Schießen oder piercen?

Schmuck kann auf verschiedenen Wegen ins Ohr kommen - und nicht nur dorthin

Wie schön wäre es, wenn sie Ohrringe hätte, dachte sich Esther Lenssen. Man nehme eine abgekochte Nadel aus Mutters Nähkästchen, setze sich ins Bad und vertraue der besten Freundin. Das Ergebnis: jahrelange Entzündungen. "Ich war 15 und dachte mir nichts dabei", gibt Lenssen zu. Inzwischen arbeitet sie als Sprecherin für den deutschen Ohrlochschießsystem-Hersteller Studex und weiß: Es gibt bessere Varianten. Nadine Franke hat bei ihr und anderen Experten nachgefragt.

Das Schießen von Ohrlöchern ist am bekanntesten. Wie geht das?

Oft werden Ohrlöcher nebenbei vom Juwelier oder Friseur geschossen. Verwendet wird dafür ein Gerät, das als Pistole bezeichnet wird, da stumpfer Schmuck durch Federdruck ins Ohr geschossen wird und es dabei knallt. Piercer wie der Dresdner Alix sehen das kritisch. "Das Gewebe wird dabei zerstört." Das kann ein Gewebetrauma zur Folge haben und die Heilung beeinträchtigen. Zudem könne die Technik versagen, sei es, dass sich die Stecker verklemmen oder die Pistole sich nicht mehr vom Ohr lösen lässt.

Was ist der Unterschied, wenn die Ohren gepierct werden?

Piercer stechen Ohrlöcher hauptberuflich. Dafür benutzen sie lasergeschliffene Hohlnadeln, die das Gewebe zerschneiden. Nadelangst sollte der Kunde dabei allerdings nicht haben. "Natürlich können beide Varianten Komplikationen bringen", erklärt Alix. Es ist auch im Piercingstudio wichtig, auf die Qualität von Schmuck und Materialien sowie auf steriles Arbeiten zu achten. Alix arbeitet in seinem Studio Trust Bodymodification in der Dresdner Neustadt vorwiegend mit amerikanischen Nadeln und Titan, da europäische Produkte oft keine zufriedenstellende Qualität für ihn haben. "Mir ist es auch wichtig, alles selbst aufzubereiten und zu sterilisieren." Um einen guten Piercer zu finden, sollten sich Kunden die Arbeitsweise vorher erklären lassen und darauf achten, dass beim Stechen nicht nur Schmuck und Nadel steril sind, sondern auch die Unterlage und die Handschuhe des Piercers.

Welche Technik für Ohrlöcher ist für das Ohr am besten?

"Die Technik macht aus medizinischer Sicht kaum einen Unterschied", erklärt Klaus Niermann von der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie. Manche Ärzte bieten ebenfalls das Ohrlochstechen als Bezahlleistung an. Niermann benutzt selbst Hohlnadeln und verwendet sogar eine lokale Betäubung. "Schießen funktioniert ebenso. Es gibt mit dieser Technik nicht mehr Komplikationen." Ohrlochpistolen dürfen sowieso nur im Ohrläppchen und im oberen Knorpelbereich verwendet werden. Das könne geschultes Personal beim Juwelier machen, sagt Niermann. Allerdings sollte auch dort auf steriles Arbeiten geachtet werden.

Können sterile Bedingungen nur Piercingstudios bieten?

Nein. Traditionelle Pistolen werden tatsächlich nur desinfiziert. Allerdings hat sich der Markt ebenso wie die Piercingszene weiterentwickelt. Firmen bieten nun Ohrlochschießsysteme an. Bei den modernen Geräten wird mit Muskelkraft statt Federdruck gearbeitet. "Es wird nicht mehr geschossen. Der spitze Schmuck schneidet ebenso durch das Gewebe", erklärt Esther Lessner. Auch für Sterilität wurde mit den neuen Systemen gesorgt. "Jeder Erststecker ist steril in einer Kartusche verpackt, die auf das Gerät gesteckt wird." So gelangt der Ohrstecker ohne Verunreinigung direkt ins Ohr.

Wer benutzt diese Geräte und wie viel kostet es?

