Wie geht gesundes Altern, Herr Professor?

Der Chef des Uni-Zentrums für Gesundes Altern Dresden über Wehwehchen, den konstruktiven Umgang mit Einschränkungen und einen Plan B

Die "Freie Presse" startet am Mittwoch mit einer monatlichen Kolumne zum Thema "Gesünder altern". Autor ist Professor Lorenz Hofbauer, der das Universitätszentrum für Gesundes Altern am Uniklinikum Dresden leitet. Über Probleme des Älterwerdens und die Chancen sprach Stephanie Wesely mit ihm.

Freie Presse: Herr Professor Hofbauer, was ist schon gesund am Altwerden?

Professor Lorenz Hofbauer: Gesund, oder sagen wir besser normal ist, dass vieles im Alter langsamer geht. Das wollen viele Senioren heute aber nicht akzeptieren - besonders die Babyboomergeneration, die immer schon zu den Machern gehört hat. Einerseits ist das gut, denn sie sind willens, etwas gegen die Wehwehchen zu tun. Andererseits sind sie auch schneller frustriert, obwohl das Alter auch Vorteile hat.

Welche denn?

Es gibt mehr Gelassenheit. Durch die Lebenserfahrung haben Senioren oft eine ganz andere Sicht auf die Dinge und die Probleme des Alltags. Man hat nicht mehr den Druck, anderen etwas beweisen zu müssen.

Die Lebenserwartung ist heute so hoch wie nie zuvor. Wozu braucht es dann noch ein Zentrum für Altersmedizin?

Genau aus dem Grund. Die Über-65-Jährigen stellen heute mehr als ein Drittel der Bevölkerung. Und die sind im normalen Krankenhausbetrieb oft etwas verloren, weil sie vielleicht schlechter sehen und sich nicht mehr so gut orientieren können. Hier ist unser Zentrum eine Alternative. Zudem wollen heute selbst hochbetagte Menschen so lange wie möglich in ihrer gewohnten Umgebung bleiben, statt ins Pflegeheim zu gehen. Damit aber geriatrische, also Alterserkrankungen richtig behandelt werden können, braucht es Spezialisten wie uns.

Sie sprachen von Wehwehchen. Was sind typische Alterskrankheiten, die Sie behandeln?

Es sind Verschleißerkrankungen wie Arthrose, aber auch Osteoporose und Muskelschwund, wodurch die Hinfälligkeit zunimmt und Verletzungen nach Stürzen folgenschwerer sind. Gangschule, Sturzprophylaxe und Medikamente können die Knochenfestigkeit steigern. Ein weiterer Schwerpunkt sind innere Erkrankungen - von Herzschwäche und Lungenerkrankungen über Diabetes bis hin zu Krebs. Tumorerkrankungen werden bei uns mit dem speziellen Blick auf das Alter behandelt, das heißt, es kommen weniger aggressive Therapieverfahren zum Einsatz, und die Lebensqualität ist das oberste Gebot.

Und wie ist es mit der Lebensqualität bei Demenz?

Demenz ist im hohen Alter leider sehr häufig. Doch es gibt unterschiedliche Arten, zum Beispiel eine Form, die durch kranke Gefäße, ausgelöst wird. Wird die zugrunde liegende Krankheit richtig behandelt, lässt sich auch Demenz gut verhindern. Bei der Alzheimer Krankheit gibt es aber trotz intensiver Forschung und klinischer Studien noch keine guten ursächlichen Therapien. Die bisher eingesetzten Medikamente können nur vorübergehend den Verlust der Gedächtnisleistung etwas hinauszögern.

Die meisten alten Menschen nehmen doch ohnehin viel zu viele Medikamente.

Das stimmt. Viele Über-75-Jährige nehmen sechs bis zehn verschiedene Mittel gleichzeitig, dazu noch selbst gekaufte Schmerz- und Schlafmittel. Da ist es oft unklar, ob ihre Beschwerden nicht von den Medikamenten selbst kommen. Eine speziell geschulte Stationsapothekerin prüft das bei uns. Auch ob sich die Medikamente vertragen, und vor allem, wie sie sich reduzieren lassen.

Sollten Patienten zuerst zum Hausarzt gehen oder gleich in Ihr Zentrum für Altersmedizin?

Ganz klar, zum Hausarzt. Er ist oft jahrelanger Ansprechpartner und sollte es auch bleiben. Um im Zentrum für Altersmedizin behandelt zu werden, braucht es ohnehin eine Überweisung vom Haus- oder Facharzt. Wir sichten die Befunde und wählen aus, welches Format für die Behandlung infrage kommt. Es gibt Ambulanzen, Tageskliniken oder den stationären Bereich, wo auch die sogenannte geriatrische, frührehabilitative Komplexbehandlung stattfindet, zum Beispiel nach Schlaganfall oder Hüftbruch. Diese dauert zwei bis drei Wochen und ist sehr personalintensiv. Ziel ist es, viel verlorene Mobilität und Selbstständigkeit wieder aufzubauen.

Haben Sie einen Geheimtipp für gesundes Altern?

Sogar mehrere. An erster Stelle steht die Achtsamkeit. Dazu gehört ein gesunder Lebensstil mit ausgewogener Ernährung und reichlich Flüssigkeit. Viele ältere Menschen sind mangelernährt. Sie haben weniger Appetit und können schlechter kauen. Ist ein Gewichtsverlust einmal eingetreten, wird er selten wieder aufgeholt. Achtsamkeit heißt aber auch, mit seinen Kräften zu haushalten, um Stürze zu verhindern.

Also eher Passivität und Schonung?

Nein. Übervorsichtig und ängstlich jede Bewegung zu vermeiden, führt in eine Abwärtsspirale. Irgendwann traut man sich gar nichts mehr zu. Ein gesundes Maß an Belastung ist nötig, um seine Kräfte zu erhalten.

Und die anderen Geheimtipps?

Interessen. Ein Hobby oder eine Beschäftigung, die Freude schenkt, gepaart mit einem stabilen sozialen Netz aus Familie und Freunden sind wichtig für den Erhalt der geistigen und körperlichen Fähigkeiten. Ganz wichtig ist die Bewegung. Da die Muskulatur sich schnell abbaut, sind Kraft, Ausdauer und Balance wichtig - auch um einen sicheren Stand zu haben und Stürzen vorzubeugen. Ein guter Seniorensport ist Tanzen. Er vereint alle drei Disziplinen, macht Spaß und sorgt für soziale Kontakte. In einer Gruppe ist das auch dann möglich, wenn man keinen Partner mehr hat. Tägliches Laufen oder Wandern tun Körper und Seele gut. Gut ist es auch, sein Alter anzunehmen, sich über die Dinge zu freuen, die man noch tun kann. Ich nenne das, einen Plan B zu haben, statt traurig über Verluste zu sein. Das schenkt Zufriedenheit - eine Voraussetzung für gesundes Altern.

Dr. Lorenz Hofbauer 

Der Professor für Altersmedizin, Knochenerkrankungen und Endokrinologie (Hormonstoffwechsel) leitet das Universitätszentrum für gesundes Altern in Dresden.

Der 50-Jährige hat von 1988 bis 1994 in München Medizin studiert, mit Praktika in Nizza, Nagoya (Japan) und verschiedenen Städten der USA.

Drei Jahre arbeitete er als Assistenzarzt im Bereich Endokrinologie der Mayo Clinic Rochester (USA), promovierte auch auf dem Gebiet. Er ist verheiratet und hat einen Sohn.

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