"Wer heilt, hat recht"

Patienten müssen wieder ganzheitlich betrachtet werden, fordert Deutschlands bekanntester Arzt in seinem neuen Buch

Seit Jahrzehnten widmet sich Dietrich Grönemeyer leidenschaftlich der Frage, wie alternative Heilmethoden unsere Schulmedizin bereichern können. Dafür ist Deutschlands bekanntester Arzt um die Welt gereist und hat Heiler und Schamanen gebeten, ihr jahrtausendealtes Wissen mit ihm zu teilen. Andrea Herdegen sprach mit ihm über seine Erkenntnisse, die er in seinem, diese Woche erschienenen, Buch "Weltmedizin" beschreibt.

"Freie Presse": Herr Grönemeyer, sind Sie auf Ihren Reisen den Geheimnissen von Medizinmännern und Heilerinnen auf die Spur gekommen?

Dietrich Grönemeyer: Wenn Sie bedenken, dass die Geschichte der Heilkunst Jahrtausende zurückreicht, wäre es vermessen, würde ich behaupten, hinter die Geheimnisse der Weltmedizin gekommen zu sein. Hier liegt ein Forschungsfeld vor uns, auf dem immerfort Neues zu entdecken ist.

Die erfühlten Diagnosen von Heilern anderer, scheinbar primitiver Kulturen stimmen oft mit dem überein, was akademisch geschulte Mediziner mithilfe modernster Technik herausfinden. Wie machen die das?

Ich kann es nicht sagen. Nicht einmal die Heiler selbst, die ich etwa in Indien getroffen habe, konnten mir erklären, aufgrund welcher Empfindungen sie durch das bloße Fühlen des Pulses eine Krankheit erkennen. Ihre Methoden basieren auf einem von Generation zu Generation weitergegebenen Erfahrungswissen, auch auf einer besonderen Sensi- bilität. In jedem Fall gilt: Bloß weil wir etwas noch nicht verstehen, muss es kein Schwindel sein! Am Ende zählt doch nur eines: Wer heilt, hat recht.

Warum tut sich die Schulmedizin so schwer mit der Naturheilkunde?

Als Schulmediziner haben wir uns in den letzten 100 bis 150 Jahren ganz auf die Seite der Naturwissenschaft geschlagen. Die Erfolge, der Sieg über die Epidemien, die Fortschritte der Radiologie, die grandiosen Möglichkeiten der Transplantationschirurgie gaben uns recht. Sie haben die Schulmedizin in dem Glauben bestärkt, alles irgendwie nach den Gesetzen der Naturwissenschaft richten zu können. Was sich nicht rational erklären ließ, galt als Unsinn.

Diese streng rationale Herangehensweise und die schulmedizinische Spezialisierung haben ja auch einiges für sich.

Es steht außer Frage, dass unser Gesundheitswesen höchsten Ansprüchen genügt. Es gibt bestens ausgerüstete Kliniken und Praxen, die Technik ist auf dem neuesten Stand. Herzspezialisten, Augenärzte, Radiologen, Internisten, Operateure, Psychologen und Psychiater und so weiter - alle Fachdisziplinen sind hochqualifiziert. Aber allzu oft auch ausschließlich auf ihre jeweilige Disziplin konzentriert. Was uns fehlt, ist ein stärkeres Bewusstsein für die Notwendigkeit des Zusammenwirkens, über die Grenzen der Schulmedizin hinaus. Das schulden wir unseren Patienten.

Wo hinkt die Schulmedizin der Naturheilkunde hinterher?

Wir Schulmediziner behandeln den Patienten oft nur funktionell und unter Ausnutzung aller Möglichkeiten der modernen Gerätemedizin. Das ist einerseits richtig. Andererseits bleibt uns so kaum noch Zeit für das Gespräch mit dem Patienten. Da der Mensch aber keine Maschine ist, sondern ein stets individuell geprägtes Wesen, gibt es auch kein Krankheitsbild, das haargenau dem eines anderen Patienten gleicht.