Die sterilen Ohrlochschießsysteme werden nicht nur von Juwelieren verwendet. Auch beim Friseur, im Kosmetikstudio und in Sonnenstudios kommen sie zum Einsatz. Sogar mancher Apotheker schießt Ohrlöcher. "Wir haben auch Ärzte und Piercer, die unser System verwenden", sagt Lessner. Das sterile Schießen bezahlt der Kunde auch. Mit etwa 30 Euro muss gerechnet werden. Das nähert sich den Preisen bei Piercern an, wo ein Piercing bei etwa 39 Euro anfängt. Es kann um die 50 Euro kosten. Beim Chirurgen kostet die Leistung meist 50 bis 80 Euro.

Ist die Angst vor Schmerzen berechtigt?

Unabhängig von der Technik ist es eine sehr kurze Prozedur, das Ohr zu durchstechen oder zu durchschießen. "Mit einer Hohlnadel tut es unter einer Sekunde weh. Vielleicht zieht es noch einmal kurz, wenn der Schmuck eingesetzt wird", sagt Piercer Alix. Dabei sei es nicht unbedingt schmerzhafter, den Knorpel statt das Ohrläppchen zu piercen. "Das ist meist von der Tagesform abhängig", erklärt er. Am Ohr täte nichts wirklich weh. Anders sehe das bei Brustwarzen oder Intimpiercings aus, da könnte es schon mal ordentlich schmerzen. Oft ist die Zunge in der Vorstellung auch ein schmerzhaftes Piercing. "Das stimmt allerdings nicht. Das Piercen ist fast schmerzfrei, nur das Anschwellen danach ist unangenehm."

Was ist bei neuen Ohrlöchern zu beachten?

Wenn das Loch erst einmal im Ohr ist, unabhängig von der Technik, handelt es sich um eine Wunde. Sie muss regelmäßig desinfiziert werden, damit kein Dreck eine Entzündung verursacht. "Ganz wichtig ist es, die Finger vom Ohr zu lassen", erklärt Piercer Alix. Viele Kunden glauben noch, dass man den Schmuck drehen müsste. Das sei früher so gewesen, sagt Alix. "Jetzt wird nur Pflege darauf gesprüht, ansonsten braucht das neue Piercing erst mal nur drei Monate Ruhe."

Mit welchem Alter können Kinder Ohrringe bekommen?

"Das ist ein schwieriges Thema. Auch beim Piercen handelt es sich grundsätzlich um eine Körperverletzung", sagt Alix. Deswegen lehnen viele Piercer es ab, Jugendlichen unter 14 Jahren Ohrlöcher zu stechen. Und wenn doch, dann nur mit Einwilligung der Eltern. Dennoch lassen manche Eltern ihren Kindern bereits im Kleinkindalter die Ohren piercen. "Das empfinde ich persönlich als nicht so sinnvoll", sagt Chirurg Niermann. "Das Kind sollte zumindest selbst mit dem Wunsch kommen." Dann sei es auch in Ordnung.

Sind die Löcher in den Ohren dauerhaft?

Im Ohrläppchen bleiben die Löcher, auch wenn der Schmuck entfernt wird. Im Knorpelbereich schließen sich die Löcher schon kurz darauf. Aber auch für die Löcher im Ohrläppchen gibt es Hilfe. Wenn sie zu weit gedehnt sind oder der Schmuck nicht mehr gefällt, kann ein Chirurg oder Hautarzt eine Ohrlochrekonstruktion durchführen. Manche Piercer bieten diese Leistung ebenfalls an. Da es sich um einen medizinischen Eingriff handelt, sollte das aber immer ein Arzt machen. "Auch rechtlich dürfen das Piercer nicht. Es wird dabei mit dem Skalpell gearbeitet", erklärt Chirurg Niermann. Oftmals nehme er solche Eingriffe vor, wenn ein Ohrring rausgerissen wurde oder die gedehnten Ohrlöcher wieder zusammengenäht werden sollen.

Wie gefragt sind Ohrringe und Piercings eigentlich?

Das Interesse am Dehnen der Ohrläppchen hat zu Alix Freude nachgelassen. Aber dafür sind Piercings in Ohren und auch im Nasenflügel seit zwei Jahren wieder beliebt. Es gibt auch Piercingwünsche, die Alix nicht umsetzt. Manchmal gibt es die Anatomie nicht her und der Knorpel ist nicht gut genug ausgebildet. Grundsätzlich sticht er auch keine Piercings quer durch die Zungenspitze. Und für Intim- oder Brustwarzenpiercings müssen die Kunden zumindest volljährig sein. Da hilft auch die Einverständniserklärung der Eltern nicht. "Dann können sie gern wiederkommen, wenn sie alt genug sind."

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