Seinem Leben auf der Überholspur folgte der Zusammenbruch

Ein Sachse hat ein Buch über seine Depression geschrieben. Im Interview erklärt er, wie er Hilfe fand und warum er jetzt im 14. Stock wohnt

Äußerlich sah alles bestens aus im Leben von Ferdinand Saalbach. Der Mittdreißiger hatte Karriere in der Agenturbranche gemacht, führte ein Leben auf der Überholspur. Glücklich war der Wahl-Dresdner dennoch nicht. Als seine scheinbar heile Welt nach einer Kündigung zusammenbricht, beginnt er mit einer psychoanalytischen Therapie, um verdrängte Traumata aus Kinder- und Jugendzeiten aufzuarbeiten. Der Kollaps ist jetzt etwas mehr als zwei Jahre her. Seine Erlebnisse hat Saalbach - der Name ist ein Pseudonym - nun in einem Buch aufgeschrieben. Andreas Rentsch hat mit ihm gesprochen.

Freie Presse: Herr Saalbach, wie kam es bei Ihnen zum Zusammenbruch?

Ferdinand Saalbach: Der kam ironischerweise drei Wochen nach der Kündigung, die ich von meinem damaligen Arbeitgeber, einer Dresdner Werbeagentur, erhalten hatte. Ich hatte direkt einen neuen Job und schien wieder alles im Griff zu haben. Sie kennen das von Menschen, die viel Stress im Beruf haben, dann Urlaub machen und am zweiten Tag krank werden. Ähnlich wird es bei mir gewesen sein. In dem Moment, in dem ich alles geregelt hatte, was durch die Kündigung aus dem Gleichgewicht geraten war, hat sich meine Psyche wohl gesagt: So, jetzt reicht's, jetzt knall ich durch!

Was genau ist passiert?

Ich war abends mit dem Auto auf dem Weg von München nach Dresden. Plötzlich sind da Gedanken durch meinen Kopf geschossen. Einer war: "Was, wenn du dich heute unter Leuten blöd fühlst, weil du in der Schule gehänselt wurdest?" Ein anderer: "Kann es sein, dass du mit Frauen nicht gut klarkommst, weil deine Mutter komisch war?" Diese Gedanken kamen immer wieder, sie fingen irgendwann an zu kreisen, und ich hatte nur noch einen Satz im Kopf: Du musst in Therapie, das ist zu krass.

Und das haben Sie gemacht?

Ich habe am nächsten Tag das Telefon des Vertrauens angerufen und dort eine halbe Stunde mit jemandem gesprochen, der mich zum psychosozialen Krisendienst geschickt hat. Da bin ich am Tag darauf dann hin. Dort hat man mich mit einer Liste von Therapeuten entlassen, die ich abtelefonieren sollte. Mit dem Hinweis, bis zum ersten Termin könne es ein halbes Jahr dauern.

Wie lange hat es tatsächlich gedauert?

Es ist Quatsch, dass es generell so lange dauert. Seit April 2018 gibt es ja die psychotherapeutische Sprechstunde, bei der Therapeuten Termine für Erstpatienten freihalten müssen. Ich habe am Tag danach meinen ersten Termin bekommen. Das hat aber überhaupt nicht gepasst. Es hat mehr als zehn Termine gebraucht, bis ich jemanden gefunden habe, der gepasst hat. Man muss für sich in Anspruch nehmen, nicht den erstbesten Therapeuten zu nehmen.

Bei wem hat es dann gepasst?

Bei einer älteren Dame. Sie ist für mich wie eine liebende Mutter - aber natürlich ganz ohne sexuellen Bezug. Das ist bei meiner Geschichte ja ein wichtiges Thema. Als wir uns das erste Mal getroffen haben, hat sie Folgendes gesagt: "Es ist gar nicht wichtig, dass Sie mir jetzt vertrauen. Aber es ist wichtig, dass Sie das Gefühl haben, mir irgendwann vertrauen zu können." Dieser Satz hat bei mir sehr viel ausgelöst. Sie hat mir stets das Gefühl vermittelt, dass wir zusammen auf einem Weg sind und sie mir dabei immer einen Schritt voraus ist.

Wohin führte dieser Weg?

Ich habe bei meiner Therapeutin das erste Mal überhaupt akzeptiert, dass in meinem Leben vieles nicht stimmt. Bis dahin dachte ich, dass alles in Ordnung sei. Als ich drei, vier Monate in Therapie war, hat sie mir zusammengefasst, wie sie mich aufgrund meiner Schilderungen wahrnehmen würde: "Sie sind verwahrlost aufgewachsen. Ihre Eltern haben sich einen Scheiß um Sie gekümmert. Ihre Mutter ist inzestuös missbraucht worden und hat Sie in der Folge sexuell missbraucht. Ihre Eltern haben sich getrennt, als Sie 14 waren, Ihr Vater hat eine neue Frau geheiratet, die Sie ebenfalls gequält hat. - Und Sie erzählen mir, das alles sei normal!? Sie sind in einem Riesen-Chaos aufgewachsen."

