"Sie haben noch drei Monate zu leben"

Lothar Altenkirch erfuhr mit 18, dass er Krebs im Endstadium hat. Das war vor zehn Jahren. Seitdem hat er viel gelernt.

Er träumt von einem Holzhaus auf Rädern, fast so wie ein Zirkuswagen. Lothar Altenkirch ist 28 Jahre - ein Alter, in dem noch viel Zeit bleibt, um sich selbst zu verwirklichen. Oder auch nicht. Denn Altenkirch erkrankte vor etwa zehn Jahren an Krebs - Lymphdrüsenkrebs. Er gehört damit zu den etwa 2000 Kindern und Jugendlichen in Deutschland, die dem Robert-Koch-Institut zufolge jedes Jahr die schreckliche Diagnose bekommen. Leukämie und Non-Hodgkin-Lymphome sind die häufigsten Krebsleiden in dieser Altersgruppe. Die Heilungschancen stehen recht gut, wenn der Krebs zeitig erkannt wird. Doch das war bei Lothar Altenkirch nicht der Fall.

An die Exkursion in die Toscana im Jahr 2009 wird er sich wohl immer erinnern. Völlig unerklärlich schwollen ihm während der Busreise die Beine an, verbunden mit starken Schmerzen, sodass die Schönheit der Landschaft zur Nebensache wurde. Außerdem quälten ihn permanent Durchfälle. Wieder zu Hause, überwies ihn der Hausarzt in ein Krankenhaus. Dort dachte man an Thrombose und ein Verdauungsproblem. Doch das Blutbild und die CT-Aufnahmen passten nicht recht in dieses Bild. "Ich wurde in die Onkologie eingewiesen. Als ich Onkologie - also Krebs - hörte, bin ich erschrocken. Daran hatte ich nicht im Traum gedacht", sagt Altenkirch.

Die Diagnose Non-Hodgkin-Lymphom - eine spezielle Form des Lymphdrüsenkrebses - war ein Schlag für ihn. Doch bei seinen Recherchen las er von guten Aussichten auf Genesung. Die Zuversicht siegte. Noch glücklicher war er, als die Diagnose wieder verworfen wurde. Denn es stellte sich heraus, dass die Ursache der Durchfälle eine chronisch entzündliche Darmerkrankung war. Die ist nicht heilbar, aber er bekam Medikamente.

"Trotzdem ging es mir mit der Zeit immer schlechter. Ich war schwach, nahm stark ab und hatte geschwollene Lymphknoten am Hals", sagt Lothar Altenkirch. "Die Diagnose, die ich jetzt bekam, war vernichtend. Ein Lymphom im Endstadium. Der Arzt sagte mir, dass ich noch drei Monate zu leben hätte." Altenkirch war da knapp 19 Jahre alt. Er hatte eine sehr seltene Form des Lymphdrüsenkrebses - ein plasmoplastisches Lymphom, für das es kaum Behandlungsstudien gibt. Denn es ist ein Problem, die erforderliche Patientenzahl zusammenzubekommen", sagt Dr. Mathias Hänel, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin III am Klinikum Chemnitz.

Lothar Altenkirch hatte die Diagnose buchstäblich die Beine weggezogen. Er willigte in eine Chemotherapie ein. Etwa ein halbes Jahr habe die Hochdosis-Chemo angedauert. Hinzu bekam er Morphium gegen die Rückenschmerzen, denn es wurden Metastasen an der Wirbelsäule vermutet. "Die Pausen zwischen den einzelnen Zyklen der Chemo nutzte ich, um wieder etwas zu Kräften zu kommen." Die Krebszellen gingen im Laufe der Monate zurück, aber auch sein Gewicht. Bei 1,82 Metern Größe wog er noch 39 Kilogramm, musste künstlich ernährt werden und saß im Rollstuhl. "Ich war für alles zu schwach."

Im Sprechzimmer seines Arztes hing eine Urkunde vom New York-Marathon. "Die zog mich irgendwie an. Ich hatte schon als Kind davon geträumt, eines Tages New York zu besuchen", sagt Lothar Altenkirch. Er konnte zu diesem Zeitpunkt keine zwei Meter laufen.

