Ich will nicht mehr leben

Suizid ist eine der häufigsten Todesarten bei jungen Menschen. Ein Präventionsprojekt der TU Dresden will das ändern.

Manchmal geschehen Dinge, die einem keine andere Wahl lassen, als aktiv zu werden. Nicht immer ist der Auslöser ein so tragisches Erlebnis wie das von Tim Glogowski aus Zittau. Der Suizid eines Mitschülers bewegte den 17-Jährigen dazu, eine Online-Petition zu starten, gerichtet an das Bundesbildungsministerium. Tims Forderung: An Schulen soll obligatorisch über die Volkskrankheit Depression aufgeklärt und Suizidprävention betrieben werden. "Dazu fände ich Projekttage in Begleitung von Schulsozialarbeitern oder Schulpsychologen gut, die den Blick schärfen und konkrete Hilfsangebote vorstellen."

Momentan ist es tatsächlich ziemlich abhängig von der Einstellung der Schulleitung oder vom Engagement einzelner Lehrkräfte, ob an Schulen über psychische Erkrankungen, Selbstverletzungen oder suizidale Gedanken gesprochen wird. Viele Schulen scheuen diesen Themenkomplex, weil sie den sogenannten Werther-Effekt fürchten. Er beschreibt das Phänomen, dass Berichterstattung über eine Selbsttötung zu vermehrten Nachahmungstaten führen kann - so wie es angeblich nach der Veröffentlichung des Goethe-Romans "Die Leiden des jungen Werther" geschah, in dem sich der Romanheld das Leben nimmt. Tatsächlich aber gibt es keinerlei Hinweise darauf, dass sich Schüler durch einen Workshop zu einem Suizid "anstiften" lassen würden. Das Gegenteil ist der Fall: Wer versteht, dass ein Suizid keine akzeptable Lösung für Probleme darstellt, und wer Bewältigungsstrategien für suizidale Gedanken kennt, verringert sein Risiko.

Lehrer schrecken vermutlich auch vor dem Thema zurück, weil es so bedrückend und unvorstellbar ist. Ein junger Mensch sollte nicht sterben, erst recht nicht durch die eigene Hand. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Im Dezember veröffentlichte das Robert-Koch-Institut seine jüngste europäische Gesundheitsbefragung. Ihr zufolge zeigen in Deutschland 11,5Prozent aller 15- bis 29-Jährigen eine depressive Symptomatik. Der EU-Durchschnitt liegt bei nur 5,2 Prozent. Depressionen sind Ursache für einen Großteil der Suizide in Deutschland. 2017 waren es insgesamt 9235 - 487 davon begangen von Personen zwischen 15 und 25Jahren sowie 28 von Zehn- bis Vierzehnjährigen. Suizid gehört bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen damit zu einer der häufigsten Todesarten. Und die Anzahl an Suizidversuchen liegt gerade in dieser Altersgruppe noch einmal um ein Vielfaches höher.

Mit der Pubertät beginnt eine Lebensphase, in der viele Stressfaktoren zusammenkommen. Ein Teil der Teenager ist bereits psychisch durch Verlusterfahrungen vorbelastet, hat in der Kindheit die Trennung der Eltern oder den Tod eines Elternteils erlebt. Für alle gilt: Der Körper ist hormonellen und neuronalen Veränderungen ausgesetzt. Die Sexualität erwacht, was schon verwirren kann, erst recht aber, wenn Mädchen oder Jungen feststellen, dass sie vielleicht nicht so fühlen, wie es die Gesellschaft eigentlich für sie vorsieht. Neben dem beginnenden Druck, über gute schulische Leistungen den Weg in ein erfolgreiches Leben zu beschreiten, und dem generellen Findungsprozess nach dem eigenen Platz im Gefüge, erleben Teenager zudem viele Erste-Male-Situationen, die teilweise schwer an ihrem Selbstwert nagen. Liebeskummer wird als nie wieder endend wahrgenommen, eine Blamage in der Schule, im schlimmsten Fall noch über soziale Netzwerke verbreitet, als öffentliche Demütigung. Wenn dann die psychische Robustheit fehlt, ist Hilfe gefragt.

Vielleicht würde es Schulen leichter fallen, sich dieser zu öffnen, wenn sie nicht über die Angst machende Suizidprävention, sondern über deren freundlich lachende Schwester sprächen - die Resilienz?

Der Begriff Resilienz - resilire bedeutet so viel wie zurückspringen oder abprallen - hat in den letzten Jahren einen Bekanntheitsschub erlebt. Resilienz beschreibt, wie gut es Menschen gelingt, akute, verstörende Krisen zu bewältigen, aber auch, normalen Alltagsstress zu meistern und rasch in einen seelischen Normalzustand zurückzukehren. Der Psychologe Friedrich Lösel führte den Begriff vor etwa 30Jahren in die deutsche Forschung ein. In einer breit angelegten Studie untersuchte er, warum sich Heimkinder unterschiedlich entwickelten. Dabei fiel ihm auf, dass die Kinder, die ihren Weg ohne größere Probleme gingen, wiederkehrende Aspekte seelischer Gesundheit aufwiesen. Sie zeigten Selbstvertrauen und Verantwortungsbewusstsein, waren zielstrebig und gut darin, Entscheidungen zu treffen. Sie erkannten ihre eigenen Bedürfnisse und gestalteten ihr Leben eigenverantwortlich.

Zudem waren sie bereit, Hilfe zu suchen, und verfügten über eine innere Souveränität, die es ihnen ermöglichte, sich äußeren Einflüssen zu entziehen, aber auch gleichzeitig, sich Situationen anzupassen. Jedes dieser Kinder hatte einen Erwachsenen an seiner Seite, dem es vertraute und der es förderte. Und es zeigte sich auch: Schwierige Erfahrungen sind ein Motor für Resilienz-Entwicklung. Experten raten Eltern daher, Kinder nicht überzubehüten, sondern sie fordernde Situationen auch alleine bewältigen zu lassen.