Welche Diagnose wurde gestellt?

Es stellen ja verschiedene Leute Diagnosen: Hausärzte, Therapeuten, Psychiater, Klinikärzte. Am Ende hat man da einen bunten Strauß an ICD-Schlüsseln. Aber die meisten Patienten bekommen F33.1 oder F33.2.

Was ist das?

Mittelschwere bis schwere Depression. Für mich ist Depression aber keine eigenständige Krankheit, sondern ein Symptom von etwas tiefer Liegendem. Entscheidend war deshalb eine andere Diagnose für mich.

Welche?

F61, kombinierte Persönlichkeitsstörung. In einem Brief an meinen Vater habe ich es mal so beschrieben: "Es ist nicht Borderline, es ist nicht Psychopathie, es ist nicht Schizophrenie, es ist nicht Narzissmus. Es ist alles zusammen. Es ist übel." Als ich die Beschreibung von F61 zum ersten Mal las, habe ich verstanden: Da ist ein riesiges Chaos in mir.

Wie oft sind Sie in klinischer Behandlung gewesen?

Zweimal. Das erste Mal war ich dreieinhalb Monate in einer Klinik für analytische Psychotherapie. Ich dachte, damit erspare ich mir drei Jahre Therapie und habe das Thema schnell abgehandelt. Tatsächlich ist mir dort aber noch viel bewusster gemacht worden, was alles kaputtgegangen ist. Ich bin dort raus und habe akzeptiert, dass die Therapie drei Jahre dauern darf. Der zweite Aufenthalt war eine medizinische Rehabilitation. Das war allerdings großer Unsinn.

Warum?

Weil mich die Rentenversicherung während einer psychoanalytischen Behandlung in eine verhaltenstherapeutische Klinik geschickt hat. Ausgerechnet in der Phase, in der ich - in Rahmen der Therapie - meinen Vater mit all dem konfrontiert habe, was er mir angetan hat. Das funktionierte einfach nicht. Verhaltenstherapie ist gut und wichtig, und es gibt Menschen, denen das eher hilft als eine Analyse. Aber wenn man gerade mitten in einer Analyse ist, kann man da nicht mit verhaltenstherapeutischen Maßnahmen rangehen.

Sie haben ein Buch über Ihr Schicksal geschrieben. Welche Phasen Ihres Lebens arbeiten Sie darin auf?

Alle - es beginnt mit der Geburt und endet mit der bis zuletzt andauernden Auseinandersetzung mit meinem Vater. Ein wichtiges Kapitel ist das über meine Kindheit. Die analytische Therapie setzt ja an der Annahme an, dass in den ersten 18 Monaten Dinge passieren, die prägend sind fürs ganze spätere Leben. Es gibt zum Beispiel eine Episode, in der mich mein Vater ins Wasser fallen lässt und darüber lacht. Aber auch Geschichten aus der Pubertät, wo mir Therapie versagt und mein Leid nicht anerkannt wurde. Daraus sind Folgen entstanden, die ich zunächst nicht einschätzen konnte, jetzt aber bewusst wahrnehme.

Was zum Beispiel?

Die Getriebenheit, die Sucht nach Statussymbolen, die Sucht nach Sex und Geld, die Gedanken, dass ich alles richtig mache und die Welt um mich herum alles falsch. Der unbedingte Geltungsdrang, ganz oben zu stehen, und anderen sagen zu müssen, was sie zu tun haben. In mir steckte eine riesige Unsicherheit, die ich mit noch viel größerer Selbstüberschätzung überdeckt habe.

Haben Sie jemals versucht, sich das Leben zu nehmen?

Zweimal, in meiner Jugend. Einmal mit Tabletten und einmal mit dem Versuch, aus dem Fenster zu springen. Ich glaube aber, dass Suizidalität in dieser Zeit nie ein wirklicher Wunsch nach der Beendigung meines Lebens war, sondern zwei andere Funktionen hatte.

Nämlich?

Zum einen war es ein Schrei nach Aufmerksamkeit, zum anderen ein Protest gegen das Leben, so wie es in diesem Moment war. Auch später bei den Klinikaufenthalten habe ich Lebensunlust verspürt. Was da dahintersteckte, war aber nicht "Ich will sterben", sondern "Ich will anders leben, weiß aber nicht wie". Das Leben anders anzupacken, ist ein Prozess, viel Arbeit. Jetzt habe ich zumindest die Werkzeuge dafür an der Hand.

Könnten Sie ohne Medikamente leben?

