Soll mein Kind eine Zahnspange tragen?

Der Nutzen ist umstritten, der Eigenanteil hoch. Doch Sachsens Kieferorthopäden plädieren in bestimmten Fällen dafür.

Immer mehr Kinder haben schief stehende Zähne: "Das hat mit der Evolution zu tun. Das Verhältnis von Gesichts- und Hirnschädel hat sich verändert. Der Gesichtsschädel ist kleiner geworden und bietet nicht mehr so viel Platz für die Zähne", sagt Dr. Christine Langer, stellvertretende Vorsitzende des Vereins Sächsischer Kieferorthopäden. Das kann Probleme bereiten - beim Essen, beim Sprechen oder beim Atmen. Festsitzende oder herausnehmbare Spangen können die Zähne wieder korrigieren. Doch ist diese Prozedur notwendig?

Der Nutzen: Der Bundesrechnungshof hatte Zweifel, weil wissenschaftliche Belege für den Nutzen von Zahnspangen fehlen. Hinzu kamen steigende Kosten - um rund eine Milliarde Euro wurde die Sozialversicherung innerhalb von fünf Jahren mehr belastet, wie ein Report der Barmer-Krankenkasse verdeutlicht. Eine Studie des Bundesgesundheitsministeriums blieb ebenfalls den Beweis schuldig, dass Zahnspangen Erkrankungen wie Karies, Parodontitis oder Zahnverlust verringern. Allerdings konnte sie es auch nicht ausschließen. Einig waren sich die Fachleute aber, dass sich Zahnfehlstellungen und die Lebensqualität der Patienten durch die Behandlung verbessern. Aus Sicht der Deutschen Gesellschaft für Kieferorthopädie haben zum Beispiel Patienten mit stark nach vorn stehenden Frontzähnen ein höheres Risiko für Zahntraumata. Auch Zahnfleischerkrankungen würden durch eng stehende Zähne begünstigt. Zahnfehlstellungen hätten zudem Auswirkungen auf die Atmung und die Kauleistung. Aus Sicht der Fachgesellschaft ein klarer Beleg für den Nutzen von Zahnspangen. Eine Orientierung geben die kieferorthopädischen Indikationsgruppen, die in Schweregrade unterteilt werden.

Der Behandlungsanspruch: Ab einem mittleren Schweregrad übernehmen die Kassen die Kosten. Die Diagnostik erfolgt beim Kieferorthopäden. Dorthin können die Kinder direkt gehen, sie brauchen keine Überweisung. "Wenn die bleibenden Zähne weitgehend durchgebrochen sind, ist die beste Zeit für eine kieferorthopädische Behandlung", sagt Christine Langer. Das sei meist ab dem neunten oder zehnten Lebensjahr der Fall. "Spätestens mit 14 Jahren sollte die Behandlung aber begonnen werden, weil danach das Kieferwachstum weitestgehend abgeschlossen ist und sich Fehlstellungen schwerer korrigieren lassen." Doch auch bereits in der frühen Kindheit, mit drei oder vier Jahren, könne ein kieferorthopädischer Behandlungsbedarf bestehen, sagt sie. "Steht zum Beispiel der Unterkiefer vor dem Oberkiefer (Vorbiss), wird das Wachstum des Oberkiefers behindert." Bei einem Kreuzbiss verändert sich die Symmetrie des Gesichts, der Unterkiefer wächst "schief". "Dann sollte man nicht erst bis zum neunten Geburtstag warten." Jedes zweite Kind zwischen zehn und 14 Jahren trägt mittlerweile eine Spange, so der Barmer-Report. Neben den evolutionsbedingten Ursachen sei dafür auch die veränderte Nahrung verantwortlich, sagt die Kieferorthopädin. Man müsse nicht mehr so stark kauen, damit entstehe weniger Abrieb an den Zähnen. Auch Allergien, die zur Mundatmung führen, können Ursache für Zahnfehlstellungen sein.

