Wie geht man richtig mit Schmerzen um?

Der Autor des Handbuchs gegen den Schmerz, Professor Tölle, über Ursachen, Behandlungsmethoden - und was Indianer auszeichnet.

Er kann stechen und ziehen, brennen und hämmern: Schmerz hat viele Facetten. Und jeder Mensch geht anders damit um. "Schmerz muss ernster genommen werden", sagt der Münchner Professor Thomas R. Tölle. Gemeinsam mit weiteren Experten hat er das "Handbuch gegen den Schmerz" herausgegeben. Steffen Klameth hat mit dem Autor gesprochen.

Freie Presse: Für die meisten Menschen ist Schmerz ein Symptom, das auf eine bestimmte Erkrankung hinweist. Stimmt es, dass es Schmerz auch als eigenständige Krankheit gibt - und zwar nur in Deutschland?

Prof. Thomas R. Tölle: Ja. Korrekt heißt die Diagnose "chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren". Sie wurde vor zehn Jahren in den sogenannten ICD-Katalog aufgenommen. Wie richtig diese Entscheidung war, zeigt sich daran, dass die Weltgesundheitsorganisation den Begriff "Chronischer Schmerz" ab 2022 ebenfalls als eigenständige Diagnose anerkennen wird.

Warum ist das so wichtig?

Viele Patienten kommen mit Schmerzen zu uns, ohne dass eine körperliche oder psychische Erkrankung vorliegt. Eine Diagnose gibt ihnen eine gewisse Sicherheit. Zudem hilft sie den Ärzten bei der Wahl der richtigen Therapie. Und sie ist Voraussetzung für eine seriöse Versorgungsforschung.

Hat Schmerz nicht immer eine körperliche Ursache?

Es gibt leider immer noch Ärzte, die im Operieren die optimale Lösung sehen. Einer Operation folgt die nächste und so weiter. Ich kenne Patienten, die schon dreimal operiert wurden und immer noch Schmerzen haben. Dabei sollte jeder Mediziner wissen, dass sich Schmerz verselbstständigen kann. Dauert er mehr als drei Monate an, sprechen wir von chronischem Schmerz. Eine Schmerzursache muss es dann gar nicht mehr geben. Daneben gibt es psychosomatische Schmerzen, für die es von vornherein keinen erkennbaren Auslöser gibt.

Kann man Schmerzen sichtbar machen?

Ja, die moderne Bildgebung kann Schmerzen dort zeigen, wo sie verarbeitet werden - im Gehirn. Die funktionelle Kernspintomografie stellt das Hirn mit seinen Funktionen räumlich dar, die Positronen-Emissionstomografie macht den Stoffwechsel anschaulich. Die Aufnahmen zeigen zum Beispiel, dass die Wahrnehmung von Schmerz von vielen Dingen beeinflusst wird. Angst und Verlust, etwa der Tod eines nahen Angehörigen, verschlimmern den Schmerz. Auch soziale Ausgrenzung hat diesen Effekt. Dieses Wissen ist ungemein wichtig, wenn man den Betroffenen helfen will. Künftig werden wir mithilfe der Bildgebung sicher noch besser voraussagen können, welche Medikamente wirken und welche nicht.

Chronische Schmerzen sind eine Volkskrankheit. Jeder fünfte Deutsche soll betroffen sein, anderen Quellen zufolge ist es sogar jeder dritte. Was stimmt?

Das hängt von der Definition ab. Ich halte mich an die WHO, wonach die Schmerzen über zwölf Wochen hinaus andauern müssen. Das wäre dann etwa jeder Fünfte.

Was sind eigentlich die häufigsten Schmerzarten?

Ganz oben stehen Schmerzen am Bewegungsapparat und hier die Rückenschmerzen. Aber auch Kopfschmerzen sind weitverbreitet.

Wer ist häufiger betroffen - Frauen oder Männer?

Grundsätzlich denke ich, dass es da keine großen Unterschiede gibt. Der Anteil der Frauen unter den chronischen Schmerzpatienten ist allerdings um 20 bis 30 höher - bei ihnen ist die Bereitschaft zur Therapie einfach größer. Männer sind weniger therapiewillig. Da mag ein gewisser Fatalismus eine Rolle spielen, aber auch das Rollenverständnis.

Der Volksmund sagt: Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Stimmt das?

Nein. Indianer haben nur gelernt, Schmerz auszuhalten. In anderen Völkern ist es genau umgekehrt: Da gehört es zur eigenen Präsentation, seine Schmerzen offen zur Schau zu stellen.

Wer verhält sich richtig?

Auf jeden Fall ist es keine gute Idee, Schmerzen zu ignorieren. Schmerz hat eine Warnfunktion und ist überlebenswichtig. Wir kennen das vom Berühren einer heißen Herdplatte: Das Schmerzsignal lässt uns in Bruchteilen von Sekunden zurückschrecken.

Also immer gleich zum Arzt?

Ich will hier nicht einer Übertherapie das Wort reden. Aber ich kann nur raten, Schmerzen immer so früh wie möglich zu behandeln. Ansonsten besteht die große Gefahr, dass sich der Schmerz verselbstständigt. Bei einem Versuch wurden gesunde Probanden zwölf Tage lang jeweils fünf Minuten einem thermischen Reiz am Unterarm ausgesetzt. Diese Zeit reichte aus, einen Umbau im Gehirn auszulösen.

Funktioniert das auch umgekehrt, also lässt sich dieser Umbau auch rückgängig machen?

Das Schmerzgedächtnis kann man nicht löschen, aber überschreiben. Voraussetzung ist, dass man sich das Problem bewusst macht. Bestimmte Verhaltensweisen, Ablenkung, Genusstraining, aber auch Medikamente helfen, dass sich Nervenzellen regenerieren. Bei Rückenschmerzen begehen viele Patienten den Fehler, dass sie sich schonen. Dabei ist gerade Bewegung sehr wichtig, auch wenn sie selbst höllisch schmerzt.

Was macht ein Schmerztherapeut anders als ein Hausarzt?

Wenn es ein guter Hausarzt ist, weiß er, wie man Schmerzen richtig behandelt. Aber manchmal kommt auch ein guter Hausarzt nicht weiter. Dann ist der Schmerztherapeut die richtige Adresse.

Seit zwei Jahren darf jeder Arzt Cannabis auf Rezept verschreiben. Eine richtige Entscheidung?

Cannabis ist kein klassisches Schmerzmittel, es befreit uns lediglich und bis zu einem gewissen Grad vom Druck, den chronischer Schmerz auslöst. Bei Patienten mit unheilbaren Krankheiten und bei Palliativpatienten macht das Sinn. Was jetzt passiert, halte ich für einen Hype und eine große Irreführung des Patienten. Es gibt zweifelsfrei viele Menschen, die damit nur ihren Cannabis-Konsum legalisiert haben.

Professor Thomas R. Tölle

Der Facharzt für Neurologie und Psychologe leitet das Zentrum für Interdisziplinäre Schmerzmedizin am Klinikum rechts der Isar (München).

Er ist Mitglied verschiedener nationaler und internationaler Gesellschaften auf den Gebieten Neurologie und Schmerz.

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