Hat mein Sohn ADHS?

Harkon Winkler ist anders als andere Kinder. Er sollte in die Lernförderschule und hat viel Ablehnung erfahren - bis er in Dresden Hilfe fand.

Das kleine rote Auto auf dem Bildschirm überholt das blaue. "Ich habe mich nicht ablenken lassen, deshalb ist es vorn", nimmt Harkon Winkler das Ergebnis gleich vorweg. Das Autorennen ist eine Version des Neurofeedback. "Bei diesem Computerspiel werden Gehirnsignale über Elektroden auf einen Computerbildschirm übertragen. Die Kinder lernen Techniken, um sich besser zu konzentrieren oder zu entspannen, und sehen wie Harkon gleich das Ergebnis", erklärt Annet Bluschke, Therapeutin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Dresden. Der elfjährige Junge kennt sich in der Therapie inzwischen bestens aus. 16 Mal hat er sie schon genutzt. Dass es dazu kam, hat er eigentlich einem Misserfolg zu verdanken.

Harkon ist das älteste von drei Geschwistern. "Er war schon immer lebhaft. Dinge, die ihm Spaß machen, erledigt er mit viel Ehrgeiz. Interessiert ihn etwas nicht, lässt seine Motivation sehr stark nach", sagt Mutter Manuela Winkler. In der Schule ist das natürlich nachteilig. Ab der zweiten Klasse hat er nur schlechte Noten, vor allem in Mathe und Deutsch. Er kann sich nicht länger als fünf Minuten am Stück auf eine Aufgabe konzentrieren. Seine Klassenlehrerin meint, er sei ein Fall für die Lernförderschule.

Was anderen Eltern den Boden unter den Füßen wegziehen würde, nehmen Manuela und Jens Winkler sehr gefasst auf. "Wenn ihm das Lernen dort leichter fällt und er dadurch in der Schule glücklicher ist, wollen wir das gern probieren", sagt der Vater. Denn glücklich ist Harkon in der Schule nicht. Mit seiner impulsiven Art eckt er häufig an. Dass Kindern die Fähigkeit fehlt, über ihre Worte erst nachzudenken, ehe sie sie aussprechen, ist neben der Konzentrationsschwäche ein typisches Zeichen für ADHS.

"ADHS-Kinder gehören nicht zwingend in die Lernförderschule. Sie sind meist normal intelligent, einige sogar hochbegabt", sagt Professor Veit Rößner, Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uniklinik Dresden. Das bestätigt sich auch bei Harkon. Die drei Tage Probeunterricht haben gezeigt, dass er in der Lernförderschule völlig fehl am Platze ist. Er sei zu intelligent, sagt die Lehrerin dort, und langweile sich. Also wieder zurück in seine alte Klasse? Harkon hat Angst davor. Das Verhältnis zur Lehrerin ist inzwischen so gespannt, dass die Eltern einen Schulwechsel anstreben. Doch mitten im Schuljahr geht das nicht. "Wir haben uns dafür eingesetzt, dass er die zweite Klasse an einer anderen Schule wiederholen kann. Die Zensuren bis zum Schuljahresende waren für uns deshalb nicht so wichtig", sagt die Mutter.

Doch nicht nur in der Schule gab es Probleme. "Harkon hat ein großes Mitteilungsbedürfnis. Das kann anstrengend sein", sagt sie. Das Umfeld hat dafür wenig Verständnis. "Euer Sohn ist ja gar nicht erzogen, hieß es da", wie die Mutter berichtet. "Es gab auch Freunde, die sich deshalb von uns abwendeten. Unser Sohn sei nicht gesellschaftsfähig, sagten sie." Hat Harkon ADHS? Das verbleibende Schuljahr nutzt die Familie, um sämtliche Tests zu machen. Am Ende steht das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) als Diagnose fest. Hyperaktivität, die für das H in dem Krankheitskürzel steht, wurde nicht bestätigt. Die Mutter tritt beruflich kürzer, um für Harkon da zu sein und alle Behandlungsangebote zu nutzen. Sie wollen möglichst ohne Psychopharmaka auskommen.

"Auch die Ernährung haben wir auf Anraten unserer Kinderärztin umgestellt, Brot selbst gebacken und Zucker reduziert. Wir wollten einfach nichts unversucht lassen", sagt die Mutter. Richtig besserte sich Harkons Zustand aber erst, als er Medikinet einnahm. Das ist ein Arzneimittel, das wie Ritalin den Wirkstoff Methylphenidat enthält. "Er bekam die Hälfte der normalen Dosis und ist damit sehr gut zur Ruhe gekommen. Er blühte richtig auf und konnte zeigen, was in ihm steckt", sagt Manuela Winkler. Nicht lange. Herzprobleme machten das Absetzen des Mittels notwendig. Doch sie sollten die Möglichkeit der tagesklinischen Behandlung bekommen. Dieses Angebot beinhaltet Ergotherapie, Physiotherapie und ein spezielles Elterntraining. Aus heutiger Sicht sei die Tagesklinik sogar besser gewesen. Jens Winkler: "Wir waren bereit, Studien zu unterstützen. Derzeit läuft eine zum Neurofeedback. So kamen wir besser an Termine." Dank dieser Therapie kam Harkon sehr gut ohne Medikamente aus.

Die Tagesklinik hat für die Familie noch viel mehr gebracht. "Wir sind mit vielen Eltern ins Gespräch gekommen. Und sie haben uns von ähnlichen Problemen erzählt, wie wir sie erlebt haben", sagt Jens Winkler. Die Krankheit ist eben doch noch nicht so in der Gesellschaft angekommen. Viele sind immer noch hilflos. "Durch die neuen Kontakte fühlten wir uns verstanden. Wir treffen uns heute noch."

Harkon besucht jetzt die vierte Klasse, und das Lernen macht ihm Freude. Im August steht wieder ein Schulwechsel an - von der Grund- in die Mittelschule. Angst? "Nein. Harkon ist so stark geworden. Er packt das", sagt sein Vater stolz: "Die Krankheit hat uns allen viel abverlangt, aber es hat sich gelohnt." Professor Rößner bestätigt: "ADHS-Kinder brauchen Verständnis, einen strukturierten Tagesplan und viel Liebe. Die Winklers haben also alles richtig gemacht."

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 0
    0
    Bibb
    21.06.2016

    Es ist ein sehr schöner Artikel, der zeigt, dass unseren Kindern auch ohne Medikamente gut geholfen werden kann. Es macht sogar auch Spass.
    Jedoch hat nicht jeder die Möglichkeit regelmäßig nach Dresden zu fahren. In Zwickau und Chemnitz wird auch Neurofeedback angeboten und durchgeführt.



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...