Sechs neue Erkenntnisse über den Darm

Immer mehr Menschen klagen über Verdauungsprobleme. Kein Wunder, sagen Ärzte. Unser Mikrobiom verarmt.

2,5 Millionen Menschen müssen in Deutschland jedes Jahr wegen Problemen der Verdauungsorgane ins Krankenhaus. "Bis 2030 werden es mindestens 20 Prozent mehr sein", sagt Professor Frank Lammert, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie. Eine Ursache dafür sei die Abnahme der Artenvielfalt im Darm. "Unser Mikrobiom verarmt", so Lammert.

 

1. Unsere heutige Ernährung schädigt die Darmflora: Mehr als 160 unterschiedliche Bakterienspezies besiedeln den Magen-Darm-Trakt. Doch äußere Einflüsse verändern die Zusammensetzung der Darmflora. "Ein typisch westlicher Ernährungsstil mit viel rotem Fleisch, Wurst, Weißbrot, süßen Softdrinks und stark verarbeiteten Lebensmitteln begünstigt Bakterienarten, die die Darmbarriere schädigen und Entzündungen fördern", sagt Professor Andreas Stallmach von der Uniklinik Jena. Eine gesunde Darmwand kann solche schädlichen Bakterien oder Krankheitserreger davon abhalten, in den Blutkreislauf einzudringen. Der Darm ist deshalb eines der wichtigsten Abwehrorgane des Menschen.

Das Problem der heutigen Ernährung sei aber auch der geringe Gehalt an Ballaststoffen. Stallmach: "Sie sind Lebensgrundlage für physiologisch positive Darmbakterien." Ballaststoffe sind in Obst und Gemüse, aber auch in Vollkornprodukten, Nüssen, Weizenkleie und Leinsamen enthalten. Lösliche Ballaststoffe wie Inulin oder Oligofruktose werden Präbiotika genannt. Daneben ist oft von Probiotika die Rede. Das sind Milchsäurebakterien aus Naturjoghurt, Molke oder Sauerkraut, die einen positiven Einfluss auf die Gesundheit haben. Gut belegt ist auch, dass viel Bewegung hilft, den Darm auf Trab zu halten.

 

2. Die chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen nehmen zu: Blutige Durchfälle und heftige Bauchschmerzen kennzeichnen chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. Sie sind eine Qual und beeinträchtigen die Lebensqualität stark. Andreas Stallmach zufolge gab es in Deutschland zwischen den 1970er-Jahren und heute einen Zuwachs von 300.000 auf 450.000 Fälle pro Jahr. Das liege deutlich über den Effekten der verbesserten Diagnostik. Ballaststoffarme Ernährung, lange Antibiotikabehandlungen in der Kindheit, übertriebene Hygiene, aber auch genetische Vorbelastung - bei der Entstehung dieser Erkrankungen kommen viele Faktoren zusammen.

Behandelt wird heute meist mit entzündungshemmenden und immunmodulierenden Medikamenten. Doch nicht bei allen schlagen diese an, verursachen auch starke Nebenwirkungen. "Deshalb kommt zunehmend die Darmflora als neuer Behandlungsansatz in den Blick. Die Übertragung von Darmflora gesunder Menschen hat im Rahmen einer Studie bei mehr als einem Drittel der Patienten Erfolge gezeigt", sagt Andreas Stallmach. Im Herbst beginne eine vom Bundesforschungsministerium geförderte Großstudie zu dieser Behandlungsmethode.

Bei einer anderen schweren Darminfektion, der Clostridiodes-difficle-Infektion (CDI), war die Übertragung von gesunder Darmflora noch erfolgreicher. "70 Prozent waren danach beschwerdefrei, im Vergleich zu knapp 30 Prozent bei klassischer Antibiotikatherapie", sagt der Jenaer Professor. Auch CDI habe in Deutschland stark zugenommen. Mit 100 bis 140 Erkrankten pro 100.000 Einwohner hätten wir fast schon amerikanische Verhältnisse erreicht. "CDI weist die höchste Todesrate unter den entzündlichen Darmkrankheiten auf. Wir führen den Anstieg der Erkrankten auf den verstärkten Einsatz von Breitbandantibiotika zurück", erklärt Stallmach.

