Sachsens Barmer-Chef: "Nicht jede Klinik muss jede OP machen"

Fabian Magerl fordert von der Politik mehr Mut bei der Krankenhausplanung - auch im Interesse der Patienten.

Wer ins Krankenhaus geht, will gesund werden. Aber wie können Patienten die Qualität einer Klinik beurteilen? Und warum gibt es immer noch so große Unterschiede zwischen den Krankenhäusern? Im Interview mit Steffen Klameth spricht sich der Landesgeschäftsführer der Barmer in Sachsen, Fabian Magerl, für verbindliche Mindestfallzahlen aus und wirft der Politik falsche Rücksichtnahme vor.

Herr Magerl, angenommen, Sie haben eine geplante OP vor sich und können sich die Klinik aussuchen: Wovon würde Ihre Entscheidung abhängen?

Ich würde mit meinem behandelnden Arzt sprechen, eine zweite Meinung einholen und mir im Internet die Qualitätsberichte der Krankenhäuser anschauen. Dort steht zum Beispiel, wie häufig die jeweilige Operation durchgeführt wird - für mich ein wichtiges Kriterium für Qualität.

Warum?

Im Krankenhaus ist es so wie überall, wo Spezialisten arbeiten: Man braucht viel Praxis, um Erfahrung und Routine zu erlangen. Außerdem haben Kliniken, die viel operieren, eine größere Bandbreite an Medizinprodukten zur Verfügung. Beispiel Gelenkersatz: Es gibt eine Vielzahl an Endoprothesen. Kleinere Kliniken haben weniger davon vorrätig als große. Dann wird im Zweifel zu jenem Modell gegriffen, das eben nur fast so genau passt wie das, das man eigentlich benötigt.

Und wenn die Klinik Ihrer Wahl 100 Kilometer von Ihrem Heimatort entfernt liegt?

Das wäre mir bei einer planbaren OP egal, auch 200 Kilometer wären okay. Eine Operation kann schicksalhaft sein, man muss immer mit Komplikationen rechnen. Da will ich mich in guten Händen wissen.

Wer sagt denn, dass Spezialisten in einem kleinen Krankenhaus jenseits großer Städte nicht genauso gut operieren können?

Das behauptet niemand. In Sachsen gibt es beispielsweise abseits der großen Städte kleine spezialisierte Krankenhäuser, in denen Gelenkersatz-OPs hervorragend durchgeführt werden. Aber Fakt ist auch, dass sich die großen Häuser nun mal in Ballungszentren befinden.

Ab wann kann man denn von Erfahrung sprechen?

Das hängt vom Fachbereich ab. Der Gemeinsame Bundesausschuss hat das als Mindestmengen definiert. Bei Kniegelenk-Totalendoprothesen sollten es pro Jahr und Standort 50 OPs sein, bei komplexen Eingriffen an der Bauchspeicheldrüse liegt die Mindestmenge bei zehn.

Kritiker solcher Vorgaben entgegnen, dass dort, wo die Eingriffe häufiger stattfinden, nicht immer derselbe Arzt operiert.

Natürlich wäre es optimal, wenn man die Qualität am einzelnen Operateur festmachen könnte. Das Krankenhaus kann das vielleicht, wir als Kasse nicht. Es gibt aber inzwischen genügend Studien, die den Zusammenhang zwischen Fallzahl und OP-Erfolg auf Ebene des Krankenhauses nachgewiesen haben. Im aktuellen Barmer-Krankenhausreport wurde das am Beispiel des Bauchaortenaneurysmas untersucht - eine tückische Krankheit, die oft nur zufällig entdeckt wird und im schlimmsten Fall zum Tode führen kann. In Sachsen gibt es die wenigsten Sterbefälle, und zwar aus zwei Gründen: Hier wird der geplante Eingriff an der erweiterten Bauchschlagader am häufigsten mit der sogenannten Schlüssellochmethode durchgeführt - und nur in spezialisierten Krankenhäusern oder zertifizierten Gefäßzentren, mit entsprechend hohen Fallzahlen.

In der Konsequenz heißt das: Wer die Mindestmenge nicht erreicht, darf die OP nicht mehr durchführen.

So ist es. Es muss nicht jede Klinik jede Operation anbieten. Für uns steht die Patientensicherheit an erster Stelle. Nichts anderes wollte der Bund übrigens mit dem Krankenhausstrukturgesetz erreichen, das bereits 2015 beschlossen wurde: Wenn Krankenhäuser bestimmte Qualitätsziele verfehlen, soll es demnach finanzielle Abschläge geben.

Früher oder später können solche Abteilungen oder gar Krankenhäuser nicht mehr wirtschaftlich agieren und müssen schließen. Ist das der Plan?

Wir wollen keinen Kahlschlag, sondern mehr Qualität. Wie das funktionieren kann, hat Sachsen Ende der 1990er-Jahre gezeigt. Damals wurden Krankenhäuser geschlossen und dafür neue in zentraler Lage errichtet. Natürlich war die Situation damals anders, es gab viele Fördergelder. Heute beneiden uns Altbundesländer um unsere Krankenhausstruktur. Aber darauf dürfen wir uns nicht ausruhen. Irgendwann ist der ökonomische Druck so groß, dass sich mancher Krankenhausträger - beispielsweise Landkreise oder Sozialverbände - das nicht mehr leisten kann.

Im aktuellen Krankenhausplan des Freistaates ist weder von Bettenabbau noch Schließungen die Rede. Vielleicht ist die Lage gar nicht so dramatisch?

Einen Status quo auch dann beizubehalten, wenn die Ressource Mensch, also das medizinische Fachpersonal und die Pflegekräfte, knapper wird, kann keine Lösung sein. Es gibt inzwischen auch Krankenhäuser, die ihre Kapazitäten abbauen möchten. In den Fachkreisen wurde durchaus diskutiert, wie man eine verbindliche Qualitätsdefinition in den Krankenhausplan schreiben kann. Aber die fachliche Diskussion endete im Februar 2018 und wurde danach nur noch auf politischer Ebene weitergeführt. Notwendige Konzentrationsprozesse, die auch Bewohnern in den ländlichen Regionen zukünftig eine qualitativ hochwertige Versorgung sichern, wurden bedauerlicherweise auf die nächste Planungsphase verschoben.

Aus Rücksicht auf die Wähler?

Man will den Akteuren vor Ort nicht wehtun; jeder Standort hat in der jeweiligen Region seine Bedeutung. Und die bevorstehende Landtagswahl macht die Sache nicht einfacher. Aber jede Umstrukturierung bedeutet immer auch Veränderung.

Was schlagen Sie vor?

Ich wünsche mir, dass sich alle Beteiligten an einen Tisch setzen und offen miteinander reden. Die Spezialisierung der Krankenhäuser sollte dabei genauso zur Sprache kommen wie der regionale Proporz. Und dann brauchen wir den Mut zu ehrlichen politischen Entscheidungen.

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