Mit starkem Willen ging es aufwärts. "Anfangs schaffte ich nur ein paar Schritte am Geländer. Unterstützt von meinem Physiotherapeuten trainierte ich unermüdlich, konnte zum Glück auch wieder essen." Die Kontrolluntersuchungen gaben ihm Hoffnung, denn der Krebs war nicht zurückgekommen. Doch dann wurden plötzlich Lungenmetastasen gefunden. Lothar Altenkirch war 21 und hatte gerade eine Ausbildung zum Bürokaufmann begonnen. "Das war ein neuer Tiefschlag. Ich dachte, jetzt ist es vorbei." Doch die Metastasen waren ein Irrtum. "April, April." Es folgten viele solcher "Scherze", wie er sagt. "Die Ärzte wissen wahrscheinlich gar nicht, was sie mit solchen Aussagen auslösen. Auch wenn sich die Befürchtungen dann nicht bestätigen, der Zweifel bleibt."

Durch diesen Kampf entwickelte Altenkirch eine regelrechte Gier auf Leben. "Ich habe es als größtes Geschenk betrachtet, wollte es nicht mehr aus der Hand geben." Er wurde Anhänger der minimalistischen Lebensweise, bei der man nur das besitzt, was unbedingt nötig ist. Außerdem lebt er vegan. "Seitdem macht mir auch mein Darm keine Probleme mehr - ohne Medikamente."

2015 begann seine Läuferkarriere mit einem 100-Kilometer-Marsch durchs Umland von Berlin. Sagenhafte 50 Kilometer absolvierte er an diesem Tag. "Ich fühlte mich großartig." Lothar Altenkirch, trainierte fast täglich, begann mit kleineren Laufwettkämpfen bis hin zum Marathon. Mit jedem Lauf wuchs sein Selbstvertrauen - in Hamburg, Mainz und Münster. Die Krönung war New York. Auf seinem Dress steht: "Diagnose: Läufer! Krebs? Sorry, dafür habe ich nun wirklich keine Zeit." "Ich möchte Erkrankten Mut machen, an sich zu glauben und auf die eigene Kraft zu vertrauen", sagt er. Es folgte sein Buch - "Diagnose: Marathonläufer".

Für den Krebsspezialisten Dr. Mathias Hänel ist eine solche Genesung keine Selbstverständlichkeit. "Sein offensichtlich starker Wille und eine Portion Glück haben sicher mit dazu beigetragen." Oder waren es seine positiven Gedanken? Psychotherapeutin Susan Diez leitet den Psychoonkologischen Dienst im Krebszentrum am Klinikum Chemnitz. Der Zusammenhang von Krebs und Psyche beschäftigt auch ihre tägliche Arbeit. Für die Krankheitsverarbeitung und -bewältigung sei eine offene, flexible Herangehensweise wichtig, was jedoch nicht allein mit "positivem Denken" gleichzusetzen sei. "Dazu können auch das Auseinandersetzen mit schmerzhaften Gefühlen und ein Nicht-Wahrhaben-Wollen der Erkrankung gehören. Die Verarbeitung ist ganz individuell."

Angehörige ermutigen die Kranken oft, sich vom Krebs nicht unterkriegen zu lassen. "Positives Denken als Muss löst aber eher Stressreaktionen aus", sagt sie. Das Immunsystem könne dadurch geschwächt werden. Betroffene fühlten sich dann schuldig oder bewerten es als ihr eigenes Versagen, wenn alle Anstrengungen leider nicht zum Erfolg führen. Aktuelle Studien können ihr zufolge noch keinen Zusammenhang zwischen Kampfgeist oder positiver Krankheitsbewältigung und Überlebenszeit belegen. "Eine aktive Haltung erzeugt allerdings das Gefühl, nicht völlig ausgeliefert zu sein", sagt sie.

Auch Lothar Altenkirch ist aktiv, lebt sehr bewusst und gesund. Und er hat Ziele, die ihm hoffentlich auch weiterhin die Kraft geben, seiner Krankheit davonzulaufen.


Buchtipp

In "Diagnose Marathonläufer!" erzählt Lothar Altenkirch aus Brandenburg seine Krebs-Geschichte.

ISBN: 978-3-7469-7266-4

Preis: 24,99 Euro

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 3 Bewertungen
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