Würde ich gerne. Derzeit nehme ich nur ein Mittel gegen Schilddrüsenunterfunktion ein. Aber eben auch Psychopharmaka, um den Serotoninhaushalt auszugleichen. Allerdings in einer sehr verträglichen Dosis. Ich habe ein Jahr gebraucht, um mich überhaupt auf Medikamente einzulassen. Meine Therapeutin hat mir aber irgendwann erklärt, dass es durch die Analyse immer wieder Einbrüche geben wird. Sie hat mir sinngemäß gesagt, ich solle mir den Gefallen tun und mich nicht so quälen. Nach einem Jahr auf Psychopharmaka habe ich dann versucht, das zurückzufahren. Auch, weil ich an Gewicht zugelegt hatte und das nicht so angenehm fand. Dabei habe ich festgestellt, dass ich schnell reizbar wurde. Mein Psychiater hat mir dann geraten, die Medikamente erst mal weiter zu nehmen. Aber es ist schon mein Ziel, möglichst bald darauf verzichten zu können.

Womit beschäftigen Sie sich jetzt?

Mit dem Buch habe ich die Verarbeitung meiner Vergangenheit abgeschlossen. Daraus sind aber Folgen erwachsen: ein Leben ohne liebende Eltern, ohne erfüllende Partnerschaft, ohne Freundschaften. All das gilt es zu betrauern. Ich muss auch erst mal akzeptieren, dass diese Jahre vorbei sind und nicht wiederkommen. Das tut weh. Jetzt gilt es, die Dinge in die Hand zu nehmen, sich wieder etwas aufzubauen. Mit 37, nicht mit 20, in einer fremden Stadt. Ich starte gerade in die Selbstständigkeit.

Sie wohnen im 14. Stock eines Hochhauses. Ist das nicht gefährlich für jemanden wie Sie?

Ich bin nicht in diesen 14. Stock gezogen, weil ich vorhatte, von dort oben runterzuspringen. Ich bin während der Therapie dort eingezogen - und zwar deswegen, weil mir in der Therapie bewusst geworden ist, was meine Wünsche sind, was mich glücklich macht. Aufs Hochhaus bezogen ist es die Aussicht, die Weitsicht, die Perspektive. Ich liebe es, abends auf dem Balkon zu sitzen und Gewitterwolken aufziehen zu sehen. Oder den Sonnenuntergang zu sehen und ein Glas Wein zu trinken.

Warum springen die einen nicht und die anderen doch?

Weil die einen über die Ursache nachdenken und darüber, eine Chance erkennen, Heilung oder zumindest Linderung zu finden, während die anderen so lange in ihrer Krankheit und ihrem Leid verharren, bis sie keinen Ausweg mehr sehen. Darum müssen wir auch mehr über die Ursachen und Entstehungsbedingungen sprechen und weniger über die Symptome.

Was fühlen Sie, wenn Sie an Ihr Leben vor dem Zusammenbruch denken?

Trauer. Und ich denke: Was habe ich da an Zeit verbrannt. Wie schön hätte all das sein können, was ich in dieser Zeit gemacht habe! Ich habe eine Weltreise unternommen und wundervolle Dinge gesehen, aber die ganze Zeit das Gefühl gehabt: Das ist alles nicht richtig, das ist alles nicht genug. Da war immer ein schwarzer Schleier.

Wie soll Ihr Leben in zehn Jahren sein?

Ich wünsche mir, dass ich immer noch den selben Elan wie jetzt habe, die Dinge zu tun, dir mir Spaß machen. Ich hätte gern eine Frau und Kinder. Das ist mir ganz wichtig. Und ich würde mich gern so glücklich fühlen, wie ich mich an meinen Sonnentagen aktuell schon fühle.

Wichtige Kontakte für Hilfesuchende: Telefonseelsorge, erreichbar unter den Nummern 0800/1110111 und 0800/1110222

Telefon des Vertrauens (Psychosozialer Krisendienst in Dresden), erreichbar unter 0351/8041616 (Mo.-So. 17 bis 23 Uhr)

www.suizidprophylaxe.de

<b>Buchtipp </b>

Der Mann, der unter dem Synonym Ferdinand Saalbach seine Lebensgeschichte aufgeschrieben hat, ist gebürtig aus Baden-Württemberg.

Er hat einen MBA-Abschluss in Medienmanagement und war in Agenturen in Hamburg und Dresden tätig.

2019 ist Saalbach in die Selbstständigkeit gestartet und arbeitet nun als Moderator, Musiker und Redner.

Ferdinand Saalbach: "Steine im Rucksack. Wie ich die von meinen Eltern geraubte Lebenslust zurückeroberte.", Tredition, 388 Seiten, 19,95 Euro.

Bewertung des Artikels: Ø 2.5 Sterne bei 4 Bewertungen
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