Schnelle Hilfe fürs Kind

Allein in Sachsens Kitas und Schulen ereignen sich jährlich 79.000 Unfälle. Oft wissen Erwachsene dann nicht, was sie tun können. Eine App hilft.

Das Baby japst nach Luft und ist schon ganz blau im Gesicht. Seine aufgeregten Eltern können sich nicht erklären, woher plötzlich diese Atemnot kommt. Erst der Rettungssanitäter findet im Rachen des Kindes den Klebestreifen einer Taschentuchpackung. Das Kleine hatte vorher mit der knisternden Folie gespielt. "So was kann tragisch enden. Die Luftwege eines Säuglings sind so dünn wie eine Kugelschreibermine", sagt Klaus Lange. Er ist Rettungssanitäter und Erste-Hilfe-Trainer bei der Johanniter-Unfall-Hilfe in Leipzig und kennt viele solche Geschichten.

Blessuren und Verletzungen gehören zum Aufwachsen dazu. Aber wenn das eigene Kind plötzlich keine Luft mehr bekommt, einen Fieberkrampf erleidet oder Herz-Kreislaufprobleme hat, kommen viele Eltern an ihre Grenzen. Das zeigt eine Befragung der Barmer GEK unter 1000 Eltern mit Kindern unter zwölf Jahren. "Wenn man alleine mit dem Kind ist, vielleicht noch mitten in der Nacht, dann werden viele Eltern schnell panisch", sagt Fabian Magerl, Chef der Barmer in Sachsen. Unter Stress falle es schwer, das Erste-Hilfe-Wissen abzurufen.

Doch auch, wer im Notfall ruhig bleibt, ist sich oft unsicher, ob er das Richtige tut. Das gaben 41 Prozent der befragten Eltern in einer repräsentativen Forsa-Studie der Johanniter an. Jeder Dritte fühlt sich über Erste Hilfe in Kindernotfällen nicht ausreichend informiert. Zusammen mit der Johanniter-Unfall-Hilfe hat die Barmer deshalb im vergangenen Jahr eine kostenlose Kindernotfall-App entwickelt. "Mit ihr kann jeder Erste Hilfe bei Kindern leisten", so Magerl. Das Schlimmste sei, aus Angst vor Fehlern nichts zu tun.

Die App kann sich jeder auf sein Smartphone herunterladen, unabhängig von seiner Krankenkassenzugehörigkeit. Seit September 2017 haben das deutschlandweit aber erst 60.000 Menschen getan. Verglichen mit der Anzahl der Kinder sind das wenige. Allein in Sachsen leben rund 560.000 Kinder unter 16 Jahren. "Die Kindernotfall-App gehört bei allen Eltern, Erziehern und Lehrern auf das Smartphone", sagt Magerl. Am liebsten wäre ihm, wenn jeder die App installieren würde. Denn: "Plötzlich helfen zu müssen, kann uns alle treffen." In Deutschland kommt durchschnittlich alle 18 Minuten im Straßenverkehr ein Kind zu Schaden. In Sachsen ist das von Januar bis Juni 707 Mal passiert. 158 Kinder erlitten dabei schwere Verletzungen, ein Kind starb. Hinzu kommen Unfälle in Kitas und Schulen - laut Unfallkasse Sachsen pro Jahr 79.000 - sowie ungezählte Unfälle im Haushalt oder im Urlaub.

Die App ist einfach aufgebaut. Mit einem Klick lässt sich ein Notruf absetzen. Eine Übersicht erinnert zeitgleich an die W-Fragen, die in diesem Fall zu beantworten sind: Wo und was ist passiert? Wie viele Personen sind betroffen? Welche Verletzungen haben sie? Eine Suchfunktion hilft, die nächstgelegenen Krankenhäuser, Ärzte oder Apotheken zu finden oder auf vorher eingespeicherte Notrufnummern, zum Beispiel die des kassenärztlichen Notfalldienstes, zurückzugreifen.

Das Herz der App aber ist das Erste-Hilfe-ABC. Es bietet eine Übersicht der wichtigsten Notfall-Maßnahmen und leitet Schritt für Schritt an. Als Orientierung dient das Symptom, das dem Ersthelfer am stärksten ins Auge fällt, etwa Bewusstlosigkeit oder Atemstillstand. Piktogramme helfen, auf einen Blick zu erfassen, womit dem Kind schnell geholfen ist. Zudem gibt die App viele Tipps, wie sich Unfälle vermeiden lassen. Checklisten helfen dabei, typische Unfallquellen, wie ungesicherte Treppenabgänge oder nicht an der Wand befestigte Regale, zu identifizieren. "Das ist auch für Großeltern interessant. Viele sind besorgt, dass ihren Enkeln in ihrer Obhut etwas zustoßen könnte", sagt Stefan Kupietz, Ausbildungsleiter bei den Johannitern in Nordsachsen. Die App kann Ersthelfer unterstützen, bis der Rettungsdienst eintrifft. Professionelle Hilfe kann und soll sie nicht ersetzen.

Ginge es nach Dietmar Link, Landesvorstand der Johanniter-Unfall-Hilfe, müsste jeder den Erste-Hilfe-Kurs alle zwei Jahre wiederholen. Die Praxis sieht allerdings anders aus: "Die meisten machen einen Erste-Hilfe-Kurs mit der Fahrerlaubnis und dann nie wieder", sagt er.

"Dabei wird man ruhiger, wenn man weiß, was zu tun ist", sagt Trainer Klaus Lange und beugt sich über eine Babypuppe, ein Übungsobjekt zur Wiederbelebung. Demonstrativ geht er alle Schritte durch, die bei Atemstillstand anstehen würden: Er lauscht, ob das Baby atmet, schaut, ob es auf Ansprache reagiert. Dann umschließt er mit seinen Lippen das Näschen und den Mund der Puppe und bläst fünf Atemzüge in die Wangentaschen. "Das ist die Erstbeatmung. Gerade bei kleinen Kindern reicht die oft schon aus", sagt er. Atmet das Kind danach nicht selbstständig, muss eine Herz-Druck-Massage folgen.

Dafür sucht Lange die Mitte des Brustkorbs - genau zwischen den Brustwarzen, nimmt Mittelfinger und Ringfinger zusammen und fängt an, rhythmisch zu drücken. Im Geiste singt er dabei "Hänschen klein". Das habe zwei Vorteile: "Den Text kennt jeder, und eine Strophe dauert genau 30 Brustbeinkompressionen. Hat man sie gesungen, weiß man, dass wieder die Beatmung dran ist." Zweimal wird dann beatmet, danach folgt die nächste Strophe - so lange, bis der Rettungswagen kommt. Auch bei größeren Kindern und Erwachsenen bleibt der Rhythmus gleich. Zeigt Lange in seinen Kursen, wie Kinder reanimiert werden, wird ihm eine Frage immer wieder gestellt: Breche ich dem Kind nicht die Rippen? "Ja. Das passiert. Aber die heilen schnell wieder zusammen", antwortet er dann. Was wiegen schon ein paar gebrochene Rippen, wenn das Kind weiterleben kann?

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