Täglich elf Tabletten und mehr

Viele Krankheiten sind Folge einer fehlerhaften Medikation. Ein Modellprojekt in Sachsen könnte das ändern. Doch warum machen noch so wenig Ärzte und Apotheker mit?

Verena Schneider aus Dippoldiswalde leidet seit Jahren an Diabetes. Doch auch Bluthochdruck, hohe Blutfette, Herz-Kreislauf-Probleme, Durchblutungsstörungen und Magenbeschwerden machen der 74-Jährigen zu schaffen. "Zurzeit nehme ich täglich elf Medikamente, zwei werden gespritzt, die anderen schlucke ich als Tabletten", sagt sie.

Etwa die Hälfte der über 65-Jährigen in Sachsen braucht pro Tag mehr als fünf unterschiedliche Wirkstoffe - rezeptfreie Medikamente nicht mitgerechnet, informiert der Sächsische Apothekerverband. "Früher hatte ich oft Bedenken, ob sich die vielen Medikamente miteinander vertragen", sagt Verena Schneider. Doch seit sie sich dem Arzneimittelprojekt Armin angeschlossen habe, fühle sie sich sicher.

Armin steht für Arzneimittelinitiative Sachsen-Thüringen und wird von der AOK Plus, den Apothekerverbänden und Kassenärztlichen Vereinigungen der beiden Bundesländer unterstützt. "Vor fünf Jahren sind wir damit gestartet", sagt Kathrin Quellmalz, Sprecherin beim Sächsischen Apothekerverband. 2014 wurde damit begonnen, dass auf dem Rezept von AOK Plus-Versicherten kein Präparatname, sondern der Wirkstoff steht. Der Apotheker wählt ein Medikament von einem Hersteller aus, mit dem die AOK Plus einen Vertrag geschlossen hat. In der zweiten Stufe erhielten beteiligte Hausärzte einen Medikationskatalog. Er listet für häufige Therapiegebiete geeignete Wirkstoffe auf. Das sogenannte Medikationsmanagement ist die dritte Stufe des Arzneimittelprojekts. Hier greifen Hausarzt und Apotheke auf einen elektronischen Medikationsplan zu und können sich auf diesem Weg auch über Auffälligkeiten austauschen. Der Plan sei auf einem externen Server gespeichert, dem sicheren Netz der Kassenärztlichen Vereinigung, auf das kein Außenstehender zugreifen könne. "Diese technische Infrastruktur ist bundesweit einmalig", so Quellmalz.

Doch obwohl Armin die Patientensicherheit erhöht, beteiligen sich nur jeder zehnte Hausarzt und jede zweite Apotheke in Sachsen daran. Und davon wiederum setzt nur die Hälfte das Medikationsmanagement um. Warum? Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen nennt drei Gründe: die technischen Voraussetzungen, die Kosten und der Zeitaufwand. In vielen Fällen könnte das Armin-Programm nicht in die bestehenden elektronischen Praxisverwaltungssysteme integriert werden. Die Softwarefirmen seien meist bundesweit aktiv, und Programmierungsschritte, die nur in Sachsen und Thüringen benötigt würden, seien ihnen zu uneffektiv. "Hinzu kommen die Anschaffungs- und Wartungskosten der Software, die im vierstelligen Bereich liegen können. Mitunter sind sogar neue Geräte erforderlich", sagt Kassenärzte-Sprecherin Katharina Bachmann-Bux. Ein Teil dieser Kosten wurde Anfangs durch die Infrastrukturpauschale gedeckt. Doch die 500 bis 1000 Euro würden nicht reichen.

Bachmann-Bux zufolge begründeten viele Ärzte ihre Nichtteilnahme auch mit fehlenden Kapazitäten. "Selbst Ärzte, die das Medikationsmanagement bereits umsetzen, betreuen bislang nur einen Teil der geeigneten AOK Plus-Patienten - rund 6000 in Sachsen und Thüringen.

Verena Schneider gehört dazu. Sie braucht jetzt drei Medikamente weniger als vor vier Jahren, ihre Werte seien damit sogar besser eingestellt. Apothekerin Anne Meyer, die Frau Schneider im Projekt begleitet, erklärt: "Über eine Kommentarfunktion kann ich den Arzt über Nebenwirkungen des von ihm verordneten Wirkstoffs oder über andere Einnahmeprobleme informieren, was in der knappen Sprechzeit oft zu kurz kommt." Im vertraulichen Gespräch mit dem Apotheker seien Patienten auch weniger aufgeregt und ehrlicher. "Wir erfahren dann zum Beispiel, welche Mittel zusätzlich gekauft oder ob Tabletten fälschlicherweise geteilt werden", so Susanne Donner, Inhaberin der Heide-Apotheke am Krankenhaus in Dippoldiswalde. Auch die richtige Anwendung ließe sich üben - zum Beispiel bei Asthma-Sprays. Patienten neigen bei Anwendungsproblemen dazu, das Präparat wegzulassen. Gebe es Nebenwirkungen, könne der Arzt einen anderen von der Apotheke empfohlenen Wirkstoff verordnen. Damit würden unnötige Folgeverordnungen vermieden.

Bei Verena Schneider gab es kürzlich so ein Problem: Durch einen Blutdrucksenker bekam sie Wasseransammlungen in den Füßen. Meist wird dann eine Entwässerungstablette zusätzlich verordnet. Doch bei ihr habe die Apothekerin geschaut, welches Mittel diese Nebenwirkung hat und den Arzt auf elektronischem Wege darüber informiert. "Ich bekam einen anderen Blutdrucksenker und das Problem war weg", sagt Schneider. Das senkt auch für die Krankenkasse die Kosten.

Die medikamentöse Behandlung mehrfacherkrankter Patienten ist für Ärzte und Apotheker eine Herausforderung. "Vor allem bei unterschiedlichen Fachärzten, die voneinander nichts wissen", sagt Kathrin Quellmalz. Nach Angaben des Aktionsbündnisses Patientensicherheit sind in Deutschland etwa fünf Prozent der Krankenhauseinweisungen Folge solcher fehlerhaften Medikamenteneinnahmen. Das sind etwa 250.000 vermeidbare Krankenhauseinweisungen pro Jahr.

Patienten aller anderen Krankenkassen, die Armin noch nicht nutzen können, haben Anspruch auf einen ausgedruckten bundeseinheitlichen Medikationsplan, wenn sie mehr als drei Wirkstoffe am Tag brauchen. Der Plan muss neben dem Präparatnamen den Wirkstoff, die Dosierung und den Grund der Einnahme enthalten. Anders als beim Armin-Projekt erstellt allein der Hausarzt diesen Plan. Die Apotheke kann ihn nur auf Wunsch des Patienten ergänzen. Der Arzt ist somit darauf angewiesen, dass ihm der Patient alle Medikamente nennt, die er einnimmt. Ein Austausch zwischen Arzt und Apotheker erfolgt nicht.

Armin läuft noch bis Ende März 2022 als Modellvorhaben. Danach wollen es die Vertragspartner in die Regelversorgung überführen, damit Versicherte aller Kassen davon profitieren. Dazu müssten laut Kassenärztliche Vereinigung aber die Hürden für die Ärzte abgebaut werden.

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