Wie sicher ist die Strahlentherapie?

Und was haben Patienten im hohen Alter noch davon? Wir sprachen mit Professor Mechthild Krause vom Dresdner Uniklinikum.

Protonen-Strahlentherapie am Dresdner Uniklinikum: Die Position des Patienten - hier ein Erwachsener mit Hirntumor - kann per Roboter exakt gesteuert werden. Das Bestrahlungsgerät (Gantry) dreht sich um den Patienten, um die vorher berechneten Einstrahlrichtungen anzusteuern.
Wie sicher ist die Strahlentherapie?

Der Dialekt verrät ihre Herkunft: Professor Mechthild Krause ist in Görlitz geboren. Heute leitet die 42-Jährige die Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie am Uniklinikum Dresden und zählt europaweit zu den führenden Experten auf den Gebieten der Protonen- und Photonentherapie. Steffen Klameth sprach mit ihr.

Freie Presse: Frau Professor Krause, werden wir den Krebs eines Tages besiegen?

Unsere Generation wird das wohl nicht mehr erleben. Aber wir können das Krebsrisiko deutlich reduzieren. Und wir können einige Krebsarten zunehmend besser behandeln und die Krankheitsrate senken.

Wo sehen Sie die größten Chancen?

Wenn die Krankheit wie beim Gebärmutterhalskrebs durch Viren ausgelöst wird, dann ist die Vorbeugung der beste Weg. Leider wird die HPV-Impfung noch zu selten genutzt. Bei genetisch bedingten Tumoren ist die Forschung in vielen Fällen noch nicht so weit, wobei es auch hier bereits sehr gute und effiziente Vorsorgeprogramme gibt, zum Beispiel für das familiäre Mammakarzinom.

Die Krebstherapie fußt auf drei Säulen: Chirurgie, Chemotherapie, Strahlentherapie. Eine neue australische Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Strahlentherapie die größten Behandlungserfolge erzielt. Ist das auch Ihre Erfahrung?

Man muss unterscheiden: Ist der Tumor noch nicht fortgeschritten, bieten Chirurgie und Strahlentherapie die größten Heilungschancen - zunehmend auch in Kombination. Das trifft auch auf solide, also nicht flüssige Tumore zu. Im fortgeschrittenen, nicht mehr operablen Stadium, wenn sich aber noch keine Metastasen gebildet haben und der Patient zu sehr geschwächt ist, wählt man eher die Strahlentherapie in Kombination mit Chemotherapie. Diese hat bei vielen Erkrankungen trotzdem noch Heilungschancen von bis zu 50 Prozent, zum Beispiel bei Tumoren des Kopf-Hals-Bereiches.

Welche Vorteile hat die Strahlentherapie?

Die Strahlentherapie kann heute deutlich schonender angewendet werden als früher und ist deshalb auch für ältere Patienten häufig sehr gut geeignet. Sie kann auch ambulant durchgeführt werden. Es werden nur jene Regionen behandelt, in denen der Tumor sich befindet, oder in die er streuen könnte. Nebenwirkungen treten deshalb nur dort auf, bei der Chemotherapie ist der ganze Körper betroffen. Bei Organtumoren erreichen wir damit inzwischen ein hohes Heilungspotenzial.

Trifft das auf alle Krebsarten gleichermaßen zu?

Bestimmte Felder haben wir schon wieder verlassen. Bösartige Hodentumoren wurden früher nach der Operation grundsätzlich nachbestrahlt. Inzwischen weiß man, dass das nicht immer nötig ist. Bei jüngeren Männern wird jetzt in frühen Tumorstadien nur noch operiert und dann regelmäßig kontrolliert. Wirksam ist die Strahlentherapie nachgewiesenermaßen zum Beispiel bei Tumoren im Hirn und Enddarm sowie in der Prostata, Lunge und Brust. Bei Kopf-Hals-Karzinomen - beispielsweise Mundhöhlenkarzinom und Kehlkopfkrebs - erfolgt die Bestrahlung häufig nach einer OP oder in Kombination mit einer Chemotherapie.

Wo hat die Strahlentherapie ihre Grenzen?

Es gibt Tumoren, bei denen nach einer Operation das größte Risiko entfernt von der eigentlichen Tumorregion besteht. Der Eierstockkrebs zum Beispiel verteilt die Zellen relativ schnell, das lässt sich mit einer Chemotherapie besser behandeln.

Das Wort Strahlentherapie verursacht bei vielen Patienten eher Unbehagen als Hoffnung. Wie sicher ist die Bestrahlung überhaupt?

Ich weiß, dass viele Patienten das so wahrnehmen. Vermutlich hängt das mit den Atomreaktorkatastrophen zusammen. Aber die Strahlentherapie ist sehr sicher, weil wir sie im Voraus ganz genau planen können. Ich behaupte, keine andere Therapie ist so exakt berechenbar.

Wie wird die Bestrahlung geplant?

Zunächst definiert der Arzt die Region und einen möglichen Randbereich, in denen verstreute Tumorzellen wahrscheinlich sind. Dafür nutzt er verschiedene Bildgebungsverfahren, in der Regel CT (Computertomografie), aber auch PET (Positronen-Emissions-Tomografie und MRT (Magnetresonanztomografie). Auf dieser Grundlage erstellt der Physiker dann den Bestrahlungsplan: die Richtung, die Dosis, die Dauer. Dieser wird gemeinsam mit den Ärzten genau kontrolliert und dann akzeptiert oder nochmals optimiert. Bei uns wie in vielen anderen größeren Zentren sind immer zwei Ärzte und zwei Physiker mit dieser Aufgabe im Vier-Augen-Prinzip betraut, zur Sicherheit der Patienten.

