Endlich wieder sitzen ohne Schmerzen

Haltungscoach Nükhet Wieben über die Ursachen von Rückenproblemen und wie man seinen Beckenstand kontrolliert

Fast jeder dritte Sachse hat Rückenschmerzen, aber eine organische Ursache gibt es dafür nur in den seltensten Fällen. Das Problem fängt meist beim Sitzen an - und könnte genau da sein Ende nehmen. Davon ist Nükhet Wieben überzeugt, seit sie mit wenigen, aber konsequent wiederholten Übungen ihr ausgeprägtes Hohlkreuz und den Rundrücken wegtrainierte. Seit zehn Jahren arbeitet sie als Haltungscoach und hat über 2000 Kurse geleitet. Susanne Plecher hat mit der 36-jährigen Autorin gesprochen.

Freie Presse: Frau Wieben, wie merke ich, dass ich falsch sitze?

Nükhet Wieben: Indem Sie Ihre Sitzhaltung überprüfen. In 90 Prozent der Fälle sieht die so aus, dass das Becken nach hinten kippt, die Wirbelsäule rund wird und das Brustbein einsinkt. Dadurch wölbt sich der Rücken nach außen, der Bauch steht vor. Sie empfinden das als bequem. In Wahrheit ist es aber ein eingesunkenes Sitzen. Wenn das Becken schief steht, badet das die Wirbelsäule aus. Leider bringen zu wenige Menschen ihre Sitzhaltung mit den Rückenschmerzen in Verbindung.

Die Haltung kenne ich. Aber warum sitzen so viele falsch? Brust raus, Bauch rein: So schwer kann das doch eigentlich nicht sein.

Wenn es so einfach wäre, hätte ich das Buch nicht geschrieben. Das Grundproblem ist, dass wir unseren Rücken nur bis zum Hosenbund wahrnehmen, aber nicht bis zu den Sitzbeinknochen. Wir haben vergessen, wie Sitzen geht. Als Zweijährige konnten wir das noch. Da plumpsten wir auf unseren Popo, die Wirbelsäule blieb lang und der Kopf schwebte in der Luft. Wir waren natürlich aufgerichtet, unser Skelett optimal ausgerichtet. Heute kippen wir das Becken oft nach hinten, was zum Rundrücken führt, oder nach vorn, was im Hohlkreuz endet. In beiden Fällen wird die Wirbelsäule gestaucht. Chronische Rückenschmerzen, Bandscheibenvorfälle, Hexenschuss, Ischias - das fängt alles mit dem Beckenstand an.

Was ist Ihr Rezept?

Das setzt sich zusammen aus der Stärkung der Tiefenmuskulatur, aufmerksamem Sitzen und bewusstem Atmen. Muskeln sind die beste Rückenstütze, die es gibt. Wir haben über 200, die sich direkt an der Wirbelsäule befinden, sie stärken und stützen. Das ist die Tiefenmuskulatur. Sie ist in uns allen angelegt. Wer Rückenschmerzen oder Verspannungen hat, nutzt sie nur nicht genug. Sie wird am besten durch Gleichgewichtsübungen trainiert, aber in unserem Alltag verkümmert sie. Als Kinder sind wir über Baumstämme balanciert, über unebene Wiesen gerannt und Bäche gesprungen. Wer macht das als Erwachsener denn noch? Aber Muskeln, die nicht bewegt werden, dünnen aus. Das Gleiche gilt für die Knochen. Welchen Beschwerden wir im Lauf unseres Lebens begegnen, hängt von unseren Gewohnheiten ab.

Viele trainieren im Fitnessstudio. Hilft das nicht?

Für die Tiefenmuskulatur meist leider nicht viel, denn es fordert nur die äußeren Muskeln. Wir haben Rückenschmerzen und bekommen sie trotz Therapien und Schmerzmittel nicht in den Griff, weil wir das Problem im Rücken suchen und weder im Beckenstand noch in der Verbindung von Becken und Wirbelsäule.

Was ist denn der ideale Beckenstand?

Er ermöglicht es der Wirbelsäule, sich kompromisslos aufzurichten, sodass es weder Stauchungen an Wirbelkörpern noch an den hinteren Dornfortsätzen gibt. Man kann ihn üben, indem man seine Hände an die Darmbeinstachel legt, also kurz unterhalb des Hosenbundes. Dann stellt man die Sitzknochen senkrecht, ohne ins Hohlkreuz zu fallen und den Bauch herauszustrecken. Die Lendenwirbelsäule ist leicht nach innen gebeugt. Dann steht das Becken gerade, die Wirbelsäule zieht sich von unten nach oben lang. Durch die Länge, die entsteht, haben die Wirbel Platz. Der Brustkorb richtet sich automatisch mit auf. Allein das bringt Erleichterung bei Schulterschmerzen. Bei optimalem Beckenstand stehen Schambein und Kreuzbein parallel zueinander.

Und das geht alles im Sitzen?

Natürlich! Wenn die innerste Muskulatur durch bestimmte Übungen aktiviert ist, hilft eine Dehnung pro Tag und konsequentes Aufrechtsitzen. Das ist als Training ausreichend. Wir können die Sitzübungen machen, wann immer wir auf einem Stuhl sitzen. Sie haben schon Kreuzschmerzen und sogar Blasenschwäche in kurzer Zeit gelindert. Wenn wir ohnehin die ganze Zeit im Büro sitzen, können wir das doch auch nutzen, um unsere Haltung zu korrigieren und die Tiefenmuskulatur zu trainieren, oder?

Nükhet Wieben

Die Sachbuchautorin ist Haltungscoach und arbeitet seit 2012 in Zürich.

Seit 2009 unterrichtet sie die Cantenienca-Methode für Körperform und Haltung.

Geboren wurde sie 1983 in Schleswig-Hohlstein.

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