Ein Plädoyer für die besten Jahre

Vielen Frauen fehlt es in der Lebensmitte an einem Lebenskonzept. Drei Ideen, wie sich das ändern lässt.

Rund um die 40 haben wir in der Regel viel erreicht, wovon wir früher nur träumen konnten. Nie ging es uns besser als heute. Wir haben beruflich etwas aufgebaut. Wir haben Lebenserfahrung. Wir haben eine schöne Wohnung, einen guten Freundeskreis, die Kinder sind unterwegs ins Leben. Wir sind schön und fit und guter Dinge. Doch dann kommt es anders. Manchmal über Nacht und deutlich zu spüren, manchmal unbemerkt. Körper und Geist verändern sich und schränken uns vielleicht sogar ein.

Ab Mitte 40 habe ich die mediale Berichterstattung zu Lebensmittethemen bewusster wahrgenommen und mich auf der einen Seite gefragt, ob nicht die vielen genauen Beschreibungen der Symptome und Probleme dazu führen, dass wir geradezu auf sie warten. Auf der anderen Seite habe ich mich gewundert, warum wir Frauen, die wir so gern über alles reden, diese neue Lebenssituation im vertrauten Kreis so wenig thematisieren.

Meine Urgroßmutter ist über 80 geworden. Nicht selbstverständlich für diese Generation, die zwei Kriege erlebt hat. Statistisch gesehen wurden Frauen vor dem ersten Weltkrieg im Schnitt 48 Jahre alt, bis zum zweiten 63. Heute liegt unsere Lebenserwartung bei ungefähr Mitte 80. Dies heißt, dass unsere Ururgroßmütter das Thema Wechseljahre statistisch gesehen gar nicht kannten. Sie haben sie schlicht nicht erlebt. Unsere Großmütter und Mütter haben eventuell nicht darüber gesprochen. Oder sie hatten ein anderes Lebenskonzept, nämlich mit 50 bis 60 kürzerzutreten, weniger Stress und Selbstüberforderung zu leben. Wir haben heute ganz andere Optionen, denn "50 ist das neue 40" und wir nennen uns "Best Ager".

Das Phänomen, das Wechseljahre oder Lebensmitte genannt wird, dauert viel länger, als wir immer so meinen. Wir machen es zu sehr an Symptomen fest. Ich fände es besser, den Gesamtzustand, die Leistungsfähigkeit unseres Körpers und unseres Geistes als Ganzes zu betrachten. Unser Körper verändert sich, ob mit oder ohne Symptome. Das Herz, die Knochen, Muskeln, Haut, Haare, Augen, der Stoffwechsel, die Lust und vor allem unsere Leistungsfähigkeit vermissen die Hormone.

Beim Thema Leistungsfähigkeit verstärken sich zwei Faktoren gegenseitig. Einmal, dass der Körper durch die Veränderungen in der Lebensmitte weniger energie- und kraftvoll ist, zum Beispiel durch die Kombination aus weniger erholsamem Schlaf, abnehmender Muskelkraft und verstärkter Dünnhäutigkeit. Zum anderen trifft die neue Lebenssituation auf viele Jahre der Überforderung bei fehlendem Ausgleich. Schauen Sie einmal zurück, dann werden Sie feststellen, dass wir stets in dieselbe Richtung agieren: immer mehr schaffen. Wir nehmen uns immer mehr vor. Der Druck, unter den wir uns selbst setzen, weil wir viel erreichen und leisten wollen, wächst ständig.

Einmal spürbar in der Lebensmitte angekommen, stellt sich die Frage: Was nun? In meiner Wahrnehmung fehlt es vielen Frauen an einem Lebenskonzept für die nächsten 10, 20, 30 Jahre. Es gilt, ganz bewusst Entscheidungen zu treffen. Und zwar nicht für schlechte Kompromisse, sondern für das jeweils individuelle Optimum. Wir sollten nach individuellen Antworten suchen - und zwar so lange, bis wir sie haben. Machen Sie den Spiegeltest. Schauen Sie hinein und fragen Sie sich unter zwei Augen, ob Sie die Frau sehen, die Sie in diesem Moment sein wollen. Ich meine damit nicht, wie viele Falten Sie haben oder ob Sie fünf Kilo zuviel wiegen. Sondern, ob Sie das ausstrahlen, sich so fühlen, wie Sie es wollen. Sehen Sie Lebensfreude, Beweglichkeit, Energie, Liebe? Wie wir mit uns umgehen und was wir über uns denken, spiegelt sich in unserem Körper.

Wir sollten uns fragen, wo wir bezüglich Körper und Geist, Karriere und Beziehungen gerade stehen. Und weiter: Will ich mein Leben und Leisten den neuen reduzierten Bedingungen meines Körpers anpassen? Oder will ich so weiterleben wie bisher? Es gibt darauf keine bessere oder schlechtere Antwort. Nur Konsequenzen. Falls ich so weiterleben möchte wie bisher, folgt eine zweite Entscheidung: Lasse ich meinen Körper und Geist allein oder helfe ich ihnen, leisten zu können, was ich mir vorstelle? Die problematischste Variante ist die, weiter aus dem Vollen schöpfen zu wollen und Körper und Geist nicht zu unterstützen. Dann fordern wir den schon beanspruchten Batterien etwas ab, was sie nicht mehr leisten können.

Häufig lassen wir gerade in dieser anspruchsvollen Zeit unser Gehirn machen, was es will. Doch so, wie wir denken und fühlen, handeln wir. Wir sitzen zum Beispiel in der Grübelfalle, konzentrieren uns auf Probleme statt auf Lösungen und steuern unser Denken zu wenig.

Meine drei Ideen: Wir müssen erstens besser denn je vorher wissen, was wir wollen, anstatt, was wir nicht wollen. Anschließend sollten wir unsere täglichen Routinen darauf abstimmen. Zweitens sollten wir uns mit guten Gedanken umgeben. Je mehr positive Gedanken wir haben, umso mehr positive Dinge und Möglichkeiten werden wir wahrnehmen und Kraft für die Lösung der existierenden Probleme haben. Und drittens sollten wir uns das Leben leichter machen. Das bedeutet, in unserem Kopf aufzuräumen - beispielsweise mit Kränkungen, falschen Idealen, Verletzungen - und den Körper von schlechten Gewohnheiten zu befreien, wie zu wenig Bewegung oder falschen Diäten.

Ich habe mich dafür entschieden, dass jetzt gerade die besten Jahre meines Lebens laufen. Und dafür tue ich alles, was nötig ist. Sind Sie dabei? Das wäre toll. Denn dann stecken wir uns mit guten Beispielen gegenseitig an.

Psychologin, Coach und Kolumnistin

Autorin Dr. Ilona Bürgel ist Diplom-Psychologin und zählt zu den führenden Vertretern der Positiven Psychologie im deutschsprachigen Raum. Sie ist in Dresden als Coach tätig, hat mehrere Bücher geschrieben, verfasst für die "Freie Presse" die Kolumne "Psychotalk".

Am 18. September, 18.30 Uhr können Sie Diplom-Psychologin Dr. Ilona Bürgel live erleben: "Jetzt sind die besten Jahre meines Lebens: Wir Frauen in der Lebensmitte" heißt die Veranstaltung mit ihr im Haus der Presse Dresden, Ostra-Allee 20.

Karten für 15 Euro, mit Pressekarte 13 Euro. Verbindliche Anmeldung per Mail an: leben@redaktion-nutzwerk.de. Eintritt an der Abendkasse.

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