Wie lässt sich die Land-Apotheke retten?

Der Präsident der sächsischen Landesapothekerkammer über Versorgungsprobleme, Nachwuchssorgen und ein neues Finanzierungsmodell

Mit dem Slogan "Die Apotheke muss im Dorf bleiben" will die sächsische Apothekerkammer auf die Gefahr des Aussterbens vor allem ländlicher Apotheken aufmerksam machen. In einer Diskussionsrunde in Chemnitz am Montagabend nannte sie Gründe und Lösungsmöglichkeiten. Stephanie Wesely sprach mit dem Präsidenten der Landesapothekerkammer, Friedemann Schmidt.

Freie Presse: Herr Schmidt, Sie wollen die Apotheke im Dorf halten. In welchen Dörfern gibt es überhaupt noch Apotheken?

Friedemann Schmidt: Das ist sicher sinnbildlich gemeint, denn um eine Apotheke wirtschaftlich zu führen, sollte sie möglichst mindestens 4000 Einwohner versorgen. Und die gibt es im Dorf leider nicht. Aber in Verbünden und Verwaltungsgemeinschaften. Und dort wollen wir unbedingt bleiben.

Warum lassen sich dann immer mehr Apotheker in Städten nieder? Aller zwei Gehminuten gibt es eine. Die Dichte war gefühlt nie so hoch wie jetzt.

Das ist möglicherweise nur ein Gefühl, denn der Versorgungsgrad in Städten ist in Bezug auf die Einwohnerzahl nicht höher als auf dem Land. Doch Sie haben recht, es ist zurzeit ein negativer Trend, dass es Neugründungen fast nur noch in Zentrumslagen gibt. Am Stadtrand, in Problemvierteln oder ländlichen Gebieten wird die Apotheke immer unattraktiver.

Lässt sich da nicht steuernd eingreifen?

Leider nicht. Diese Bedarfsplanung gibt es nur bei Ärzten. Der Apotheker hat Niederlassungsfreiheit. Er allein entscheidet, wo er eine Apotheke eröffnet, das ist verfassungsrechtlich seit 1958 garantiert. Aber als Angehöriger eines Heilberufs hat der Apotheker auch eine moralische Pflicht. Er sollte in erster Linie dort tätig werden, wo er gebraucht wird.

Dann ist es mit der Moral wohl nicht so weit her, wenn man den aktuellen Trend bei den Neugründungen sieht?

Moral und Idealismus sind durchaus da, aber damit allein lässt sich keine Apotheke wirtschaftlich führen, die auch ihre Angestellten ordentlich bezahlen will. Denn die brauchen wir, um rund um die Uhr den Bereitschaftsdienst abzusichern. Im Umkreis von etwa zehn Kilometern findet jeder zu jeder Zeit eine offene Apotheke.

Was müsste sich ändern? Fordern die Apotheker mehr Geld?

Es geht natürlich um mehr Geld, aber auch um eine andere Entlohnung. Derzeit richtet sich die Vergütung nach der Anzahl der abgegebenen Packungen. In ländlichen Gebieten oder Stadtrandlagen werden aber weniger Packungen abgegeben, dafür ist die Beratungsintensität höher, vor allem wenn der Altersdurchschnitt in den Wohnvierteln hoch ist. Beratung wird aber nicht bezahlt. Hinzu kommt, dass das Land seit Jahren schlecht geredet wird. Kein Wunder, wenn Landarztpraxis und Landapotheke schließen oder keine Nachfolger mehr finden.

Apotheker gehören aber doch nach wie vor zu den Hochverdienern in Deutschland.

Das gilt keineswegs für alle Apotheken. 70 Prozent in Sachsen erreichen den Durchschnittsumsatz nicht. 2017 lag der Durchschnittsgewinn einer Apotheke in Deutschland bei 144.000 Euro. Davon gehen noch Steuern, Vorsorgeaufwendungen und Investitionen ab. Jeder vierten Apotheke in Deutschland geht es wirtschaftlich so schlecht, dass ihre Existenz akut gefährdet ist. Auf der anderen Seite erzielen die zehn größten Apotheken in Sachsen mehr als das Zehnfache des Durchschnittsumsatzes.

Wo sind denn diese erfolgreichen Apotheken - in Einkaufscentern?

Auch. Dort gibt es natürlich viel Laufkundschaft, aber die Öffnungszeiten werden denen der Center angepasst, was natürlich auch wieder mehr Personal bedeutet. Sehr erfolgreich sind zum Beispiel Apotheken, die Pflegeeinrichtungen oder Krankenhäuser versorgen, die Chemotherapien und Sondenernährung herstellen oder die Ärztehäusern angegliedert sind.

