Rolle rückwärts in die Poliklinik

Dr. Michael Burgkhardt aus Leipzig hat Poliklinik, Praxis und das neue Medizinische Versorgungszentrum erlebt. Welches Arztsystem ist das beste für den Patienten?

Für Michael Burgkhardt gab es nie etwas anderes, als Arzt zu werden. Denn er stammt aus einer Leipziger Arztfamilie. Doch sein Traumberuf hat Risse bekommen.

Der 74-jährige Allgemeinmediziner hat viel mitgemacht: in der DDR in der Poliklinik, nach der Wende als niedergelassener Arzt und seit zwei Jahren in einem Medizinischen Versorgungszentrum - kurz MVZ. Dafür hat Burgkhardt seine Praxis samt Ausstattung und Personal an das Sankt Elisabeth-Krankenhaus in Leipzig verkauft, die das Zentrum betreibt. MVZs gelten als moderne Form der Polikliniken und sind ein Trend. Die ersten fünf Zentren gab es in Sachsen bereits 2004. Heute sind es etwa 200. Dr. Klaus Heckemann, Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen, rechnet bis 2023 mit 1000 Versorgungszentren. Um den Praxissitz zu erhalten, arbeiten die Ärzte stundenweise in ihrer alten Praxis weiter. Auch Michael Burgkhardt bleibt drei Jahre im MVZ angestellt und geht dann in den Ruhestand. Er sieht das positiv: "So kann ich mich noch von meinen Patienten verabschieden."

Medizinische Versorgungszentren hätten sich vor allem Ärzte, die zur Wende älter waren, schon vor 30Jahren gewünscht. Denn sie haben viele Vorteile. Die Ärzte können im Angestelltenverhältnis bleiben. Patienten finden mehrere Fachgebiete in einem Haus, inklusive Labor, Röntgen und Beratungsstellen, oft an Standorten mitten im Wohngebiet. Doch von Versuchen, die Polikliniken zu retten, wollte nach der Wende plötzlich kaum einer etwas wissen. Die Mehrzahl der Ärzte sei den Schritt in die eigene Niederlassung gern gegangen. Auch Michael Burgkhardt, obwohl er heute den Umsturz als vorschnell bezeichnet.

Der Leipziger Arzt hat drei Bücher veröffentlicht. Darin geht es zum Beispiel um das Medizinstudium in der DDR, das sozialistische Gesundheitswesen und die freiberufliche Tätigkeit nach der Wende. "Das alles soll nicht in Vergessenheit geraten", sagt er. Jedoch nicht mit verklärtem Blick. "Im sozialistischen Gesundheitswesen fehlte es an allem. Auch die Krankenhäuser waren marode und dürftig ausgestattet."

Was in der DDR aber wirklich gut gewesen sei, war das Medizinstudium. "Es war klarer strukturiert und fundierter. Wir hatten eine klassische Basisausbildung und haben gelernt, mit Händen, Augen und Ohren eine Diagnose zu stellen." Nicht umsonst wurden damals Ost-Mediziner vom Westen abgeworben. Auch die Dispensairebetreuung - das waren strukturierte Nachsorgeprogramme - und das Krebsregister wären erhaltenswert gewesen. "Nun baut man mühevoll alles wieder auf." An der heutigen Medizinerausbildung kritisiert er, dass die klinische Untersuchung eines Patienten viel zu wenig Bedeutung hat. Alles sei auf Technik ausgerichtet.

Michael Burgkhardt schloss 1975 sein Studium und 1981 die Facharztausbildung ab - zuerst in der Urologie, danach in der Allgemeinmedizin, der er treu geblieben ist. Behalten hat er auch seinen kritischen Geist. Auf den Leipziger Montagsdemonstrationen trug er ein Transparent mit der Forderung nach freien Wahlen. Von 1990 bis 2014 saß Burgkhardt im Stadtparlament und leitete unter anderem den Stasi-Untersuchungsausschuss. Nicht von ungefähr, denn als er 1986 eine der größten Polikliniken der DDR - die Poliklinik Leipzig-Ost - übernahm, war jeder fünfzehnte Angestellte informeller Mitarbeiter der Staatssicherheit. Das fand er aber erst später heraus. Von den 330 Mitarbeitern, davon 70 Ärzte, hatte jeder siebente einen Ausreiseantrag gestellt. "Wer die DDR verlassen wollte, durfte in keiner leitenden Stellung mehr arbeiten. Auch Unikliniken entledigten sich meist dieser Mitarbeiter", so Michael Burgkhardt. "Auffangbecken" war unter anderem die Poliklinik Leipzig-Ost.

