Wie sicher ist eine Brustvergrößerung?

Chefarzt Dr. Steffen Handstein aus Görlitz zu Chancen, Risiken und Kosten der OP - Beim Ärzteforum antwortet er auf Fragen von Lesern

Ob bei Krebs oder aus kosmetischen Gründen: Dr. Steffen Handstein ist einer der führenden Spezialisten für Operationen der Brust. Zum Ärzteforum am 10. Oktober in Dresden stellt sich der Chefarzt und Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie den Fragen von Lesern zum Thema. Katrin Saft sprach vorab mit ihm.

"Freie Presse": Herr Dr. Handstein, seit dem Skandal um geplatzte Implantate der Firma PIP ist die Brustvergrößerung in Verruf geraten. Wie sicher ist der Eingriff heute?

Dr. Steffen Handstein: Der Hersteller aus Frankreich hatte in einem Teil seiner Implantate Material verwendet, das nicht für medizinische Anwendungen deklariert war. Das zeigt, dass leider auch in der Medizinbranche Leute unterwegs sind, denen es um Profitmaximierung geht. Der PIP-Skandal hat zumindest dazu geführt, dass die Hersteller intensiver kontrolliert werden. Alle halten die entsprechenden Standards ein. Probleme gibt es aber auf anderer Ebene.

Welche Probleme meinen Sie?

Durch das Brustimplantat kann es zu einer sogenannten Kapselfibrose kommen - unabhängig vom Hersteller. Studien belegen. dass das innerhalb von zehn Jahren bei 12 bis 15 Prozent der Patientinnen der Fall ist. Das Implantat ist ein Fremdkörper, um den sich eine Bindegewebskapsel bildet. Bei einer Fibrose wird diese Kapsel hart und drückt auf das Implantat. Das kann zu Verformungen der Brust und zu Schmerzen führen. Auf einer Fachtagung in Bochum Mitte September haben wir über mögliche Ursachen diskutiert. Die Probleme scheinen etwas mit der Besiedlung der Implantatoberfläche mit Bakterien zu tun zu haben, die zu chronischen Entzündungen führen. Doch die Evidenzlage ist hier noch relativ gering. Ein weiteres Problem sind sogenannte anaplastische großzellige Lymphome, kurz ALCL. Weltweit werden bei Frauen mit Brustimplantaten etwa 300 Fälle dieser bösartigen Tumorerkrankung beschrieben. In Deutschland sind bislang acht Fälle bekannt, in den USA im Verhältnis deutlich mehr. Die Prognose bei frühzeitiger Behandlung ist aber sehr gut.

Abgesehen von Patientinnen, die nach Krebs ihre Brust verloren haben: Warum tun sich Frauen solche Risiken freiwillig an? Weil der Mann zu Hause mit der Körbchengröße unzufrieden ist?

Das kommt auch vor, ist aber sehr selten. In den meisten Fällen entscheiden sich Frauen für eine Brust-OP, weil sie sich in ihrer Lebensqualität und in ihrem Wohlbefinden stark eingeschränkt fühlen. Zum Beispiel, weil der Hautmantel nach einer größeren Gewichtsabnahme oder nach dem Stillen von mehreren Kindern herunterhängt. Einige trauen sich nicht mal, ein Kleid oder T-Shirt anzuziehen, weil sie keinen BH finden, der ein richtiges Dekolleté formt. Mit einer Brustvergrößerung ist es in solchen Fällen allerdings oft nicht getan.

Sondern?

Meist braucht es auch eine Straffungs-OP. Das Volumen muss an die richtige Stelle gebracht, die Position der Brustwarze korrigiert werden. Dabei entstehen aber deutlich umfangreichere Narben, die um den Warzenhof herum und dann zumindest vom Unterrand der Brustwarze bis zur Brustumschlagfalte reichen. Das gefällt nicht allen.

Wie lange hält denn ein Brustimplantat?

Wenn keine Probleme auftreten, kann es lebenslang halten. Natürlich verändert sich jede Brust mit dem Alter. Generell gilt: Je größer das Implantat, desto größer das Risiko, dass die Form nicht auf lange Zeit erhalten bleibt.

Im Fernsehen sieht man zuweilen Frauen mit XXL-Brüsten. Wo ist denn die Grenze?

