Verbraucherschützer fordern Steuer für überzuckerte Getränke

Der Coca-Cola-Konzern sei mitverantwortlich für Fettleibigkeit und Diabetes, sagen Ernährungsexperten. Nun soll die Bundesregierung handeln.

Berlin.

60 Prozent der Erfrischungsgetränke in den deutschen Supermärkten sind überzuckert. Das ergab ein Report, den Foodwatch gestern in Berlin vorgestellt hat. Die Verbraucherorganisation macht den US-amerikanischen Weltmarktführer Coca-Cola, der auch die Marken Fanta, Sprite oder Mezzo Mix produziert, mitverantwortlich für die Zunahme von Krankheiten wie Fettleibigkeit und Diabetes auch in Deutschland. "Zuckergetränke von Coca-Cola sind flüssige Krankmacher", sagt Oliver Huizinga, Autor der Studie. Doch der Konzern verharmlose wissenschaftlich belegte Risiken. Fußballstars im Fernsehen und populäre Videodarsteller im Internet-Kanal Youtube sprächen besonders Kinder und Jugendliche an.

Foodwatch forderte die Bundesregierung auf, eine Herstellerabgabe für überzuckerte Getränke einzuführen. Eine solche Abgabe gilt ab morgen in Großbritannien und seit längerem in Ländern wie Mexiko, Ungarn und Frankreich. "Sie kann ein wirksames Instrument sein", sagt Birgit Brendel, Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale Sachsen. In Mexiko sei dadurch der Verzehr überzuckerter Getränke gesunken.

In Deutschland konnte die Lebensmittelindustrie bislang eine Sondersteuer auf ungesunde Produkte verhindern. "Coca-Cola versucht, durch gezielte Lobbyarbeit wirksame Regulierungen zu torpedieren", sagt Huizinga. Der Konzern habe nachweislich versucht, mit gekauften Wissenschaftlern Zweifel an der Schädlichkeit zuckerhaltiger Getränke zu säen. Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) warnte vor einfach klingenden Lösungen und will eine "Gesamtstrategie" zum Reduzieren von Fett, Zucker und Salz angehen.

Der US-Konzern wehrte sich gegen die Vorwürfe. "Übergewicht ist ein komplexes Phänomen", sagte Patrick Kammerer, Mitglied der Geschäftsleitung von Coca-Cola Deutschland. Man dürfe sich nicht nur auf ein Lebensmittel und einen Inhaltsstoff konzentrieren.

Martin Rücker, Geschäftsführer von Foodwatch Deutschland, glaubt nicht, dass der Konzern "ohne Druck" seine Rezepturen ändern wird. Notwendig seien deshalb auch klare und verpflichtende Nährwertangaben auf der Flasche oder Dose. Laut Coca-Cola-Manager Kammerer wolle man den Zuckergehalt in Europa indes bis 2020 durchschnittlich um zehn Prozent verringern.

Zu dem Ergebnis, dass zusätzliche Steuern auf Softdrinks ein wirksames Mittel gegen die Zunahme chronischer und nichtübertragbarer Krankheiten sein können, kommen auch fünf internationale Studien, die gestern in der britischen Fachzeitschrift "The Lancet" veröffentlicht wurden.

Deutschland ist mit etwa 84 Litern pro Kopf und Jahr eines der Länder mit dem weltweit höchsten Konsum von zuckerhaltigen Getränken. Jungen zwischen 12 und 17 Jahren trinken im Schnitt einen halben Liter Limonade pro Tag. Zum Vergleich: Die Amerikanische Herzgesellschaft empfiehlt für Heranwachsende maximal 240 Milliliter - pro Woche. Die WHO spricht bereits von einer "globalen Adipositas-Epidemie".

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1Kommentare
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  • 6
    0
    Hankman
    05.04.2018

    Zunächst einmal: Ich halte pauschale Ernährungsempfehlungen wie die, dass Kinder und Jugendliche nur einmal pro Woche 240 ml zuckerhaltige Getränke zu sich nehmen, für Unfug. Wer zum Beispiel viel Sport treibt und dabei viele Kohlenhydrate "verbrennt", der kann sicher ein paar Gläser mehr von dem Zeug trinken. Auch reagiert jeder Körper etwas anders auf bestimmte Lebensmittel bzw. -Inhaltsstoffe.

    Trotzdem ist Fakt: Die meisten Limonaden sind einfach überzuckert. Das ist unnötig. Ich hielte es auch für den falschen Weg, einfach einen Teil des Zuckers durch Süßstoffe zu ersetzen (die sind vermutlich ebenfalls ungesund, wenn nicht sogar gefährlich). Besser wären einfach mehr Limonaden, die weniger süß sind. Wie, die Kunden wollen das nicht ...? Doch, viele wollen das schon. Dass andere aber auf überzuckerte Getränke stehen, hat vor allem die Industrie zu verantworten. Sie hat über Jahrzehnte den Geschmack der Kunden geprägt (oder, wenn man so viel, versaut), indem sie vorwiegend zu süße Getränke unters Volk brachte. Und, nein, ich glaube Coca Cola oder Pepsi nicht, dass die Rezepturen dieselben wie vor Jahrzehnten sind. Es macht doch schon einen gewaltigen Unterschied, welche Art Zucker man reinrührt. Ich erinnere mich noch gut an die Pepsi aus den 80er-Jahren, die in Lizenz in der DDR und in der Sowjetunion hergestellt wurde. Die war nicht so süß und schmeckte eher ein wenig nach Apotheke. Vielleicht sollten die Großen der Branche mal ein wenig Risikobereitschaft zeigen und Getränke auch in weniger süßen Varianten anbieten. Von Schweppes gibt es zum Beispiel seit kurzem einen "Dry Tonic" - zusätzlich zur normalen Variante. Sehr gut! Ich wünschte mir auch eine "Coke Dry" mit 30 Prozent weniger Zucker und frei von Süßstoffen. Man sollte es einfach mal probieren.



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