Kinder schlafen anders - Frauen auch

Im Laufe des Lebens verändert sich unser Schlaf. Schlafmediziner erklären, was daran normal ist - und was nicht.

Ach, wenn wir doch noch mal Baby sein könnten: Schlafen, essen, schlafen - tagelang. Wär das nicht schön?

Der Wunsch wird ein Traum bleiben. "Mit zunehmenden Lebensjahren verschlechtert sich unsere Fähigkeit, einschlafen zu können", sagt der Schlafmedizin-Professor Thorsten Doering. Mehr noch: Ältere Menschen sind nachts oft länger wach, schlafen weniger tief und wachen leichter auf. Doch nicht nur das Alter bestimmt unseren Schlaf. Auch das Geschlecht und der Beruf spielen eine Rolle. Kurzum: "Jeder Mensch schläft anders." Aber warum ist das so? Welche Unterschiede sind normal - und welche nicht? Was raten Experten?

Babys haben es drauf: Bis zu 19 Stunden können Säuglinge am Tag (ver)schlafen. "Das ist aber nur ein Extrem", sagt Dr. Stephan Eichholz. Der Kinder- und Jugendmediziner leitet das Schlaflabor am Städtischen Klinikum Dresden und kennt so auch die Sorgen vieler Eltern. "Sie leiden ja mit, wenn ihr Kind nicht schläft." Sein Merksatz lautet: "Kinder holen sich ihren Schlaf - und sie können nur so viel schlafen, wie sie für ihre Entwicklung benötigen."

Ab dem 3. Lebensmonat beginnt das menschliche Gehirn, bei Dunkelheit den Botenstoff Melatonin auszuschütten. Er signalisiert Müdigkeit, das Baby wechselt in den Tag-Nacht-Rhythmus. Etwa ab dem 6. Monat könnten Kinder acht Stunden und länger ohne Mahlzeiten auskommen, also nachts auch durchschlafen. "Das Durchschlafen ist ein wichtiger Meilenstein der frühkindlichen Entwicklung", betont Eichholz. Man könne dies fördern, indem man einen regelmäßigen Tagesablauf einführt und auch die Mahlzeiten am Tage anpasst. Eine gute Tagesstruktur helfe Säuglingen auch bei der Rhythmisierung des Nachtschlafes.

Mit zunehmendem Alter nimmt der Tagesschlaf immer mehr ab. Im ersten Lebensjahr seien es vormittags und nachmittags jeweils etwa zwei Stunden, im dritten Jahr nur noch zwei Stunden um die Mittagszeit. Im Durchschnitt, wohlgemerkt. Bereits in diesem Alter kämen manche ganz ohne Mittagsschlaf aus. Im Vorschulalter benötigten nur etwa 15 Prozent noch einen Mittagsschlaf. "Der Schlafbedarf wird häufig überschätzt", sagt Eichholz. Bekommen junge Kinder zu wenig Schlaf, dann ähneln die Symptome denen von ADHS-Patienten: Sie werden nicht tagesmüde, sondern drehen so richtig auf. Sie sind impulsiv oder häufig sehr weinerlich. Jedes dritte Kind entwickle im Verlauf seiner Entwicklung eine Schlafstörung, sagt der Arzt. "Damit ist dies die häufigste Verhaltensauffälligkeit im Kindesalter." Je früher die Störung erkannt werde, desto besser.

Jugendliche schlafen oft zu wenig: Eine 2018 veröffentlichte DAK-Studie deckte auf, dass sich die Hälfte der befragten Schüler erschöpft fühlt und über Müdigkeit klagt. Insbesondere ältere Schüler schlafen demnach zu wenig. So berichteten Neunt- und Zehntklässler im Durchschnitt von nur rund sieben Stunden Schlaf pro Nacht.

Aus Sicht von Schlafmedizinern ist das deutlich zu wenig. "Jugendliche benötigen noch immer neun bis elf Stunden Schlaf", schreibt Hans-Günter Weeß in seinem Buch "Die schlaflose Gesellschaft". Sein Alarmruf: "Deutschland steht zu früh auf!" Längst ist bewiesen, dass ein späterer Schulbeginn die Aufmerksamkeit und die Leistungsfähigkeit der Schüler verbessert. Alle Bemühungen von Medizinern und Politikern liefen bisher aber ins Leere.