Die Kosten: Ein Fünftel der Kassenkosten müssen die Eltern zunächst als Eigenleistung übernehmen. "Das können bei durchschnittlich drei Jahren Behandlungsdauer 600 Euro sein", so Langer. Diese Kosten werden bei medizinisch erfolgreichem Abschluss der Behandlung wieder erstattet. "Der Eigenanteil soll die Patienten motivieren, die Behandlung bis zum Ende durchzuhalten, denn nur dann hat sie Sinn." Wer diesen Eigenanteil nicht aufbringen kann, kann nur zum Sozialamt gehen. "Eine Härtefallregelung wie beim Zahnersatz gibt es in der Kieferorthopädie nicht", sagt Bernd Lemke, Sprecher der AOK Plus. Auf Kulanzbasis bieten viele Kieferorthopäden auch Teilzahlung oder eine Abtretungserklärung an. "Bei der Abtretungserklärung übernimmt der Behandler die 20 Prozent der Kosten und bekommt sie nach Abschluss von der Kasse zurück. Er hat aber das Risiko, auf den Kosten sitzen zu bleiben, wenn der Versicherte die Behandlung nicht zu Ende führt", sagt Bernd Lemke.

Die 600 Euro sind aber längst nicht alles. Denn viele Kosten werden von den Kassen nicht oder nur anteilig übernommen. Zu den Privatleistungen gehören die regelmäßigen professionellen Zahnreinigungen (PZR), die mindestens vierteljährlich erfolgen sollten. Eine PZR schlägt je nach Aufwand mit bis zu 100 Euro zu Buche. Eine Versiegelung der Bereiche um die Brackets reduziert die Kariesgefahr. Pro Zahn kostet das etwa 20 Euro. Brackets, die die Kasse bezahlt, sind aus Edelstahl. Sie sind stabil, fallen aber mehr auf und sind auch oft scharfkantiger. Sollen zahnfarbene oder bunte Brackets verwendet werden, kostet das bis zu 40 Euro pro Zahn, wie die Stiftung Warentest errechnet hat. Auch moderne Brackets, die ohne Gummiring auskommen, liegen in diesem Kostenrahmen.

Zusatzkosten können bereits bei der Diagnostik entstehen. "Ein 3-D-Röntgen bietet zum Beispiel bei verlagerten, nicht durchgebrochenen Zähnen Vorteile", so Langer. Es kostet etwa 200 Euro. Eine zusätzliche Zwischendiagnostik mit Abdrücken und Kiefermodellen sowie Röntgenaufnahmen könne bei schwierigen Fällen sinnvoll sein. Rund 250 Euro fallen dafür an. Der Stiftung Warentest zufolge bieten Kieferorthopäden auch digitale Diagnostik an. Sie kostet zwischen 170 und 250 Euro.

Um nach Abschluss der Behandlung zu verhindern, dass die Zähne wieder in ihre ursprüngliche Position zurückgehen, wird ein Stabilisierungsdraht hinter die Zähne geklebt. "Bis Mitte 20 sollte er im Mund bleiben, um den Erfolg zu sichern", sagt Dr. Langer. "Viele tragen ihn auch dauerhaft." Der Draht kostet 150 bis 250 Euro.

"Die Zusatzbehandlungen sind sinnvoll und können das Behandlungsergebnis verbessern", sagt die Kieferorthopädin. Eine erfolgreiche Zahnkorrektur sei aber auch ohne diese Zusatzkosten möglich und müsse immer angeboten werden.

Die Nachsorge: Diese Halte- oder Stabilisierungsphase soll mindestens doppelt so lang sein wie die aktive Behandlungszeit. Nachbehandelt wird zum Beispiel mit losen Klammern, die nur noch nachts und dann immer seltener getragen werden. Auch Kunststoffschienen können dafür verwendet werden. "Die Erstattung des Eigenanteils durch die Kasse erfolgt aber bereits nach einer kurzen Haltephase im Anschluss an die aktive Behandlung", sagt Christine Langer. Die Eltern müssen das Geld also nicht länger als nötig vorschießen.

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