Knie heilt nie?

Bis zu 20 Prozent der Erwachsenen trifft Arthrose - wie Ursula Petzold aus Dresden. Doch nicht jede Behandlung hilft auch.

Ursula Petzold liebt die Berge. Ob Kletterfelsen in der Sächsischen Schweiz oder alpine Gipfel im Kaukasus: Ihr Ehrgeiz kannte keine Grenzen. Bis auf den Elbrus hat sie es geschafft, 5642 Meter. Höher ging es für DDR-Bürger nicht.

Heute ist die Dresdnerin 73 Jahre alt und glücklich, dass sie überhaupt wieder ordentlich laufen kann. Die Leidensgeschichte begann mit einem Knöchelbruch und endete in einer schweren Arthrose im rechten Kniegelenk. Akupunktur, Massagen, Ultraschall - die Mediziner zogen alle Register. "Trotzdem fiel mir das Laufen immer schwerer", erzählt die Rentnerin, die früher als Erzieherin gearbeitet hat. "Zum Schluss ging gar nichts mehr."

Professor Jörg Lützner kennt viele solcher Schicksale. "Das Kniegelenk ist das größte aller menschlichen Gelenke und enormen Belastungen ausgesetzt", erklärt der Leiter des Endoprothetikzentrums am Dresdner Uniklinikum. Mit der Zeit führt das zu einem Verschleiß - in der Fachsprache heißt das Arthrose, beim Knie Gonarthrose. "Arthrose beschreibt das Missverhältnis zwischen Belastung und Belastbarkeit", sagt Dr. Thomas-Peter Ranke, Ärztlicher Direktor an der Orthopädischen Klinik Hohwald. Es ist weltweit die häufigste Gelenkerkrankung. Schätzungen beziffern die Zahl der betroffenen Erwachsenen auf bis zu 20 Prozent. Im Alter steigt diese Zahl. Frauen leiden häufiger daran als Männer - warum, sei bisher nicht vollends geklärt, sagt Lützner. Vermutlich spielten hormonelle Veränderungen in den Wechseljahren dabei eine Rolle. Das Knie ist bei beiden Geschlechtern das Sorgenkind Nummer eins.

Dafür gibt es inzwischen gute Erkenntnisse über die Risikofaktoren, die den Verschleiß fördern. Dazu gehören Verletzungen am oder in der Nähe des Knies, starkes Übergewicht und häufige extreme Belastungen des Gelenks, zum Beispiel beim Fußball und beim Marathon. Auch Fehlstellungen wie X- oder O-Beine führen dazu, dass der Gelenkknorpel schwindet. Lützner: "Die Folge sind Entzündungen der Gelenkinnenhaut, Gelenkergüsse sowie Knochenverdickungen und -randwülste."

Viele Betroffene spürten zunächst nur wenig von den Veränderungen. Je weiter der Verschleiß fortschreitet, desto mehr werde die Beweglichkeit des Gelenks eingeschränkt. Treppensteigen wird zur Qual - wie bei Ursula Petzold. Häufig gesellen sich dazu Schmerzen. Wärme bzw. Kälte oder eine Änderung der Körperhaltung führten zu einer Linderung.

Wichtig: Auch andere Erkrankungen, etwa eine Entzündung, können Schmerzen oder eine Schwellung des Knies auslösen. Um eine Diagnose stellen zu können, sollten Betroffene immer zunächst den Hausarzt aufsuchen. Der prüft unter anderem das Gangbild und die Beweglichkeit. Eine Arthrose kann in der Regel mithilfe eines Röntgenbildes unter Belastung festgestellt werden. "Kleinere Knorpelschäden, ein gerissener Meniskus und verletzte Bänder sind damit aber nicht zu erkennen", sagt Lützner. Ein entsprechender Verdacht ergebe sich aus der Art der Beschwerden und der Untersuchung des Kniegelenks. In besonderen Fällen werde dann auch eine Magnetresonanztherapie (MRT) durchgeführt.

Der Oberarzt weiß, dass viele Patienten wegen der Schmerzen oder Bewegungseinschränkungen zur Schonung des Gelenks neigten. "Das bewirkt aber eher das Gegenteil." Auch Ranke rät zu regelmäßiger Bewegung mit ausgewogener Belastung. Radfahren und Schwimmen stärkten die Muskeln und schonten die Gelenke. Studien hätten gezeigt, dass sogar moderates Joggen den Knien guttut: "Wer sich auf Strecken von 2,5 Kilometer beschränkt, fördert die Knorpelbildung."

Wenn der Gelenkverschleiß nicht mehr aufzuhalten ist, richtet sich die Behandlung auf die Vermeidung der Symptome. "Eine Heilung der Arthrose ist leider nicht möglich", so Lützner. Ärzte können verschiedene Physiotherapien verordnen - von der Bewegungstherapie über Massagen bis zu Reizstrom und Wärmepackungen. Auch für den Nutzen einer Akupunktur bei Gonarthrose gibt es Belege; deshalb erstatten gesetzliche Krankenkassen dafür die Kosten. Als Schmerzmittel haben sich Diclofenac und Ibuprofen bewährt, Paracetamol zeigt dagegen kaum Wirkung.

Eine Arthroskopie wird nur noch in Ausnahmen empfohlen. "Bei der sogenannten Gelenktoilette werden das Kniegelenk gespült und mitunter auch die Knorpelflächen geglättet", erläutert Lützner. Eine Auswertung von elf Studien mit insgesamt 1200 Patienten hat gezeigt, dass dieser Eingriff keine Vorteile bringt - so das Urteil des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Wirkungslos sind nach Einschätzung der Wissenschaftler auch Nahrungsergänzungsmittel mit Chondroitin oder Glucosamin sowie Präparate wie Teufelskralle oder Lebensmittel auf Sojabasis.

Auch Ursula Petzold hat vieles versucht - und war am Ende doch so verzweifelt, dass sie in eine OP einwilligte. Professor Lützner zeigt zwei Röntgenbilder: Auf dem einen ist die hochgradige Abnutzung an der Innenseite des Kniegelenks zu sehen, auf dem anderen der Gelenkersatz aus Metall und Kunststoff. "Das Gelenk sitzt fest", stellt der Arzt fest. Eine beruhigende Botschaft, denn die OP liegt bereits drei Jahre zurück. "95 Prozent der Kunstgelenke halten mindestens zehn Jahre."

Krankenkassen kritisieren immer wieder den Trend zu Gelenkersatz-OPs. Laut Statistik stieg die Zahl dieser Eingriffe von 2015 bis 2017 um 15.000 auf 168.000. Damit ist Deutschland im internationalen Vergleich Spitze. Lützner sieht dafür vor allem drei Gründe: die alternde Bevölkerung, die gestiegenen Ansprüche der Patienten und den Trend zu Risikosportarten mit den dadurch bedingten Verletzungen: "Ein Drittel der Patienten ist jünger als 65 Jahre."

Dabei ist es nicht so, dass jeder unters Messer kommt, der das will. "Die Leitlinien der Fachgesellschaften definieren klare Voraussetzungen für eine Operation", betont der Experte. Dazu gehörten zum Beispiel ein bestimmter Abnutzungsgrad und konservative Therapien über drei bis sechs Monate. Außerdem müssten die Lebensqualität der Betroffenen stark eingeschränkt und der Leidensdruck hoch sein. "Eines müssen die Patienten aber wissen: Sie bekommen kein neues Knie, sondern nur ein Ersatzteil - und das ist niemals so gut wie ein Original."

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