Niedergelassene Kollegen schimpfen heute oft über Bürokratie. Die hat auch Michael Burgkhardt erlebt: Dokumentation, Arztbriefe, Abrechnungen und Bestellungen. "Da ging es auch mal bis in die Nacht", sagt er. "Doch die Dokumentation heute hat wenigstens noch etwas mit Medizin zu tun." Oft denkt er an die vielen "sinnlosen Aufgaben" zurück, die von DDR-Ärzten in Leitungsfunktionen erwartet wurden. "Damals hatte ich monatlich Stimmungsberichte der Belegschaft abzuliefern, mich um den sozialistischen Wettbewerb und die Altpapiersammlung zu kümmern, aber auch auf Kollegen einzuwirken, um sie von ihrem Ausreisegesuch abzubringen." Er habe zwar alles protokolliert, aber niemanden denunziert oder agitiert, wie er sagt.

Eine Episode sinnloser Ideologisierung ist ihm heute noch in Erinnerung: "In einem der kältesten Winter sind zwei alte Menschen in ihrer Wohnung erfroren. Ich schrieb ,Tod durch Erfrieren' auf den Totenschein, musste das aber dann auf Verlangen des Kreisarztes in ,Herzversagen' ändern." Die Begründung des Staatsfunktionärs: "In der DDR erfriert keiner."

Als Arzt genoss man in der DDR kein hohes Ansehen. Das zeigte sich auch im Verdienst. "Meine Frau verdiente damals als Oberärztin in der Gynäkologie eines Krankenhauses 1400 Mark im Monat, eine leitende Stationsschwester 1450 Mark", sagt er. Das änderte sich 1993, als Burgkhardts ihre eigene Praxis eröffneten. "Obwohl wir nie vorher wussten, wie viel wir verdienen, denn die Punkte, nach denen ärztliche Leistungen abgerechnet wurden, hatten jedes Quartal einen anderen Wert." Die Buchhaltung und das Abrechnungswesen seien Neuland gewesen und habe den Ärzten viel abverlangt. Auch die Vertreterbesuche: "Es gab Kollegen, die sind in den finanziellen Ruin getrieben worden, weil man ihnen teure Geräte und fragwürdige Finanzierungen aufgeschwatzt hat." In der DDR kannte man solche Praktiken nicht und war vertrauensselig.

Die Arbeit in der Niederlassung sei für ihn zwar anstrengend, aber auch sehr erfüllend gewesen. "Ich hatte meine Patienten zu versorgen. Wie ich das schaffte, blieb mir überlassen", sagt er. "Zusätzlich war ich Arbeitgeber für meine Praxisangestellten, Verwalter, Buchhalter und Techniker. Und natürlich Ehemann und Vater." Auf solch einen Lebensrhythmus, der weitgehend von der Arbeit diktiert wird, möchte sich heute kaum noch ein Arzt einlassen. Kein Wunder, dass die Zahl der Praxisniederlassungen immer weiter zurückgeht.

Um die dringend benötigten Mediziner nicht an Behörden oder die Forschung zu verlieren, wurden die MVZs geschaffen. "Da es dort für Verwaltung und Abrechnung extra Beschäftigte gibt, können sich Ärzte auf die Medizin konzentrieren." Im MVZ sieht Burgkhardt deshalb die Zukunft der ambulanten Versorgung, obwohl es der frühe Tod der ärztlichen Freiberuflichkeit sei.

Doch nicht nur die Ärzte haben sich gewandelt, auch die Patienten. "Sie verstehen sich heute häufig als Kunden, die für eine Leistung bezahlt haben und sie deshalb auch einfordern." Der Google- und Zweitmeinungspatient käme mit konkreten Vorstellungen, wie er behandelt werden möchte oder welche Diagnostik er sich vorstellt. Sei der Arzt anderer Meinung, würde schnell mal mit dem Anwalt gedroht. "Im Gegensatz zu früher sind viele auch nicht mehr bereit, selbst etwas zu ihrer Gesundung beizutragen oder gar ihren Lebensstil zu ändern", sagt Burgkhardt. Sie wollen sich vom Arzt nicht disziplinieren lassen.

Sein Blick wandert zu den Fotos über dem Schreibtisch - Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Vater und Großvater aus ihrer Zeit als Mediziner. Sie strahlen Autorität aus. Er erinnere sich genau, wie sein Opa oft spätabends noch nach seinen Patienten schaute, auch wenn sie ihn nicht gerufen hatten. Bei vielen gehörte er zur Familie, betreute mehrere Generationen. Und was er sagte, wurde respektiert. "Das ist heute anders. Da wird erst einmal gezweifelt." Sein Großvater war nur dann glücklich, wenn er seine Patienten gut versorgt wusste. Burgkhardt: "Mit dieser Einstellung bin ich aufgewachsen. Heute zählen in erster Linie materielle Werte. Da schaue ich schon wehmütig zurück."

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