Welche Risiken und Nebenwirkungen sind damit verbunden?

Das kommt immer auf die Region an. Bei der Bestrahlung der Brust kommt es häufig zu Hautrötungen. Im Mund kann sich die Schleimhaut entzünden, sodass die Patienten schlechter essen können. Solche akuten Nebenwirkungen können sehr unangenehm sein, sie klingen aber in aller Regel spätestens nach ein paar Wochen ab. Anders ist das bei chronischen Nebenwirkungen, die oft erst nach einigen Monaten oder Jahren auftreten. Die kann man allenfalls lindern. Deshalb muss man bei der Planung immer abwägen zwischen Risiko und Heilungschancen. Ein mögliches Risiko sind beispielsweise Fehlfunktionen von Organen. Das hängt auch wesentlich von Vorerkrankungen ab, die der Arzt bei der Planung der Therapie berücksichtigen muss.

Haben Patienten ein Mitspracherecht?

Grundsätzlich wird jeder Patient über Therapierisiken aufgeklärt. Stellt sich bei der Planung heraus, dass eine höhere Strahlenbelastung mehr Erfolg verspricht, wird das mit den Patienten noch mal besprochen. Durchgeführt wird immer nur die Behandlung, in die der Patient auch eingewilligt hat und für die er den Nutzen und die Risiken kennt. Die allermeisten Patienten vertrauen uns dabei. Sie können sich darauf verlassen, dass unsere Ärzte stets so handeln, als hätten sie ein eigenes Familienmitglied vor sich.

Strahlentherapie ist ein sehr allgemeiner Begriff. Was und wer entscheidet, was genau zur Anwendung kommt?

Standard ist die klassische Strahlentherapie, bei der Photonen auf den Tumor einwirken. Dresden gehört zu den fünf Standorten in Deutschland, die auch die Behandlung mit Protonen anbieten können. Diese ist noch genauer und schonender, weil sie das Gewebe hinter der Tumorregion ausspart. Viele Einsatzmöglichkeiten, etwa bei Hirntumoren oder Weichteiltumoren im Bauch, befinden sich aber noch in Studien.

Sind Patienten bei Studien nicht so was wie Versuchskaninchen?

Nein. Wenn wir neue Therapien erproben, dann profitieren die Patienten sogar von einer noch intensiveren Überwachung und Betreuung, auch nach der Behandlung. Viele sagen auch: Wenn es mir nicht hilft, dann vielleicht Menschen nach mir.

Kritiker sagen, dass es bei Krebsbehandlungen oft nur um eine minimale Lebenszeitverlängerung geht - und das Leiden der Patienten nur ausgedehnt wird. Wie sehen Sie das?

Das kommt drauf an. 50 Prozent aller Krebserkrankungen kann man heilen, wenn man einen Zeitraum von fünf bis zehn Jahren nach der Therapie zugrundelegt. Bei anderen Patienten weiß man, dass ihr Krebs nicht heilbar ist und sie allenfalls noch ein halbes Jahr leben. Da fragen wir uns schon: Was haben diese Menschen davon? Wir wägen jeden Fall genau ab, besprechen das mit den Patienten und prüfen, wie man zumindest die Schmerzen lindern kann. Ältere Patienten lehnen kurative Maßnahmen häufig von sich aus ab, wenn sie mit einem hohen Nebenwirkungsrisiko einhergehen.

Die Diskussion wird auch aus ökonomischer Sicht geführt. Krebsmedikamente sind die teuersten überhaupt. Wie ist das bei der Strahlentherapie?

Im Vergleich zu Medikamenten ist sie kostengünstiger. Bei fünf Bestrahlungen kommen etwa 26.000 bis 40.000 Euro zusammen. Die Protonentherapie ist allerdings teurer und wird noch nicht immer von den Kassen bezahlt.

Sie engagieren sich auch stark in der Forschung. In welche Richtung geht es dabei?

Ein Ziel ist es, die Protonentherapie bei noch mehr Krebsarten anzuwenden. Große Hoffnungen setzen wir auch in die individualisierte Medizin, um so besser voraussagen zu können, wie Strahlentherapie oder Kombinationstherapie wirken - und ob vielleicht auch eine kürzere oder weniger intensive Bestrahlung erfolgreich ist. Ein weiterer Schwerpunkt ist die weitere Verbesserung der Präzision der Strahlentherapie, die hauptsächlich durch unsere Physiker in enger Zusammenarbeit mit Ärzten vorangetrieben wird.

Die Krebs-Spezialistin

Prof. Dr. Mechthild Krause ist 1976 in Görlitz geboren. Seit anderthalb Jahren leitet sie die Klinik für Strahlentherapie am Uniklinikum Dresden, wo jährlich über 2500 Patienten behandelt werden.

Die Ärztin und Wissenschaftlerin ist auch Direktorin des Instituts für Radioonkologie am Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf, eine der geschäftsführenden Direktoren des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen und Standortsprecherin des Deutschen Konsortiums für Translationale Krebsforschung in Dresden. (rnw)

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