Wenn die Krankenkasse nicht zahlen will

Karlheinz Neubert aus dem Zwickauer Land streitet mit der Kasse über Fahrkosten zum Krankenhaus. Erst die "Freie Presse" kann vermitteln.

Selbst heute - bei 30 Grad im Schatten - vergisst Karlheinz Neubert aus Hohndorf bei Zwickau den 10. Januar dieses Jahres nicht: Schneeverwehungen hatten den öffentlichen Nahverkehr fast zum Erliegen gebracht. Doch er musste elf Uhr im Krankenhaus Erlabrunn sein, das 43Kilometer von seinem Wohnort entfernt lag. Der 82-Jährige hatte dem Termin lange entgegengefiebert, sollte doch nun mit einem neuen Hüftgelenk endlich Schluss mit den permanenten Schmerzen sein. Ausgerechnet an diesem Tag versank das Erzgebirge aber im Schnee. Ein Freund, der ihm versprochen hatte, ihn ins Krankenhaus zu fahren, hob die Hände. Seine Garage war zugeweht. Alles freizuschaufeln hätte Stunden gedauert, doch die Zeit hatte Neubert nicht.

Ein Taxiunternehmen im Ort war bereit, den Rentner ins Krankenhaus zu bringen. Das übernehme die Krankenkasse, wurde ihm gesagt. Karlheinz Neubert wollte aber sichergehen und rief selbst bei seiner Krankenkasse - der Knappschaft - an. An der bundesweiten Service-Hotline erfuhr er, dass die Kosten übernommen werden, wenn eine ärztliche Verordnung für den Transport vorliegt.

Doch die hatte er nicht. Also bezahlte er die Taxirechnung in Höhe von 86,90 Euro zunächst selbst, in der Hoffnung, sie nach der Operation erstattet zu bekommen. Denn sein Hausarzt, den er von der Klinik aus anrief, sicherte ihm zu, eine solche Verordnung nachträglich auszustellen.

Vier Wochen dauerte sein Klinikaufenthalt. Danach holte er sich seine Transportverordnung und reichte alles bei der Knappschaft ein. Die Antwort kam schnell, schon nach drei Tagen - eine Ablehnung. Neubert verstand das nicht, wurde ihm die Übernahme doch am Servicetelefon zugesichert. Deshalb legte er Widerspruch ein. Im Mai dann die Entscheidung: Aus rechtlichen Gründen könne dem Widerspruch nicht stattgegeben werden, da die ärztliche Verordnung erst mehr als vier Wochen nach der Taxifahrt ausgestellt worden war. Eine Klage vorm Sozialgericht stünde ihm aber frei, hieß es.

Er suchte immer wieder das Gespräch mit der Krankenkasse, wollte nochmals erläutern, warum die Fahrkostenverordnung erst so spät kam - denn er war schließlich allein, hatte niemanden, der das für ihn hätte übernehmen können. Doch keine Chance, er bekam sein Geld nicht zurück.

Karlheinz Neubert war schwer enttäuscht. "So geht man nun mit einem 82-jährigen Witwer um, der sein ganzes Leben lang gearbeitet und Beiträge gezahlt hat", schreibt er in einem Brief an die "Freie Presse". Er fühlte sich in einer Ausnahmesituation, wie sie an diesem Wintertag herrschte, alleingelassen. "Kann sich denn in der Kasse niemand vorstellen, unter welchem Druck ich stand, um meinen OP-Termin einhalten zu können? Die Behandlung ausfallen zu lassen, hätte doch viel mehr Geld gekostet", sagt er. Was hatte Karlheinz Neubert falsch gemacht, wollte die "Freie Presse" von der Knappschaft wissen.

"Fahrkosten dürfen wir nur als Sachleistung zur Verfügung stellen", sagt Wolfgang Buschfort von der Knappschaft. Dafür gebe es Verordnungsscheine, die der Arzt ausstellt, gegebenenfalls auch nachträglich, aber eben auch nicht so spät wie im Fall von Karlheinz Neubert.

