfolgenden Verfahren: Vorbereitung des Körpers, gründliche Reinigung und Ausgleich zu seiner wahren Beschaffenheit", sagt Dr. Kiran Bhat.

Die Vorbereitung: Die vorbereitende Stufe umfasst verschiedene Anwendungen: Ölmassagen, um den Körper geschmeidig zu machen, Dampfbad und spezielle Reinigungsprozeduren, um die Schadstoffe aus dem Körper zu leiten.

Beim Frühstück erkennt mich der Kellner vom Vorjahr wieder und weiß sogar noch, was ich damals immer bestellt habe. Was für eine nette Überraschung. Außerdem bin ich erfreut, wie gut das gedünstete Obst schmeckt und wie lange ich satt bin. Meine Vormittagsbehandlung tut ganz schön weh. Wie kann man bloß derart verkrampfte Muskeln haben? Die Kopf- und Gesichtsmassage dagegen ist eine Wohltat. Zum Mittagessen bestelle ich mir mein Lieblingsgericht, Aloo Gobi, ein Blumenkohlcurry. Am Nachmittag beim "verordneten" Gang am Strand, immer mit den Füßen im warmen Wasser, die Sonne und die vielen bunt gekleideten Inder um mich herum, fällt plötzlich der ganze Druck von mir ab. Wie schön, wieder hier zu sein.

Am nächsten Morgen ist es noch dunkel, als um 6 Uhr Yoga beginnt. Die sanften Dehnungen, später auch das Vogelkonzert bei Sonnenaufgang, entschädigen mich für das frühe Aufstehen. Und schon geht es wieder los: eine Ölmassage, dann Obstfrühstück. Über meine Garderobe brauche ich mir keine Gedanken zu machen. Ölig oder auch mit Schlamm beschmiert, wie ich je nach Behandlung von Kopf bis Fuß bin, ist mir die Einheits-Tuchkleidung sehr recht.

Am Nachmittag fragt mich der Arzt, wie ich mich fühle. Er lebt den ganzen Tag mit uns im Ressort, führt Gespräche und ist auch immer wieder in der Küche zu sehen, wo er die Zubereitung der Speisen kontrolliert und selbst zugreift. Die Ernährung spielt im Ayurveda nämlich eine besondere Rolle. Deshalb werden hier im zugehörigen Restaurant vorwiegend regionale Produkte verarbeitet, und es ist selbstverständlich, dass alles frisch zubereitet wird. Das braucht natürlich seine Zeit, daran muss ich mich erst einmal gewöhnen. Dr. Bhat beobachtet genau, wie sich die Gäste fühlen. Auch das gibt ihm Hinweise auf unser Befinden und die Behandlungen und Medikamente. Jeder bekommt individuell Kräuterpräparate, die zertifiziert sind und keine mineralischen Bestandteile enthalten.

Die Reinigung: Nach einigen Tagen ist der Ausleitungs- oder Reinigungstag dran. Wenn der Körper durch die Behandlungen und Kräuter gut darauf eingestellt ist, soll er entgiftet und entschlackt werden. Wann es so weit ist, bestimmt der Arzt individuell. Das Ganze ist gar nicht so schlimm, wie man denken könnte. Am Morgen bekommt man einen Kräuter- oder Öltrunk oder flüssiges Ghee (geklärte Butter), was beim Abführen hilft.

Der Ausgleich: Am nächsten Tag fühle ich mich frisch und wirklich erleichtert. Ab sofort darf ich endlich auch wieder Reis essen und bekomme aufbauende Kräuter. Denn darum geht es jetzt in der zweiten Phase, die bis in den Alltag zu Hause reicht. Jedem werden Kräuterpräparate zur Nachsorge mitgegeben, Ernährungs- und Verhaltenshinweise besprochen. Ich habe mich aus Begeisterung für das ayurvedische Essen noch vier Wochen lang zu Hause danach gerichtet, bis ich dann irgendwann wieder Appetit auf Fleisch hatte. Eine ganze Reihe der Essens- und Verhaltensregeln sind jedoch dauerhaft in mein Leben eingezogen.

Das Ergebnis: Nach drei Wochen Kur war ich zunächst enttäuscht, dass nicht sofort eine energievolle Phase einsetzte. Mein Körper hat zu Hause noch etwa zwei Wochen lang viel Ruhe und Schlaf gebraucht. Dann jedoch hatte ich ein richtig gutes Gefühl. Die drei Kilogramm Gewichtsverlust machten sich als Leichtigkeit im Sein bemerkbar. Wieder einmal ist mir bewusst geworden, dass eine Gewichtsreduzierung ohne körperliche Betätigung schwierig ist. Ich gebe mir nun auch zu Hause mehr Mühe, ein bis anderthalb Stunden am Tag zu laufen. Geblieben sind auch viele Anregungen für indische Gerichte zum Nachkochen.