Hormonelle Veränderungen sorgen dafür, dass Menschen mit Beginn der Pubertät später müde werden. Dazu kommt die zunehmende Nutzung neuer Medien vor dem Schlafengehen. "Die Smartphones rauben den Schülern den Schlaf", konstatiert Professor Reiner Hanewinkel vom Kieler Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung. Schlafstörungen im Jugendalter erhöhen das Risiko einer Depression.

Ältere büßen Tiefschlaf ein: Senioren klagen oft darüber, dass sie schlechter und kürzer schlafen als früher. Das sei normal, sagt Dr. Moritz Brandt, Leiter des Schlaflabors am Dresdner Uniklinikum: "Das Schlafbedürfnis ist nicht mehr so groß, die Schlafqualität nimmt ab, die Schlafdauer sinkt." Sechs Stunden pro Nacht genügten oft, um trotzdem erholt aufzuwachen. Auch der Schlafmediziner Hans-Günter Weeß weist darauf hin, dass ältere Menschen die Fähigkeit zum Durchschlafen verlieren. Sie sind nachts öfter und länger wach. Der Neurologe Matthew Walker hat nachgewiesen, dass die Hirnschrumpfung bei älteren Menschen zu einer extremen Reduzierung des Tiefschlafs führt - und damit zu Einbußen bei der Gedächtnisleistung.

Brandt verweist auf Studien, die den Zusammenhang von Schlafstörungen und Demenz belegen. Relativ neu sei dabei die Erkenntnis, dass im Schlaf Eiweiße aus dem Gehirn entfernt werden, die an der Entstehung der Alzheimer-Krankheit beteiligt sind. Nehmen Schlafdauer und Schlafqualität im Laufe des Lebens ab, lagern sich immer mehr dieser Eiweiße im Gehirn ab. "Zum gesunden Altern gehört ein gesunder Schlaf", betont der Experte.

Frauen schlafen schlechter als Männer: Männer schlafen im Schnitt eine halbe Stunde weniger als Frauen. Aber: Frauen sind generell häufiger von Ein- und Durchschlafstörungen betroffen als Männer. Eine Umfrage unter Beschäftigten im Jahre 2016 ergab, dass bundesweit fast elf Prozent der Frauen über eine Insomnie klagten, aber nur acht Prozent der Männer. In Ostdeutschland war der Unterschied noch größer. Hier waren 14,5 Prozent der Frauen und nur 6,4 Prozent der Männer betroffen.

"In den Genen der Frauen steckt noch ein Stück Höhlenmensch", sagt die Dresdner Schlaftherapeutin Dr. Carolin Marx-Dick. "Frauen hatten die Aufgabe, die Höhle und das Feuer zu hüten und vor Eindringlingen zu warnen. Ihr Schlaf ist deshalb stärker fragmentiert, sie schlafen generell unruhiger." Besonders ausgeprägt sei das bei stillenden Müttern. Sie wachten sofort auf, wenn sie die Stimme ihres Kindes hören. Den sogenannten Ammenschlaf könnten aber auch junge Väter haben. Weitverbreitet sind Schlafstörungen in der Schwangerschaft, insbesondere im letzten Drittel. Gynäkologen raten in diesem Fall zu einer linksseitigen Liegeposition und sanften Entspannungsübungen. Schlafmittel, auch auf pflanzlicher Basis, sollten Schwangere möglichst meiden.

Auch in der Zeit der Menstruation schlafen Frauen meist unruhiger. Veränderungen des Hormonhaushalts führten in und nach den Wechseljahren verstärkt zu Schlafstörungen, erklärt Professor Pauline Wimberger, Direktorin der Frauenklinik am Uniklinikum Dresden. Insbesondere der Östrogenmangel könne depressive Zustände und damit Schlafstörungen fördern. "Schlafstörungen gelten neben Hitzewallungen als Hauptsymptom der Wechseljahre."Ärzte verordnen in diesem Fall häufig eine Hormonersatztherapie (Tabletten, Pflaster, Gel). Auch bestimmte pflanzliche Arzneimittel und Yoga können die Beschwerden lindern. Marx-Dick verweist auf die Möglichkeit, mithilfe einer Verhaltenstherapie den Zyklus des Kortisols wieder zu synchronisieren. "Der Kortisolspiegel sollte vor allem am Vormittag hoch sein und über den Tag hinweg abgearbeitet werden." Regelmäßige Arbeit und Sport hätten den gleichen Effekt.


