Streit um richtige Borreliose-Behandlung

Drei Wochen oder besser gleich drei Monate? Mediziner sind sich uneins, wie lange Antibiotika nach einem Zeckenstich nötig sind.

Zwei Wochen lang bekam Christa Theilemann aus Kottengrün im Vogtland Antibiotika-Infusionen und musste im Krankenhaus behandelt werden. Wegen einer Borreliose - der häufigsten durch Zecken übertragenen Krankheit. Das ist jetzt ein Jahr her, und die 69-Jährige hofft, nun alles überstanden zu haben. Ganz sicher ist sie sich aber nicht. Denn unter Ärzten herrscht ein Streit über die richtige Behandlung der Erkrankung.

Den größten Disput gibt es über die Dauer der Antibiotikabehandlung. Während die Deutsche Gesellschaft für Neurologie sie auf maximal drei Wochen begrenzen will, plädiert die Deutsche Borreliose-Gesellschaft für Behandlungsdauern zwischen vier Wochen und mehr als drei Monaten - je nach Erkrankungsstadium. Je weiter der Zeckenstich zurückliegt, desto länger müssten Antibiotika gegeben werden, heißt es. In der Deutschen Borre- liose-Gesellschaft haben sich Wissenschaftler und Ärzte zur Erforschung der Krankheit zusammengeschlossen.

Vertreter der beiden Fachgesellschaften sowie Wissenschaftler des Robert-Koch-Instituts haben drei Jahre lang an einer gemeinsamen Leitlinie für die Diagnostik und Behandlung der Borreliose gearbeitet, um Ärzten einheitliche Empfehlungen in die Hand zu geben. Was aber nicht gelang: Die Borreliose-Gesellschaft wollte sich der mehrheitlichen Ansicht zur möglichst kurzen Antibiotikabehandlung nicht anschließen. Sie klagte, erwirkte beim Landgericht Berlin eine einstweilige Verfügung und stoppte das Papier.

Gerichtliche Auseinandersetzungen folgten, bei denen die Borreliose-Gesellschaft unterlag. Die Leitlinie trat jetzt so in Kraft, wie sie die Neurologen vorgeschlagen hatten. Die Kritiker durften ihre Einwände nur als Sondervotum kennzeichnen und im Report, einem Erklärstück zur Leitlinie, abdrucken. "Das akzeptieren wir nicht. Denn Gutachter schauen in die Leitlinie, nicht in den Report", sagt Dr. Walter Berghoff, Facharzt für Innere Medizin und Beirat der Borreliose-Gesellschaft. Doch das letzte Wort sei noch nicht gesprochen, denn auch Patientenverbände hätten Klage eingereicht. "Und darüber wurde noch nicht entschieden", sagt Berghoff.

Patienten wie Christa Theilemann sind von dem Hin und Her verunsichert, denn sie vertrauen ihren Ärzten. "Ich hoffe, meine Borreliose ist besiegt", sagt sie. Ihr Dilemma: Sie kann sich weder an den Zeckenstich noch an einen roten Fleck - die Wanderröte - erinnern. Sie weiß nur noch, dass sie eines Morgens ihre rechte Gesichtshälfte nicht mehr spürte. "Ich konnte mein Auge nicht mehr schließen und vor allem nicht mehr pfeifen", sagt die Frau, die sonst immer ein Lied auf den Lippen hat. "Der Mund ließ sich einfach nicht spitzen."

Ihre Tochter tippte sofort auf einen Schlaganfall und brachte sie ins Krankenhaus. Doch dort fand man keine Anzeichen dafür. "Meine Hausärztin äußerte gleich den Verdacht auf Borreliose und veranlasste eine Blutuntersuchung", sagt sie. Die Symptome und die Antikörper im Blut bestätigten den Verdacht. In der neurologischen Klinik des Krankenhauses Rodewisch wurde Christa Theilemann weiterbehandelt. "Viele meiner Patienten können sich an einen Zeckenstich nicht erinnern. Die Zecke wird entweder beim Duschen mit abgewaschen oder als vermeintlicher Grind abgekratzt", sagt Chefarzt Dr. Olaf Leschnik.

Bei Christa Theilemann bestätigte eine Nervenwasseruntersuchung den Verdacht auf eine Neuroborreliose. Etwa jeder zehnte Borreliosepatient hat Lähmungen wie sie. "Bei den anderen zeigen sich Spätfolgen oft an den Gelenken oder auf der Haut. Sie kann sich wie Papier anfühlen, sagt Leschnik. Nach einer Woche Antibiotikabehandlung war die Lähmung verschwunden. Auch die Nachuntersuchung im Dezember war zufriedenstellend. "Ich fühle mich gut, habe keine Schmerzen und kann mich normal bewegen", sagt die Patientin.

Olaf Leschnik zufolge ist die maximal dreiwöchige Antibiotikabehandlung bei 95 Prozent seiner Patienten erfolgreich. Infusionen seien besser als Tabletten, weil man so den Magen-Darm-Trakt umgeht und damit Nebenwirkungen wie Übelkeit und Verdauungsprobleme vermindert. Die Medikamente seien so auch besser wirksam. "Für eine Langzeitbehandlung der Neuroborreliose mit Antibiotika gibt es keine wissenschaftliche Grundlage, aber ein großes Risiko für Nebenwirkungen." Wenn nach zwei oder drei Wochen keine Besserung eintrete, leide der Patient möglicherweise nicht an Borreliose, so der Neurologe. Dann müsse man nach anderen Krankheiten suchen, die diese Beschwerden hervorrufen.

Auch Dr. Walter Berghoff hat sich intensiv mit Zecken und Borreliose auseinandergesetzt und ein Buch geschrieben. "Borrelien bilden einen Bakterienfilm, der sie weniger empfindlich für Antibiotika macht." Auch Sporen könnten sie bilden, um zu überleben. Will man sie bekämpfen, müsse man einfach länger behandeln. "Wir empfehlen, mehrere Antibiotika in Kombination einzusetzen, weil jedes ein anderes Wirkspektrum hat. Hinzu kommen pflanzliche Medikamente, um die Wirkung der Antibiotika zu erhöhen", sagt er. Um die Darmflora zu schützen, erhielten die Patienten Probiotika. Aus seiner Sicht sei die Neurologen-Gesellschaft führend in der Verharmlosung. Denn zwei bis drei Wochen Antibiotika reichten nicht, um Sporen und Biofilme abzutöten. Spätborreliosen führten häufig zu schwerwiegenden Gesundheitsproblemen, die auch Erwerbsunfähigkeit zur Folge hätten.

Christa Theilemann will positiv denken. Sie geht gern und oft in den Wald, inzwischen natürlich mit größerer Vorsicht: "Ich schaue jetzt genauer hin, ob sich so ein Biest bei mir festgebissen hat."

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