Neuer Spermientest liefert Ergebnis in 30 Minuten

Ein Test kann Männern mit Fruchtbarkeitsstörung langwierige Versuche ersparen. Er wurde jetzt zum Patent angemeldet.

Etwa jedes sechste Paar in Deutschland kann auf natürlichem Weg keine Kinder bekommen. Viele leiden sehr darunter - und versuchen irgendwann über eine künstliche Befruchtung ihr Glück. Das klappt in immer mehr Fällen: In jeder Schulklasse sitzt statistisch gesehen mindestens ein Kind, das im Labor entstanden ist. "Das sind fast drei Prozent aller Kinder", sagt Reproduktionsmedizinerin Dr. Ute Czeromin. Allein 2017 waren das in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt 1457 Kinder. Rund 300.000 sind es seit der ersten geglückten künstlichen Befruchtung im Jahr 1982 in Deutschland insgesamt.

Aber repromedizinische Behandlungen sind teuer - und es gibt keine Erfolgsgarantie. Ein relativ einfacher, neuer Spermientest könnte in Zukunft bestimmten Kinderwunsch-Paaren eine lange Odyssee ersparen. Identifiziert werden Männer, deren Samenzellen auf natürlichem Weg nicht fähig sind, eine Eizelle zu befruchten - obwohl sämtliche Kennzeichen der Spermien völlig normal sind. Gestört ist lediglich ein winziges, aber entscheidendes Detail: Ein Ionenkanal in der Zellmembran ist nicht aktiv. Er wird CatSper-Kanal genannt. Öffnen kann ihn nur das weibliche Sexualhormon Progesteron, das von der Eizelle ausgeschüttet wird. Dadurch strömen Kalziumionen in das Spermium und wirken auf dessen "molekularen Motor" ein. Quasi wie mit Turbo-Antrieb kann die Samenzelle dann die Hülle der Eizelle selbstständig durchbrechen. Ist der Kanal defekt, gelingt das nicht. Dann findet keine Befruchtung statt.

Kinderwunsch-Paaren, bei denen der Mann an einem CatSper-Defekt leidet, bleibt nur der Weg, die Samenzelle unter dem Mikroskop direkt in die Eizelle einzubringen. Mit dieser Hilfestellung, die als IntraCytoplasmatische Spermien-Injektion (ICSI) bezeichnet wird, gelingt den defekten Samenzellen die Befruchtung, und es kann zu einer Schwangerschaft kommen. Wird der Defekt bereits zu Beginn einer Kinderwunschbehandlung diagnostiziert, können den betroffenen Paaren langwierige, frustrierende und zum Teil teure Versuche erspart werden. Sie würden von einem Verkehr zum optimalen Zeitpunkt über Inseminationen bis hin zur In-vitro-Fertilisation reichen, sagt Professor Timo Strünker vom Centrum für Reproduktionsmedizin und Andrologie. Der Wissenschaftler und sein Team der Universität Münster haben den Test entwickelt. Er wird derzeit noch erprobt und ist im Dezember auf einem Kongress des Dachverbandes der Reproduktionsbiologie in Leipzig erstmals vorgestellt worden.

Nach den Pilotexperimenten könnten bis zu ein Prozent der Männer aus der Kinderwunsch-Sprechstunde betroffen sein, in der Untergruppe mit "unerklärlicher" Sterilität möglicherweise mehr. Die Häufigkeit wird derzeit an größeren Patientenzahlen geprüft. Strünker geht davon aus, dass der Defekt in den allermeisten Fällen genetisch bedingt ist und alle Samenzellen betroffen sind.

Der Schnelltest liefert innerhalb von 30 Minuten ein Ergebnis. Notwendig sind eine kleine Menge Ejakulat und zwei Testlösungen. Die Bewertung erfolgt im Mikroskop, das in urologischen, andrologischen und reproduktionsmedizinischen Praxen zum Standard zählt. Der Test ist zum Patent angemeldet. Die Ergebnisse der Pilotstudie sollen 2020 veröffentlicht werden. (mit rnw)

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