 

3. Ein kranker Darm kann schlecht für die Leber sein: Aufgrund einer erhöhten Durchlässigkeit der Darmwand gelangen Bakterien und bakterielle Produkte über die Pfortader in die Leber. "Sie führen zu einer chronischen Schädigung und Entzündung der Leber", sagt Professor Christian Trautwein von der Uniklinik Aachen. Das habe lokale Auswirkungen auf das Organ selbst, aber auch systemische. So verstärkten sich die Gefäßverkalkung und das metabolische Syndrom - also Erkrankungen im Zusammenhang mit Übergewicht. "Ist die Leber durch Alkohol oder Fett bereits vorgeschädigt, führt dieser Prozess zu chronischen Entzündungsreaktionen, Leberfibrose und Leberzirrhose." Falsche Ernährung könne also den gesamten Organismus schädigen, so Trautwein.

 

4. Darmkrebs ist nicht nur genetisch bedingt: "Arbeiten der letzten Jahre zeigen, dass Umweltfaktoren wie Ernährung und das Mikrobiom einen überraschend zentralen Einfluss auf Darmkrebserkrankungen haben", sagt Professor Sebastian Zeißig vom Uniklinikum Dresden. Besonders Tumore im Mastdarm seien mit dichten Bakterienfilmen besiedelt, die mit Entzündungen der Darmschleimhaut einhergingen.

Sogenannte Fusobakterien fördern die Zellteilung von Tumorzellen. "Sie reduzieren das Überleben von Krebspatienten. Doch selbst in Fernmetastasen von Darmkrebs konnten Fusobakterien nachgewiesen werden", so Zeißig. Eine antibiotische Bekämpfung dieser Bakterienart konnte sogar das Wachstum von Metastasen eindämmen. Die Relevanz dieser Beobachtung sei aber noch unklar. "Denkbar ist, dass durch die Analyse des Mikrobioms möglicherweise Stuhltests zur Darmkrebsfrüherkennung genauer werden könnten. Die Kosten dieser Tests steigen damit aber deutlich."

 

5. Kommerzielle Stuhltests zur Analyse der Darmflora taugen nichts: "Die Zusammensetzung des Mikrobioms ist ständigen Schwankungen unterworfen, zum Beispiel durch bestimmte Nahrungsmittel, Medikamente und Reisen", sagt Professor Stefan Schreiber von der Uniklinik Kiel. Sogenannte Firmicutes-Bakterien, zu denen auch Lactobazillen gehören, gelten als gesund, Entzündungserreger wie Bacteriodetes und Enterobacteriaceae als ungesund - doch in welchen Größenordnungen sie dazu auftreten müssen, ist unklar. Die Wissenschaftler waren sich daher einig, dass kommerzielle Stuhltests zur Analyse der Darmflora, aus denen Ernährungs- und Handlungsempfehlungen abgeleitet werden, nutzlos sind. Die Ergebnisse seien im Moment noch nicht aussagekräftig genug. Stuhltests hätten aber bereits in vielen Bereichen der Gastroenterologie einen festen Platz: Etwa in der Darmkrebsvorsorge, wo verstecktes Blut aufgespürt wird, oder auch bei der Diagnostik einzelner Krankheitserreger, zum Beispiel von Chlostridien.

 

6. Eine gestörte Darmflora begünstigt viele schwere Krankheiten: "Die Mikrobiom-Forschung steht aber noch ganz am Anfang", sagt Lammert. So sei noch nicht vollständig geklärt, was eine gesunde und was eine ungesunde Bakterienzusammensetzung ist. "Das Mikrobiom variiert von Mensch zu Mensch und sogar innerhalb der einzelnen Darmabschnitte.

Bestimmte Bakterienkonstellationen müssen nicht zwangsläufig zu einer bestimmten Erkrankung führen." Dem Verdauungsspezialisten zufolge herrsche in der Wissenschaft aber Übereinstimmung darüber, dass chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Adipositas, Fettstoffwechselstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Krebs, Lebererkrankungen, aber auch neurologisch-psychiatrische Krankheiten im Zusammenhang mit einer gestörten Darmflora stehen können. "Was davon aber zuerst da war - die Krankheit oder die veränderte Darmflora -, das wissen wir noch nicht." Deshalb plädiert die Fachgesellschaft für die Einrichtung eines Deutschen Zentrums für Gastroenterologische Gesundheit. Es soll bestehende Zentren in Deutschland vernetzen und so die wissenschaftliche Arbeit erleichtern.

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