Ohne Wecker geht bei Paul Druschke gar nichts - zumindest an Tagen, an denen er ganz früh raus muss. Dann klingelt sein Handy morgens sogar dreimal - zum Aufwachen, zum Aufstehen und zum Hausverlassen. "Ich hab einfach Angst, zu spät zu einer Prüfung oder zum Unterricht zu kommen", sagt der Lehramtsstudent aus Dresden. Die Angst ist nicht ganz unbegründet: An seinem ersten Praktikumstag an einem Gymnasium verschlief er glatt den zweiten Weckruf. "Der Schulbeginn um 7.30 Uhr ist zu früh, für die Schüler genauso wie für die Lehrer", meint der 22-Jährige. Andererseits gewöhne er sich auch schnell daran - genauso, wie er an Studientagen bis weit nach Mitternacht lernen und am nächsten Tag bis um neun schlafen kann. Seit der 10. Klasse dokumentiert Paul Druschke seine Schlafzeiten. "Damals waren es im Schnitt 8,5 Stunden, heute komme ich mit 6,5 aus." Hauptsache, der Wecker klingelt. (rnw/sk)


Sieben Schlafmythen im Check 

1. Acht Stunden Schlaf sind optimal: Falsch! Menschen brauchen unterschiedlich viel Schlaf. Normal ist alles zwischen fünf und acht Stunden. Mediziner unterscheiden zwischen Kurz- und Langschläfern.

2. Alkohol ist ein gutes Schlafmittel: Falsch! Nach einem Glas Wein schläft man zwar schneller ein. Aber der Alkohol stört den natürlichen Verlauf von Tiefschlaf- und Traumphasen. Der Schlaf ist damit weniger erholsam. Außerdem behindert er die Atmung und kann zu lautem Schnarchen und schlimmstenfalls zu Atemaussetzern führen. Experten raten stattdessen zu einem Glas warmer Milch mit Honig.

3. Wer nachts schlecht schläft, sollte Mittagsschlaf halten: Das Gegenteil ist der Fall. Bei Schlafstörungen sollte man den Tag sehr aktiv verbringen und erst ins Bett gehen, wenn man wirklich müde ist. Intensiver Sport am Abend kann das Einschlafen aber behindern. Besser ist ein gemütlicher Spaziergang.

4. Bei Problemen mal drüber schlafen: Keine gute Idee. Wer am Tage einen bösen Streit hatte oder etwas Schlimmes erlebt hat, sollte die Gedanken möglichst nicht mit ins Bett nehmen. Denn dann kann sich das negative Gefühl zur Erinnerung verfestigen.

5. Fehlenden Schlaf kann man nachholen: Das funktioniert tatsächlich, hat eine schwedische Studie nachgewiesen. Wer in der Woche ein Schlafdefizit aufbaut, kann dies mit mehr Schlaf am Wochenende wieder ausgleichen und so gesundheitliche Nachteile verhindern.

6. Zu viel Schlaf ist ungesund: So gesund das Schlafen ist - gesünder wird man nicht, wenn man es mehr als nötig tut. Denn nach sieben bis acht Stunden hat der Körper den Regenerationsprozess beendet, ein Tiefschlaf ist danach nicht mehr möglich. Deshalb besser aufstehen und den Tag nutzen.

7. Vollmond raubt uns den Schlaf: Richtig, werden jene sagen, die das an sich bereits beobachtet haben. Aber womöglich trifft das auch bei Halbmond zu? Die allermeisten Wissenschaftler konnten bisher jedenfalls noch keinen Nachweis für den Einfluss des Himmelskörpers auf unseren Schlaf nachweisen. (rnw/sk)

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