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Körperfokussierte repetitive Verhaltensweisen sind weit verbreitet: Sie dienen oft als Bewältigungsstrategie für Stress, Anspannung oder unangenehme Gefühle.
Körperfokussierte repetitive Verhaltensweisen sind weit verbreitet: Sie dienen oft als Bewältigungsstrategie für Stress, Anspannung oder unangenehme Gefühle. Bild: Andrea Warnecke/dpa-tmn
Gesundheit
Nägelkauen, Hautzupfen & Co: Wie man besser damit leben kann

Viele Menschen leiden unter körperbezogenenen repetitiven Verhaltensweisen, meist im Stillen. Was sie von bloßen Angewohnheiten unterscheidet und warum Selbstmitgefühl der Schlüssel zur Besserung ist.

Washington/Oxford/Leipzig.

Immer wieder an einer Haarsträhne zupfen, die Haut an winzigen Unebenheiten aufkratzen, Nägel bis auf die Fingerkuppen kauen: Solche Handlungen gelten oft als schlechte Angewohnheiten – können aber Ausdruck einer psychischen Störung sein. Körperbezogene repetitive Verhaltensweisen, kurz BFRBs (engl. Body-Focused Repetitive Behaviors), betreffen rund 5 Prozent der Menschen. Bei vielen Betroffenen kommt Scham dazu. Doch man kann die Symptomatik besser verstehen und besser damit leben. 

Normales Verhalten - bis es zu viel wird 

"BFRBs sind keine bloßen Gewohnheiten oder Akte der Selbstverletzung", sagt die britische Neurowissenschaftlerin Clare Mackay von der Universität Oxford im Podcast "Speaking of Psychology" der American Psychological Association (APA). Grundsätzlich seien sie erst einmal Teil des normalen menschlichen Repertoires an Pflege- und Beruhigungsverhalten. Und "Menschen greifen häufiger zu diesen Handlungen, wenn sie gestresst oder übererregt sind – oder auch, wenn sie sich langweilen." 

"Wir berühren uns selbst, um eine Stresssituation psychisch auszubalancieren", erklärt auch Martin Grunwald von der Universität Leipzig, wo er das Haptiklabor leitet: "Selbstberührungen sind demnach der Versuch des Organismus, nach oder während einer psychischen Irritation wieder einen Zustand der psychischen Balance herzustellen." 

Bei Menschen mit BFRBs sei dieser normale Impuls quasi außer Kontrolle geraten, beschreibt im APA-Podcast Suzanne Mouton-Odum, Verhaltenstherapeutin und BFRB-Expertin aus Houston: "Ich vergleiche es gern mit Schokolade – sie fühlt sich gut an, bis man zu viel davon hat." Das Ziehen, Drücken oder Kratzen wirkt für einen Moment beruhigend oder stimulierend – aber danach folgt oft Scham. "Man denkt, man sei schwach, hässlich oder willenlos. Aber das Gegenteil ist der Fall – man versucht, mit Gefühlen zurechtzukommen", erklärt Mackay. 

Die Ursachen für BFRBs sind vielschichtig. Studien zeigen, dass familiäre Häufungen vorkommen und neurobiologische Faktoren eine Rolle spielen - es ist also keine Willenssache. 

Der Schlüssel: Selbstmitgefühl statt Selbstkontrolle 

In der Therapie geht es deshalb nicht darum, das Verhalten einfach abzustellen, sondern zu verstehen, was damit regulieren werden soll, warum man es also macht. Dazu ist wichtig zu wissen: "Wann passiert es, in welchem Zustand, in welcher Umgebung?", sagt Mouton-Odum. 

Neben verhaltenstherapeutischen Techniken spiele das Auflösen von Scham eine zentrale Rolle. "Manche Patientinnen sind erst dann bereit, Neues zu lernen, wenn sie verstanden haben: Das ist kein seltsames oder ekliges Verhalten – es ist menschlich." 

Auch Mackay betont, wie wichtig Selbstmitgefühl sei. "Das Gegenmittel zu Scham ist Mitgefühl – nicht Selbstdisziplin. Es bedeutet, sich mit Neugier statt mit Abwertung zu begegnen: Warum ist mein Drang heute stärker? Statt: Ich bin so dumm, ich hab’s wieder getan." 

Wer selbst bemerkt, dass er in akuten Stresssituationen knibbelt oder drückt, sollte es zunächst mit einem Entspannungstraining versuchen, rät Martin Grunwald. Wenn dieses Verhalten besonders häufig vorkommt und man es selbst weiter als problematisch empfindet, helfe eine Psychotherapeutin oder ein Psychotherapeut weiter, die oder der mit dem Thema Erfahrung hat. 

Was Eltern wissen sollten 

Sind Kinder betroffen, kommt es besonders auf den Umgang der Eltern damit an. Sie beobachten das Verhalten beim Kind oft mit Sorge und reagieren mit Appellen wie "Hör doch auf damit!". Doch das verschlimmert die Scham. "Die entscheidende Frage ist nicht, wie man das Kind stoppen kann, sondern wie man ihm hilft, ohne Scham zu leben", sagt Clare Mackay. Eltern sollten den Fokus neu ausrichten: auf die Stärken und das Selbstwertgefühl ihres Kindes, nicht auf Haare oder Haut. 

Hintergrund

Zu den sogenannten körperbezogenenen repetitiven Verhaltensweisen (engl.: Body-focused repetitive behaviors; BFRBs) gehören unter anderem das Bearbeiten der eigenen Haut (Skin Picking), Haareausreißen (Trichotillomanie), Nägelkauen sowie Wangen- und Lippenbeißen. Betroffene und Angehörige finden Informationen und Links etwa auf der Webseite des Vereins Skin Picking und Trichotillomanie e.V. unter https://bfrbs.de. (dpa)

© Copyright dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH
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