Ein Kurtag im Arya Ayurvedic Panchakarma Centre in Kovalam kostet ca. 76 Euro ohne Flug.

www.ayurvedainindien.com

Marlies Fuchs 

Die Autorin (69) arbeitet seit mehr als 25 Jahren auch als Personaltrainerin und Coach. Sie beschäftigt sich schon lange nebenberuflich mit Fragen der gesunden Lebensweise. Sie kocht sehr gern und ist immer auf der Suche nach neuen Ideen, wie man sowohl genussvoll als auch figurfreundlich essen kann.

Ayurveda ist mehr als Wellness

Bei Ayurveda denken viele an Massage. Es ist aber auch eine ausgeklügelte Ernährungslehre. Vorsicht gilt bei Medikamenten.

Ayurveda-Gesundheitsberater Volker Mehl vergleicht die Ernährungslehre mit einem Energiesparmodell. Sie setzt auf warme Mahlzeiten, damit der Körper weniger Energie für die Verdauung aufwenden muss. Der Tag beginnt deshalb mit einem warmen Brei. Außerdem wichtig: regelmäßig und in Ruhe zu essen. "Sonst verliert sich die Seele", sagt Mehl.

Die ayurvedische Lehre geht davon aus, dass manche Nahrungsmittel nicht für jeden geeignet sind. Wer sich wie ernähren sollte, hängt von den sogenannten Doshas ab. Die Idee dahinter ähnelt der anderer traditioneller Gesundheitskonzepte wie der antiken Lehre der vier Säfte. Im Ayurveda sind es Bioenergien, die im Körper der Menschen wirken: die drei Doshas Vata, Pitta und Kapha. Ihnen werden bestimmte Eigenschaften zugeschrieben - Vata etwa "kalt, leicht und trocken".

Je nachdem, in Richtung welcher Dosha der Einzelne neigt, soll er der Lehre zufolge mit seiner Ernährung für Ausgleich sorgen. Überwiegt Vata, kann er beispielsweise süß und saftig essen, um diese Dosha etwas zu reduzieren. Letztlich geht es darum, ein Gleichgewicht zu schaffen. Mehl rät, klein anzufangen - zum Beispiel morgens ein warmes Frühstück zu essen.

Wissenschaftlich belegt ist eine heilende Wirkung von ayurvedischer Medizin nicht, sagt der Ernährungsmediziner und Diabetologe Matthias Riedl. Das solle jedoch nicht davon abhalten, sie auszuprobieren. Zu Vorsicht rät Riedl aber bei ayurvedischen Medikamenten. Bei ihnen müsse man auf die Dosierung und auf die Herkunft achten. "Auch Pflanzen haben mitunter Nebenwirkungen", betont er. Es seien schon nicht-zertifizierte Ayurveda-Medikamente aufgetaucht, die mit Schwermetallen belastet waren. Dass Kräuter und Gewürze bei bestimmten Symptomen helfen können, sei dagegen unbestritten: Ingwer beispielsweise hat sich gegen Entzündungen bewährt, Weihrauch wird bei rheumatischen Beschwerden eingesetzt.

Dass Ayurveda nicht unbedingt mit Verzicht und Askese zu tun hat, will Doris Iding vermitteln. Sie hat gemeinsam mit Markus Dürst und Johanna Wäfler das Buch "Sinnliche Ayurveda-Küche" geschrieben. Darin beschäftigen sie sich unter anderem mit der anregenden Wirkung bestimmter Gewürze. Chili wirke sehr stimulierend, Safran gelte traditionell als Aphrodisiakum. "Früher sagte man, dass es sexuell enthemme." Auch Zimt und Vanille seien warme, anregende Gewürze.

Iding will zeigen, dass es in der ayurvedischen Ernährungslehre darum geht, Lebensmittel mit allen Sinnen zu genießen. Keine Zeit zu haben, lässt sie nicht als Ausrede durchgehen. "Wenn ich mich bewusst dafür entscheide, finde ich auch die Freiräume." Zeit, betont sie, ist generell eine der wichtigsten Zutaten für eine gesunde Ernährung. Unabhängig davon, welchem Konzept man folgt. (dpa)

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