Sachleistung heißt: Die Fahrten werden unmittelbar durch die Taxiunternehmen mit der Knappschaft abgerechnet. Versicherte dürfen nicht jedes Taxi nutzen - nur solche Unternehmen, mit denen die Kasse einen Vertrag hat. Das Taxiunternehmen, das Herr Neubert nutzte, hatte so einen Vertrag. Der Rentner hätte das Taxi also kostenlos nutzen und die ärztliche Verordnung beim Taxiunternehmen nachreichen können. Eine Rechnung jedoch, für die der Versicherte in Vorleistung gegangen ist, könne die Kasse nicht erstatten, erklärt der Knappschaftssprecher. Für Wolfgang Buschfort liegt die Verfehlung beim Taxiunternehmen, denn der Fahrer hätte den Versicherten auf die richtige Verfahrensweise aufmerksam machen können. "Wir hätten uns von ihm ein vertragsgemäßes Verhalten gewünscht."

Nach den Anfragen der "Freien Presse" teilt die Knappschaft schließlich mit: Den Versicherten für ein Fehlverhalten eines Dritten büßen zu lassen, "lässt sich nicht mit den kundenorientierten Qualitätsstandards unserer Krankenversicherung vereinbaren." Deshalb werde man dem Versicherten den Betrag nun doch erstatten.

Karlheinz Neubert freut sich sehr über das Einlenken der Krankenkasse. "So ist doch noch alles gut geworden", sagt er. Denn die Operation sei sehr erfolgreich gewesen. "Ich arbeite wieder jeden Tag im Garten und habe keine Schmerzen mehr." Von dem Geld will er sich einen Schneeball-Strauch kaufen. "Der wird mich dann immer an den Wintertag erinnern, an dem ich gegen den Schnee um meine Hüftgelenk-OP kämpfte", sagt er.

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Wenn die Krankenkasse nicht zahlen will

Die Fahrt: Die Krankenkasse übernimmt nur Kosten für medizinisch notwendige Fahrten, die mit einer Leistung der Krankenversicherung zusammenhängen. Zum Beispiel Fahrten zur voll- und teilstationären Behandlung oder zu stationären Vorsorge- und Rehabilitationsmaßnahmen. Wichtig dabei ist: Die Fahrt muss in die nächstgelegene Einrichtung führen. Für Fahrten zu ambulanten Behandlungen werden Kosten nur in Ausnahmefällen übernommen. Das gilt zum Beispiel für Fahrten zur Dialyse oder Chemotherapie sowie bei dauerhaft eingeschränkter Mobilität.

Das Transportmittel: Versicherte brauchen eine ärztliche Bescheinigung, außer für Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln und Privatfahrzeugen. Wenn der Gesundheitszustand des Versicherten die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln und dem Privatfahrzeug erlaubt, muss dies genutzt werden. Für notwendige Fahrten werden die Kosten übernommen. Kommen weder Bus und Bahn noch Privatfahrzeug infrage, übernimmt die Kasse die Kosten für ein Taxi oder einen Mietwagen mit Trage- oder Rollstuhl. Bei einer kurzfristig notwendigen Fahrt, zum Beispiel bei ungünstiger Witterung, kann bei einem Taxiunternehmen oder bei der Kasse erfragt werden, ob ein gegenseitiger Vertrag besteht. Dann kann der Kunde das Taxi "kostenlos" nutzen und muss die Verordnung des Arztes schnellstmöglich an das Taxiunternehmen nachreichen. Es rechnet dann direkt mit der Kasse ab.

Die Kosten: Der Eigenanteil zu jeder Fahrt beträgt zehn Prozent der anfallenden Kosten, jedoch mindestens fünf und höchstens zehn Euro. Bei einer Serie von teilstationären Behandlungen zahlen Versicherte nur für die erste und letzte Fahrt.

Die Anteile: Fahrkosten zur ambulanten oder stationären Behandlung machen nur etwa vier Prozent der Gesundheitsausgaben von Krankenkassen aus.

Quelle: Knappschaft Chemnitz

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