Bestimmte Eigenschaften und Rahmenbedingungen scheinen Resilienz also positiv zu beeinflussen. Als wissenschaftlich anerkannt gilt mittlerweile, dass Resilienz nicht angeboren ist. Über die genauen Ursachen, warum eine Person resilienter ist als eine andere, wissen die Forscher aber noch relativ wenig. Das Deutsche Resilienz-Zentrum in Mainz führt seit 2017 eine Langzeitstudie mit jungen Menschen durch. Die Teilnehmer werden mit bildgebenden Verfahren untersucht und verhaltenstherapeutisch betreut. Ziel der Studie ist es, Eigenschaften des Gehirns sowie geistige Fähigkeiten zu identifizieren, die wichtige schützende Mechanismen für psychische Gesundheit darstellen.

Doch auch wenn das Resilienz-Rätsel irgendwann gelüftet sein sollte, werden Schüler immer noch unter Stress leiden. In einer anderen Studie des Deutschen Resilienz-Zentrums gab fast jeder zweite Schüler an, dass der Unterricht ihn belaste.

Der Umgang mit Stress ist denn auch eines der Kernthemen, mit denen das "Netzwerk für Suizidprävention in Dresden" (NeSuD) seit Mai 2019 an 450 Schüler in 14 Dresdner Schulen herangetreten ist. Bis zu den Sommerferien soll noch einmal etwa die gleiche Anzahl hinzukommen. Hinter dem Netzwerk steht die Arbeitsgruppe "Seelische Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen" des Instituts für Klinische Psychologie und Psychotherapie der TU Dresden. Eine Säule des Projekts sind zwei Doppelstunden mit Schülern ab zwölf Jahren, in denen die Trainer eine Diskussion darüber anregen, was sie stresst, woran sie diesen Stress erkennen und welche Strategien es für Stressabbau gibt. Gefühle zu verstehen und zu regulieren, lautet das Ziel dieser Übung. Die Schüler erfahren, dass sie nicht schweigen oder wegschauen sollen, wenn sie an sich oder anderen länger andauernde Anzeichen von Niedergeschlagenheit oder Isolation feststellen. Und sie lernen, wie und wo sie Hilfe finden.

Susanne Knappe, die Leiterin des Projekts, erzählt, dass es zudem um eine Vernetzung anderer Einrichtungen rund um die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen geht. Bislang dreimal kamen Anbieter wie das Jugendamt der Stadt Dresden, das Dresdner Bündnis gegen Depression, Kliniken, niedergelassene Psychotherapeuten und Psychiater, Kinderärzte, telefonseelsorgerische Dienste, aber auch Lehrer oder Seelsorger zum Erfahrungsaustausch zusammen. Zudem fand ein Abgleich mit den Leitern anderer Schulprogramme statt.

Luna Grosselli, Doktorandin in der TU-Arbeitsgruppe, hat in den Klassen "weniger einen Unterschied im Wissen als in der Haltung der Schülerinnen und Schüler festgestellt". Klassen, die bereits einmal mit einem Suizid oder Suizidversuch konfrontiert wurden, seien extrem offen für Hilfsangebote und fänden es richtig, dass Betroffene zugeben, Probleme zu haben.

Rund 30-mal kam es seit Mai vor, dass sich Teilnehmer von sich aus an die Trainer wandten oder dass das Studienteam den Eindruck hatte, "da ist irgendwie was", wie es Susanne Knappe formuliert. Im Rahmen des Programmes werden die Teilnehmer auch dazu befragt, ob sie in den vergangenen zwei Wochen Suizidgedanken hatten. Die Auswertung der ersten rund 150 Fragebögen zeigt, dass circa zehn Prozent dies bejahten, weitere 3,4 Prozent auch über Suizidpläne berichteten. Bei solchen Hinweisen holt Knappe die Eltern mit dazu. Generell rät sie Jugendlichen, die bei Freunden oder Mitschülern Veränderungen bemerken, nachzufragen, was los ist. Dranzubleiben, auch wenn man abgewimmelt wird. Zu signalisieren: Ich mache mir Sorgen um dich. Ich möchte dir helfen. "Wenn es gelingt, dass Jugendliche in Kontakt bleiben, ist ganz viel gewonnen. Und das gilt übrigens auch für Erwachsene."

Tim Glogowskis Online-Petition lief bis zum 12. Februar. Am Ende konnte er 4900 Unterzeichner gewinnen. Mehr Erfolg hatte eine Gruppe von Schülern im Frühjahr 2019 in Bayern. Sie bewirkte mit einer fast identischen Petition, die mehr als 40.000 Unterstützer fand, dass der bayerische Kultusminister einen Zehn-Punkte-Plan zur Aufklärung über Depressionen und Angststörungen an den bayerischen Schulen aufstellte. Die Umsetzung des Planes lässt bislang jedoch noch auf sich warten.

In diesem Schuljahr hat die Arbeitsgruppe der TU noch ein paar Termine für die Präventionsmaßnahme frei. Besonders freuen würde sich das Team über die Reaktion von Dresdner Gymnasien, die in der Studie bislang unterrepräsentiert sind.

Netzwerk für Suizidprävention in Dresden: www.freiepresse.de/nesud

E-Mail:Petition im Internet: Hilfe am Telefon: Nummer gegen Kummer: 116 111; Telefonseelsorge: 0800 1110 111

Hilfe  im Internet: nesud@mailbox.tu-dresden.de

www.freiepresse.de/Pet_Suizid

www.jugendnotmail.de

www.u25-deutschland.de

 

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