Zur Wahrheit gehört aber doch auch, dass ein Großteil des Umsatzes gar nicht mehr mit rezeptpflichtigen Medikamenten gemacht wird?

Doch. Die Abgabe verschreibungspflichtiger Arzneimittel macht mit rund 80 Prozent den größten Teil des Umsatzes aus. Den Rest teilen sich apothekenpflichtige Arzneimittel, die die Patienten selbst bezahlen müssen, freiverkäufliche Arznei- und Gesundheitspflegemittel sowie das apothekenübliche Ergänzungssortiment - vom Fieberthermometer bis zum Badezusatz.

Wollen Apothekenkunden eigentlich noch beraten werden oder kommen sie mit einer Menge Google-Wissen?

Der Beratungsbedarf ist immer noch sehr hoch, trotz Google. Geändert hat sich aber schon recht viel. So kommen viele zwar mit einer vorgefertigten Google-Meinung zu uns, sind aber verunsichert, weil sie auch in Diskussionsforen gelesen haben. Wir sind mehr und mehr Lotse in diesem System, wo es viele Unwahrheiten gibt. Wir müssen also auch immer auf der Höhe der Zeit sein, was so alles im Internet diskutiert wird. Das ist schon anders als früher.

Haben Pharmazie-Absolventen noch Interesse an einer Arbeit in der öffentlichen Apotheke?

Das Interesse lässt nach. Die meisten Akademiker wollen heute eine geregelte Arbeitszeit und sichere Bezahlung. In der Pharmaindustrie werden derzeit viele Apotheker gebraucht, weil die Anforderungen an die Sicherheit der Arzneimittel höher geworden sind. Und dort wird mehr Geld verdient als in der öffentlichen Apotheke. Auch Krankenhäuser stellen immer mehr Apotheker ein. Das Prinzip des Stationsapothekers, bei dem die Arzneimittelausgabe von approbierten Apothekern vorgenommen wird, wird sich immer mehr durchsetzen. Das ist ein großer Vorteil für die Patienten. 80 Prozent der Apotheker steigen nach ihrem Studium in eine öffentliche Apotheke ein, denn wir sind ein großer Arbeitgeber. Laut Agentur für Arbeit gilt der Apotheker jetzt als Engpassberuf. Das heißt, es gibt mehr freie Stellen als Bewerber.

Und die lassen sich wahrscheinlich nicht auf dem Land nieder. Wie wollen Sie die Arzneimittelversorgung sichern?

Ein Baustein sind die Rezeptsammelstellen. Das sind spezielle Briefkästen, die von Apotheken betreut werden. Dabei handelt es sich nicht um eine Versorgung zweiter Klasse, denn die Arzneimittel werden nach Hause gebracht und die Patienten werden dort beraten. Auch die Arzneimittelinitiative Sachsen und Thüringen - kurz Armin - ist ein Schritt zur Sicherheit der Apotheken. AOK Plus-Versicherte, die täglich mehr als fünf verschiedene Arzneimittel einnehmen, werden von Apothekern betreut, um unerwünschte Wechselwirkungen auszuschließen. Sie erstellen und überprüfen die Medikationspläne und tauschen sich digital mit den Ärzten darüber aus. Hier sind die beiden Bundesländer führend und ein gutes Beispiel für vernetzte Zusammenarbeit. Wir wünschten, dass sich mehr Krankenkassen daran beteiligen und das Projekt zur Regelversorgung wird. Das würde die Sicherheit der Patienten erhöhen.

Apropos Sicherheit. Verunreinigte Blutdruckmittel, gefälschte oder wirkungslose Krebsmittel - sind Kunden öffentlicher Apotheken sicherer?

Auf jeden Fall. Arzneimittelfälschungen kommen fast immer aus illegalen Internetapotheken. Auf Mängel in der Herstellung wie bei Valsartan haben wir aber keinen Einfluss. Das Beispiel mit den Blutdrucksenkern hat gezeigt, wie wichtig es ist, sich vor Ort in der Apotheke über Austauschmedikamente beraten lassen zu können. Deshalb muss die Apotheke im Dorf bleiben - natürlich sinnbildlich gesprochen.

Der Apothekerchef

Friedemann Schmidt (54) hat in der Uni Greifswald Pharmazie studiert und 1990 seine Berufserlaubnis erhalten. Neben seiner Funktionen als Präsident der Sächsischen Apothekerkammer und als Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände führt er eine Apotheke in Leipzig, wo er auch lebt. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

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