Dann also lieber der Heilpraktiker, der sich mitfühlend auf einen einlässt?

Diese Tendenz ist unverkennbar, aber auch nicht ganz ungefährlich, weil sie manchen dazu verführt, schulmedizinische Behandlung auszuschlagen, wo sie dringend geboten wäre. Deshalb wäre es sinnvoll, wenn der Arzt des Vertrauens für den Patienten die Koordination der Zusammenarbeit mit Heilpraktikern und anderen Naturheilkundlern übernimmt.

Ist eine erfolgreiche Behandlung nur möglich, wenn der Arzt über das intensive Gespräch einen Zugang sucht?

Prinzipiell ja. Lassen Sie mich dies an dem Beispiel des Rückens verdeutlichen, meinem Spezialgebiet: Er kann schmerzen, ohne dass eine körperliche Ursache vorliegt, etwa ein Bandscheibenvorfall oder ein eingeklemmter Nerv. Sorgen, Stress, Ängste können ebenso Auslöser sein. Wie aber soll der Arzt das herausfinden, wenn die Zeit nicht ausreicht, ausführlicher mit dem Patienten zu sprechen? Wenn der Patient nicht mehr dazukommt, seine Situation zu erklären? Verursacht werden diese Zustände nicht primär durch die Ärzte, sondern durch ein Gesundheitssystem, das generell zu wenig Wert auf die sprechende Medizin legt. Weil es eben nicht mehr davon ausgeht, dass sich das Wohlbefinden des Menschen aus dem Zusammenwirken von Körper, Geist und sozialem Miteinander ergibt. Der humane Ansatz der Humanmedizin bleibt auf der Strecke.

Ist der von Ihnen entwickelte Begriff der "Weltmedizin" ein Versuch, die Schulmedizin durch das Hinzuholen alternativer Heilmethoden aus anderen Kulturen zu erweitern?

Nur verbohrte Dogmatiker können auf die absurde Idee verfallen, die Lehren gegeneinander in Stellung zu bringen. Richtig wäre es, die unvorstellbare Vielfalt der Heilsysteme als eine Einheit zu begreifen, zumindest medizinhistorisch als das Ursprungsbecken, aus dem sich der heutige Stand der Medizin entwickelt hat und sich weiter entwickeln wird.

Sie haben auf Reisen Kollegen und Heiler gebeten, ihr Wissen mit Ihnen zu teilen. Welches Erlebnis hat Sie am meisten erstaunt und bewegt?

Wo immer ich war, habe ich Überraschendes erlebt. Deshalb fällt es mir schwer, etwas zu nennen, das mich besonders berührte. War es die Begegnung mit einem Schamanen auf Hawaii? Waren es meine Gespräche mit dem Dalai Lama? Ich kann es nicht sagen. Es war wohl alles zusammen, das Erlebnis einer Weltmedizin, die bei aller Vielgestaltigkeit doch auch sehr viele Ähnlichkeiten aufweist. Das gilt vor allem für die Überzeugung, dass dem Menschen nur zu helfen ist, wenn man ihn ganzheitlich betrachtet. Auf dieser Grundlage haben die alten Ägypter, die Griechen und die Römer ebenso behandelt wie die Chinesen, die Inder und Tibeter oder die Medizinmänner der Indianer - und, nicht zu vergessen, die Hausärzte alter Schule.

Wie würden Sie sich die Medizin in hundert Jahren wünschen?

Als eine interdisziplinäre, in der Ärzte und Therapeuten verschiedenster Schulen und Denkansätze gemeinsam danach streben, für ihre Patienten das Beste zu tun. Aus der Verknüpfung des ärztlichen Erfahrungsschatzes früherer Epochen mit dem medizinischen Fortschritt wird sich die Weltmedizin der Zukunft ergeben.

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