Es gab mal eine Firma, die auf Wunsch Implantate mit 1 000 bis 1 200 Milliliter Silikon-Gel hergestellt hat. Die ist inzwischen vom Markt. Im Wesentlichen reden wir über plus/minus 250 Milliliter. Bis 700, 800 Milliliter sind zwar möglich, aber medizinisch nicht sinnvoll und ästhetisch in einem Schritt oft auch nicht machbar. Wenn eine 1,72 Meter große Frau 65 Kilo wiegt und eine kleine Brust hat, lässt sich der Hautmantel nur begrenzt dehnen.

Über Preise wird nicht gern offen geredet. Im Internet gibt es Billigangebote ab 2 500 Euro. Was kostet eine Brustvergrößerung?

Wenn Sie bereit sind, an der Sicherheit und an der Expertise des Operateurs zu sparen, lassen sich die Kosten vielleicht auf solche Summen reduzieren. Mir scheint das allerdings fraglich. Schon allein ein Implantat kostet 500 Euro netto. Es fallen Kosten für die Vorbereitung an, fürs Labor, für den Anästhesisten, für den OP-Saal mit den nötigen Instrumentarien und Hygienevorkehrungen, für den Operateur und für Notfallsysteme, falls etwas schief läuft. Wenn die Operation nicht ambulant erfolgt, was ich empfehle, müssen Sie eine Klinik mit entsprechendem Personal haben. Alles in allem ist das nicht unter 5500 bis 7000 Euro darstellbar.

Als Alternative zu Silikonkissen wird seit einiger Zeit Eigenfett gepriesen: Was an den Hüften zu viel ist, kommt dorthin, wo es fehlt. Klingt toll. Wo ist der Haken?

Beim Thema Eigenfett hat es in den letzten 15 Jahren eine deutliche technische Entwicklung gegeben. Man entnimmt Fettgewebe zum Beispiel am Bauch oder der Knieinnenseite, bereitet es auf und injiziert es an der Brust. Man kann auf diese Weise gute Ergebnisse erzielen. Denn das Eigenfett enthält eine hohe Zahl an adulten Stammzellen mit Wachstumsfaktoren, die die Geweberegeneration fördern. Die Kehrseite: Fettstammzellen können sich in unterschiedliche Richtungen entwickeln, und wir wissen nicht genau, ob wir damit möglicherweise auch unerwünschte Reaktionen anstoßen wie zum Beispiel das Wachstum von Krebszellen. Zudem geht ein Teil des Eigenfetts wieder verloren, weil die Zellen keinen Anschluss an die Blutversorgung finden und absterben. Realistisch ist ein Verlust von 15 bis 35 Prozent. Bei sehr schlanken Frauen ist es auch schwierig, überhaupt Eigenfett zu entnehmen. Das alles zeigt, dass sich eine Entscheidung für eine OP nicht pauschal oder durch eine Beratung von Dr. Google treffen lässt.

Ärzteforum zu Schönheitseingriffen am 10. Oktober

Dr. Steffen Handstein ist Chefarzt der Klinik für Plastische, rekonstruktive und Brustchirurgie am Städtischen Klinikum Görlitz; Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie mit Praxis am Obergraben in Dresden sowie Vizepräsident der Vereinigung der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgen (VDÄPC), der größten Fachgesellschaft Ästhetischer Chirurgen.

Beim Ärzteforum in Dresden spricht Dr. Handstein über Chancen und Risiken der Brustaugmentation.

Termin: Das Ärzteforum findet statt am 10. Oktober, 18.30 Uhr, im Haus der Presse Dresden, Ostra-Allee 20.

Außerdem dabei: Dr. Heike Weißpflug, Leitende Oberärztin an der Klinik für Mund-, Kiefer-Gesichts-, ästhetische und wiederherstellende Chirurgie am Klinikum Chemnitz (zum Thema Faltenbehandlung im Gesicht) und Dr. Harald Kaisers, Plastisch-Ästhetischer Chirurg aus Leipzig (zur Körperformung).

Eintrittskarten kosten 11 Euro (mit "Freie Presse-Card 8,50 Euro). Verbindliche Voranmeldung unter folgender E-Mail-Adresse: leben@redaktion-nutzwerk.de

 

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