Geburtshilfe in der Krise

Zu viele Kaiserschnitte, zu wenig Betreuung: Eine Initiative fordert gesetzliche Hilfe und hofft am Freitag auf den Bundestag.

Ein Kind zu bekommen, sollte für Eltern die schönste Erfahrung im Leben sein, getragen vom positiven Gefühl, sicher und gut betreut zu werden. "Leider sieht die Realität in Deutschland inzwischen anders aus", sagt die Frauenärztin Dr. Gabriela Stammer von der Initiative "Wir von Anfang an". In dieser Initiative haben sich Frauen- und Kinderärzte, Hebammen und Elternverbände zusammengeschlossen, um sich für eine bessere Geburtshilfe einzusetzen.

Mehr Kinder in Deutschland kommen demnach in Stresssituationen zur Welt. Das hat Auswirkungen auf ihre psychische und körperliche Gesundheit, wie der Kindergesundheitsreport der Techniker Krankenkasse belegt. So stünden Krankheiten wie Diabetes und Asthma, aber auch ADHS im Zusammenhang mit dieser Geburtsform, erklärt Dr. Andreas Oberle, Ärztlicher Direktor der Kinderklinik in Stuttgart.

"Wir erleben in der Praxis eine zunehmende Verunsicherung bei den Eltern. Sie finden oft keine Hebammen mehr, auch nicht für die Nachsorge", so Gabriela Stammer. Immer mehr Kreißsäle würden geschlossen, wodurch die Geburtshilfe nicht mehr wohnortnah gewährleistet sei. Die Auswirkungen der schlechten Finanzierungs- und Versorgungssituation in der Geburtshilfe seien bereits unübersehbar: So findet in Deutschland fast jede dritte Geburt per Kaiserschnitt statt. In Sachsen ist es jede vierte. Der Initiative zufolge seien aber rund 90.000 Kaiserschnitte nicht unbedingt notwendig. Sie ließen sich aber zeitlich und personell im Klinikalltag besser kalkulieren und würden etwa dreimal höher honoriert als eine natürliche Geburt.

Jede fünfte Geburt wird künstlich eingeleitet. Das kritisiert die Frauenärztin: "Es verletzt das Recht des Kindes auf eine natürliche und ungestörte Geburt und einen natürlichen Geburtszeitpunkt. Die Zeit im Mutterleib ist individuell, und das Einleiten ist nur in wenigen Fällen medizinisch geboten." Auch Gewalterfahrungen unter der Geburt würden ihr zufolge zunehmend zum Thema: "Die Ursachen sind vielfältig und stehen nicht selten im Zusammenhang mit Personalknappheit." Ein Beispiel sei das immer noch häufig genutzte "Kristellern", bei dem das Kind mehr oder minder gewaltsam aus dem Bauch gedrückt werde, wenn die Geburt stockt. Studien stellten die Wirksamkeit in Frage. Darüber hinaus seien Folgeschäden wie Sauerstoffmangel, Nerven- oder Knochenschädigungen möglich. Auch die medikamentöse Behandlung der werdenden Mütter müsse mit mehr Bedacht erfolgen. Die Initiative "Wir von Anfang an" fordert deshalb ein Geburtshilfestärkungsgesetz, das die Finanzierung in der Geburtshilfe verbessert. Das Thema soll am kommenden Freitag im Bundesrat diskutiert werden.

Auch aus Sicht der Geburtshelferinnen in Sachsen ist solch ein Gesetz dringend notwendig, wie Stephanie Hahn-Schaffarczyk, Vorsitzende des Sächsischen Hebammenverbandes, sagt. Denn es ginge dabei nicht ausschließlich um die Reduzierung der Kaiserschnitte, wo Sachsen immer noch am besten in Deutschland dastünde, sondern vor allem um eine gute personelle Ausstattung der Kreissäle. Jede Frau müsse von einer Hebamme betreut werden können. "Davon sind wir weit entfernt - nicht nur in Sachsen." Diese 1:1-Betreuung senke aber nachweislich Interventionen wie Periduralanästhesien, Schmerzmittelgaben und operative Eingriffe, zum Beispiel Dammschnitte oder den Einsatz von Saugglocke oder Zange. Ebenso müsse das Vergütungssystem in der Geburtshilfe verändert werden, sagt sie. Wie die Initiative "Wir von Anfang an" plädiert sie für die gleiche Honorierung von natürlicher und Kaiserschnittgeburt. Damit würde sich die Zahl der Kaiserschnitte von selbst wieder nach unten regulieren.

Um mehr Personal in den Kreißsälen, in der Geburtsvorbereitung und in der Nachbetreuung zu haben, müsse der Hebammenberuf aufgewertet werden. Für Stephanie Hahn-Schaffarczyk ist die ab 2021 flächendeckend geplante Hochschulausbildung ein richtiger Schritt. Dreieinhalb Jahre soll das Studium dann dauern. "Damit können wir Ärzten auf Augenhöhe begegnen." Wichtig sei es jedoch, dass die bereits tätigen, berufserfahrenen Hebammen nicht als Geburtshelferinnen zweiter Klasse behandelt werden. Gehaltsunterschiede zwischen studierten Hebammen und solchen, die die Ausbildung auf bisherigem Weg absolvierten, dürfe es zumindest für eine Übergangszeit nicht geben. "Wir setzen uns dafür ein, dass erfahrene Hebammen die Möglichkeit erhalten, auf kurzem Weg den Bachelor nachzuerwerben." Die sächsischen Ministerien müssten dafür die Voraussetzungen schaffen.

Aufgrund des seit Jahren bestehenden Personalmangels haben sich im Klinikalltag Notlösungen eingeschlichen, die sich nicht weiter etablieren dürften. So würden Tätigkeiten, die ausschließlich Hebammen vorbehalten sind, zunehmend Berufsgruppen übertragen, die dafür nicht qualifiziert sind, zum Beispiel sogenannten Familienlotsinnen, die sogar von den Krankenkassen finanziert werden.

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