Träge Eltern haben dicke Kinder

Je älter, desto weniger bewegen sich Kinder, zeigt die AOK-Familienstudie und kritisiert eine schlechte Vorbildwirkung.

Wie geht es den Familien in Deutschland? Alle vier Jahre fragt die AOK bei ihren Versicherten nach und fasst die Ergebnisse in einer repräsentativen Studie zusammen. Am Montag sind die aktuellen Daten in Berlin vorgestellt worden. Von Januar bis März 2018 hat die Krankenkasse dafür 4 896 Eltern mit Kindern im Alter von vier bis 14 Jahren befragt. Der Schwerpunkt lag dieses Mal bei Sport und Bewegung. Das sind die wichtigsten Ergebnisse:

Die meisten Eltern sind zu dick: Für ein Drittel der Eltern gehört eine regelmäßige Bewegung nicht zum Familienalltag dazu. Das rächt sich beim Blick auf die Waage: Mehr als die Hälfte ist übergewichtig bis adipös. Das trifft besonders auf die Väter zu. 72 Prozent von ihnen sind zu dick, bei den Müttern sind es 50 Prozent. Das wirkt sich nicht nur auf ihre eigene Gesundheit negativ aus. Denn auch ihre Kinder ahmen sie nach. "Viele Eltern kommen ihrer Vorbildfunktion, gerade was Bewegung angeht, nicht ausreichend nach", kritisiert Jens Martin Hoyer vom AOK-Bundesverband. Regelmäßig Sport treibt gerade einmal ein Viertel aller Eltern.

Viele Kinder sind Stubenhocker: Das Ergebnis ist alarmierend. Nur jedes zehnte Kind in Deutschland bewegt sich täglich mindestens 60 Minuten und damit so viel, dass die Weltgesundheitsorganisation zufrieden wäre. Im Umkehrschluss heißt das: 90 Prozent der Kinder schaffen nicht einmal diese eine Stunde pro Tag. Im Durchschnitt bewegen sie sich nur an 3,6 Tagen pro Woche so viel wie empfohlen. Besonders träge sind Teenager. Nur sechs Prozent von ihnen bewegt sich jeden Tag. Je jünger die Kinder sind, desto öfter sind die Eltern mit ihnen in der Freizeit körperlich aktiv, fahren Rad, spielen draußen. Etwa die Hälfte der Familien schafft das täglich. Am beliebtesten sind Spaziergänge. Kommt der Nachwuchs langsam in die Pubertät, nimmt die sportliche Freizeitgestaltung allerdings deutlich ab. Bewegen sich 57 Prozent der Familien mit vier- bis sechsjährigen Kindern jeden Tag, sind es bei den Familien mit Teenagern von elf bis 14 Jahren nur noch 27 Prozent. Hier spielt die Bildung der Eltern eine entscheidende Rolle: Je höher der Abschluss der Eltern, desto seltener treiben sie mit ihren Kindern Sport.

Kinder haben schlechte Laune: Trotzdem empfindet die Hälfte der befragten Eltern die Gesundheit ihrer Kinder als gut bis sehr gut. So hatte die Mehrheit der Kinder im letzten halben Jahr selten oder nie körperliche Beschwerden. Allerdings litt jedes zehnte Kind fast jede Woche oder sogar häufiger unter Bauchschmerzen. Rund 16 Prozent klagten wöchentlich über Kopf- und Rückenschmerzen. Ein noch größeres Problem ist die psychische oder psychosomatische Belastung der Kinder. So sind 39 Prozent nach Einschätzung der Eltern täglich oder mehrmals pro Woche gereizt oder schlecht gelaunt. Fast jedes fünfte Kind findet nur schlecht in den Schlaf.

Besonders kleine Kinder glotzen zuviel in die Röhre: Ausufernde Mediennutzung ist ein Grund dafür. "Viele Kinder verbringen einen großen Teil ihrer Lebenszeit in der Medienwelt", heißt es in der Studie. Experten empfehlen für Vier- bis Sechsjährige maximal 30 Minuten vor Fernseher oder Tablet pro Tag. Bei Sieben- bis Zehnjährigen liegen die Empfehlungen bei einer Stunde täglich. Sie werden von 59 Prozent der jüngeren und 44 Prozent der älteren Kinder unter der Woche überschritten. Am Wochenende hält sich daran dann fast gar keiner mehr. Acht von zehn Kinder überschreiten samstags und sonntags die Empfehlungen.

Aktive Kinder sind weniger gereizt: Sehen Familien Bewegung positiv, leiden die Kinder seltener unter psychischen oder körperlichen Beschwerden. 87 Prozent der Kinder aus Familien, bei denen Bewegung zum Alltag gehört, haben selten oder nie Bauchschmerzen. In Familien, die sich selten bewegen, leiden im Gegenzug 82 Prozent der Kinder darunter. Wer sich auspowert oder draußen aktiv ist, ist weniger gereizt oder launisch. Einschlafprobleme sind seltener. Auch das zeigen die Zahlen deutlich. "64 Prozent der Eltern mit positiver Einstellung zur Bewegung berichten, dass ihre Kinder gut gelaunt und selten oder nie gereizt sind. Dagegen kann nur jede zweite Familie, die sich wenig bewegt, das von ihrem Kind behaupten", heißt es.

Zeitdruck ist Belastungsfaktor: Trotzdem geht es den Familien in Deutschland im Großen und Ganzen gut. Drei Viertel von ihnen fühlen sich gesund - und zwar umso mehr, je höher ihr Bildungsgrad ist. Alleinerziehenden geht es allerdings schlechter als Paaren. Ein Vergleich mit den Ergebnissen von 2014 zeigt, dass sich das Leben in den meisten Bereichen entspannt hat. So gaben damals 46 Prozent der Eltern an, unter Zeitdruck zu leiden. Aktuell empfinden das 40 Prozent so. Er bleibt der größte Belastungsfaktor der Familien, und zwar unabhängig vom Haushaltseinkommen, sagt Jutta Mata, Gesundheitspsychologin von der Uni Mannheim. Sie hat die Studie wissenschaftlich begleitet. Geldsorgen plagen noch 27 Prozent. 2010 waren es 33 Prozent.

Mehr Beziehungsprobleme: Die Eltern stehen häufiger unter psychischem Druck, so die Studie. Für 27 Prozent ist der sogar problematisch hoch. Vor allem Beziehungsprobleme haben zugenommen. Inzwischen hat jeder Fünfte Stress in seiner Partnerschaft. 2014 hatten das 14 Prozent der Befragten beklagt.

Umgebung spielt wichtige Rolle: "Es gibt einen Zusammenhang zwischen einer bewegungsfreundlichen Kommune und der körperlichen Aktivität", sagt AOK-Vorstand Hoyer. Kinder sind an 3,8 Tagen pro Woche die geforderten 60 Minuten aktiv, wenn es in ihrem Umfeld Radwege, Sport- oder Spielplätze gibt. Gibt es die nicht, gehen sie nur an drei Tagen für eine Stunde raus.

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