"Schicken Sie Ihre Zecke ein"

Wissenschaftler bitten um Mithilfe. Denn Zecken gibt es nicht mehr nur in Risikogebieten. Und auch neue Arten kommen dazu.

Mit den ersten wärmeren Tagen nimmt auch die Zeckenaktivität sichtbar zu. Die Tiere können gefährliche Krankheiten übertragen, zum Beispiel die Frühsommermeningoenzephalitis (FSME). Die Gefahr ist in den letzten Jahren deutlich größer geworden, warnten Zeckenforscher am Mittwoch auf einem Kongress der Uni Hohenheim in Stuttgart, dem wissenschaftlichen Zentrum der Zeckenforschung in Deutschland.

"Bestand die Gefahr einer Infektion früher hauptsächlich in bestimmten Regionen, insbesondere in Bayern und Baden-Württemberg, ist heute im Grunde ganz Deutschland ein Risikogebiet", so Dr. Gerhard Dobler, Leiter des Nationalen Konsiliarlabors für FSME. "Dem FSME-Risiko kann man praktisch nicht mehr ausweichen", sagt Professorin Ute Mackenstedt, Parasitologin an der Uni Hohenheim. Mehr als jede fünfte Erkrankung tritt mittlerweile außerhalb eines bekannten Risikogebietes auf. Sie mahnt deshalb zur Impfung. Die 583 FSME-Erkrankungen im vergangenen Jahr in Deutschland wären Gerhard Dobler zufolge vermeidbar gewesen. Anders als in Österreich seien in Deutschland nur 20 bis 40 Prozent der Bevölkerung gegen FSME geimpft. Die Krankheitszahlen in Deutschland lägen deshalb viermal höher als in der Alpenrepublik, wo 80 Prozent geimpft seien.

Die Wissenschaftler sehen für die kommenden Jahre noch großen Forschungsbedarf. So bereitet ihnen die Entwicklung sogenannter Zecken-Hotspots Sorge. Ein Beispiel dafür ist der Landkreis Ravensburg in Oberschwaben. 2017 traten dort erstmals 19 FSME-Fälle auf, 2018 bereits 23. "Die Zeckenaktivität lässt sich nicht mehr lokal eingrenzen", so Dobler. "Manche Hotspots bleiben über Jahre belastet, andere tauchen von Jahr zu Jahr neu auf."

Ein weiteres Rätsel ist das Auftreten der Riesenzecke Hyalomma. "Sie ist bis zu dreimal so groß wie ihre europäischen Verwandten und hat auffällig geringelte Beine", sagt Professorin Mackenstedt. Im vergangenen Jahr wurde sie erstmals in Deutschland gefunden - eingeschleppt vermutlich durch Vögel aus Afrika, Asien oder Südeuropa. "Die Klimaerwärmung scheint es der Hyalomma möglich zu machen, dauerhaft in Deutschland zu überleben." Nicht nur in der Größe, auch in ihrem Jagdverhalten unterscheidet sich die Tropenzecke von der heimischen: Während der gemeine Holzbock an Gräsern und Büschen in die Höhe klettert, wo ihn Wildtiere und Wanderer abstreifen, jagt die Hyalomma-Zecke aktiv. "Sie erkennt Warmblütler auf Distanzen von bis zu zehn Metern und kann sie über lange Strecken verfolgen", so die Parasitologin. Inwieweit Tropenzecken Krankheiten übertragen und die Tiere auf Zeckenschutzmittel ansprechen, sei völlig unklar. Ute Mackenstedt: "In ihrer Heimat gilt die Hyalomma als Überträgerin des Krim-Kongo-Fiebers, des Arabisch-Hämorrhagischen Fiebers und anderer Formen des Zecken-Fiebers."

Um das alles zu erforschen und die Verbreitungsgebiete zu ermitteln, bitten die Wissenschaftler um Unterstützung der Bevölkerung: "Schicken Sie Ihre Zecke ein!" Wer auffällige Zecken findet, soll sie mit Pinzette, Zeckenzange oder Zeckenkarte entfernen und an die Uni Hohenheim senden. Die Wissenschaftler erklären auch gleich, wie das geht: "Wenn die Zecke noch lebt, geben Sie sie in ein kleines, luftdichtes Gefäß (Kunststoff-Cremetigel oder kleines Einmachglas). Legen Sie einen frischen Grashalm dazu, er wird die Zecke mit Feuchtigkeit versorgen und ein Vertrocknen während des Transports verhindern."

Ist die Zecke tot, kann sie in Papier eingeschlagen und in ein Stück Luftpolsterfolie verpackt werden. Der Umschlag ist von außen gut mit Tesafilm zuzukleben. Die Zecke darf aber keinen Kontakt zu Tesafilm oder anderen Klebern haben.

Wer den Aufwand scheut, kann den Forschern auch mit einem Foto der Zecke helfen. Es wird per E-Mail an: tropenzecken@uni-hohenheim.de gesendet. Bitte auch Datum und Fundort der Zecke angeben.

Versandadresse: Uni Hohenheim, Fachgebiet für Parasitologie 220B, Emil-Wolff-Straße 34, 70599 Stuttgart-Hohenheim.

Schutz vor heimtückischer Zeckenkrankheit möglich

2018 wurden deutschlandweit laut Robert-Koch-Institut 583 FSME-Erkrankungen gemeldet - so viele wie seit 18 Jahren nicht. Grund war auch der lange, heiße Sommer. In Sachsen gab es zwölf gemeldete Fälle. Betroffen waren ein siebenjähriger Junge und elf Erwachsene zwischen 20 und 80 Jahren. Nur einer von ihnen war vollständig geimpft.

Für einen vollständigen Schutz braucht es drei Impftermine. Zwischen der ersten und zweiten Dosis sollten höchstens drei Monate liegen, zwischen der zweiten und dritten neun bis zwölf Monate. Alle drei Jahre sollte der Schutz aufgefrischt werden.

Die Krankenkassen bezahlen die Impfung meist nur für Personen, die sich in den vom Robert-Koch-Institut ausgewiesenen Risikogebieten aufhalten, was den neuesten Erkenntnissen der Wissenschaftler widerspricht, die ganz Deutschland als Risikogebiet sehen. Die Praxis lockert sich aber - immer mehr Kassen übernehmen die Kosten auch ohne örtliche Einschränkung - als Reiseimpfung.

In Sachsen gibt es seit 2019 fünf FSME-Risikogebiete: Neu hinzugekommen ist der Kreis Sächsische Schweiz/Osterzgebirge. Das Risiko besteht schon seit Längerem im Vogtland, dem Erzgebirge sowie den Landkreisen Bautzen und Zwickau.

FSME gilt als heimtückisch, weil die Viren sofort mit dem Stich übertragen werden. Rechtzeitiges Entfernen der Zecke kann demnach vor Borreliose, nicht aber vor FSME schützen.

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