Ist das Tee oder schon Medizin?

Bei Bombastus in Freital weiß man genau, welches Kraut wogegen hilft. Doch nicht jeder Tee darf sich auch Arzneitee nennen.

Es duftet nach getrockneten Pflanzen, nach konserviertem Sonnenschein und Sommerwiesen. Der Geruch in der Produktionshalle der Bombastus-Werke Freital hebt die Stimmung, so als hätte schon die Luft eine heilende Wirkung. Besucher tragen Komplettverhüllung: Kein Stäubchen soll die Tees verunreinigen. Vertriebsleiter Wieland Prkno stülpt sich eine Haube über die Haare. "Heute packen wir Mistelkraut ab, ein Monotee", sagt er. Das heißt: In die Packung kommen 100 Prozent Mistel. Gemischt wird heute nichts.

63 lose und 49 Filterbeutel-Teesorten stellt das Unternehmen her. Die meisten sind Arzneitees, denen eine heilende Wirkung zugesprochen wird. Auf dem Gesamtteemarkt, den aromatisierte Schwarz- und Grüntees dominieren, machen solche Medizintees gerade einmal vier Prozent aus. Bombastus teilt sich die Nische mit anderen Firmen wie Bad Heilbrunner, H&S, Sidroga oder Salus.

Unterschieden wird zwischen Kräuter- und Arzneitees . Beide können die gleichen Kräuter enthalten. Die Inhaltsstoffe eines Arzneitees müssen jedoch besonders rein sein. Er ist eine pflanzliche Medizin, die vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte zugelassen werden muss. Der Begriff darf nur dann verwendet werden, wenn die Inhaltsstoffe nachgewiesenermaßen menschliche Krankheiten heilen, lindern oder verhüten können. Eine Zulassungsnummer und der Aufdruck "Arzneitee" machen das auf der Verpackung kenntlich. "Das schlägt sich natürlich auf den Preis nieder", erklärt Prkno.

Beispiel Pfefferminzblätter-Tee, der bei Magen-Darm-Beschwerden und Verdauungsstörungen hilft: 100 Gramm von Bombastus gibt es bei Online-Apotheken ab 2,16 Euro. Der Arzneitee muss bis zum Verfallsdatum mindestens 1,2 Prozent ätherisches Öl enthalten. Die gleiche Menge kostet bei Aldi Nord 1,05 Euro, bei dm 1,46 Euro. Aber Discounter und Drogerie verkaufen ihn als Lebensmitteltee, für den nur 0,6 Prozent ätherisches Öl vorgeschrieben sind - zum Zeitpunkt der Abfüllung.

Michael Richter leert einen großen Sack in eine Edelstahlwanne. Das Mistelkraut ist grob zerhäckselt, Blätter und Zweigabschnitte sind deutlich zu erkennen. Die Schmarotzerpflanze, die Bäume in die Knie zwingt, soll das menschliche Immunsystem anregen. In der Volksheilkunde wird Mistel traditionell zur Krebsvorbeugung verwendet. Pharmazeutisch belegt ist die Wirkung aber nicht - das Mistelkraut ist folglich als Kräutertee deklariert.

Die Rohstoffe bezieht die Firma von zertifizierten Fachgroßhändlern, die sie weltweit einkaufen. So kommen Johanniskraut und Weißdorn aus Bulgarien, die Kamille aus Artern oder Pößneck in Thüringen. Nur der Salbei stammt aus Freital. Wenn sich im Juni seine Blüten öffnen, leuchten 35 Hektar in und um die Stadt so lila wie die Provence zur Lavendelblüte. Aus den Blättern, die teils handgepflückt werden, entsteht Tee. Aber auch Blüten und Wurzeln werden zu Medizinprodukten verarbeitet.

Rohstoffe zu bekommen, die den hohen Ansprüchen gerecht werden, ist schwer. Die Qualität ist von vielem abhängig: War es zu trocken oder zu nass? Haben sich Schädlinge über die Pflanzen hergemacht oder verunreinigen Ackerunkräuter die Chargen? Herkunft und Ernte werden exakt dokumentiert. Weil mitunter GPS-geleitete Traktoren eingesetzt werden, kann bis auf den Schlag genau nachverfolgt werden, woher die Partie stammt. Da trifft moderne Technik auf Jahrhunderte altes Wissen. Kräuterfrauen oder Mönche behandelten seit jeher Atemwegserkrankungen mit Spitzwegerichblättern oder Lindenblüten und Prostataprobleme mit Weidenröschen. Ohne zu rucken transportiert ein Förderband die Mistelhäcksel zu einer Waage, wo sie portioniert und zu je 140 Gramm abgefüllt werden. Zu diesem Zeitpunkt hat die Droge, wie Heilpflanzenbestandteile in Fachkreisen genannt werden, bereits zwei Qualitätskontrollen hinter sich. Das erste Mal hat der Fachgroßhändler die Qualität gecheckt, dann das hauseigene Labor. Punktuell wird nach dem Verpacken ein drittes Mal kontrolliert, ob Inhaltsstoffe, Menge, Mindesthaltbarkeit stimmen.

Damit die Wirkstoffe im Tee tatsächlich bestimmte Beschwerden heilen oder lindern können, müssen sie Zeit haben, ins Wasser ausziehen zu können. "Jedes Kraut hat seine eigene Ziehzeit", sagt Prkno. Wird sie unterschritten, kann der Aufguss nicht richtig wirken. Wird sie überschritten, wird der Tee dunkel oder bitter. Seine Wirkung verliert er aber nicht. Das kann allerdings passieren, wenn Tee zu alt ist. Denn die natürlichen Rohstoffe bauen ihre Heilwirkung ab, selbst wenn sie dunkel und kühl gelagert werden.

Was hilft wogegen?

Kreislaufbeschwerden: Lavendelblüten, Rosmarinblätter

Krämpfe im Magen-Darm-Bereich: Fenchel, Kamillenblüten, Kümmel, Schafgarbenkraut

Blähungen: Enzianwurzel, Fenchel, Kümmel, Löwenzahn, Salbeiblätter

Entzündete Mundschleimhaut: Brombeer-, Salbei- und Spitzwegerichblätter, Kamille, Ringelblume

Einschlafstörungen: Baldrianwurzel, Melissenblätter

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