Wie stark strahlt mein Smartphone?

Viele befürchten durch ihr Handy Gesundheitsschäden - ein Strahlenschutz-Experte erklärt Risiken und Vorsorge

Kann Handystrahlung einen Tumor oder andere schwere Gesundheitsschäden hervorrufen? Diese Frage wird unter Forschern kontrovers diskutiert. Die Einführung des superschnellen 5G-Standards liefert der Debatte neuen Stoff. Andreas Rentsch sprach dazu mit Dirk Geschwentner vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS).

"Freie Presse": Herr Geschwentner, wer sich heute ein Smartphone kauft, achtet auf vieles: Display, Kamera, Akku, Speicher. Sie empfehlen, auch auf die Spezifische Absorptionsrate des Gerätes - den SAR-Wert - zu achten. Was ist das?

Dirk Geschwentner: Die Spezifische Absorptionsrate ist eine im Labor unter standardisierten Bedingungen bestimmte Messgröße. Sie gibt an, wieviel Hochfrequenzenergie bei maximaler Sendeleistung von einem in Betrieb befindlichen Gerät - zeitlich und über zehn Gramm Körpergewebe gemittelt - im Körper absorbiert werden kann. Dieser Wert wird in Watt pro Kilogramm (W/kg) angegeben und muss begrenzt werden.

Warum?

Hohe thermische Belastungen führen zu nachgewiesenen Gesundheitswirkungen. Um diese auszuschließen, soll der SAR-Wert nicht höher sein als 2 W/kg. Diese Empfehlung geht zurück auf eine Richtlinie der Internationalen Kommission zum Schutz vor nichtionisierender Strahlung.

Welche Werte erreichen Smartphones?

Das ist unterschiedlich. Man muss dazu wissen, dass es zwei Messungen gibt: eine fürs Telefonieren am Ohr und eine für den Betrieb beim Tragen am Körper. Bei Geräten, die derzeit auf dem Markt sind, liegen die niedrigsten Werte bei 0,1 W/kg am Kopf und die höchsten bei 1,8 W/kg. In Europa dürfen nur Geräte in Verkehr gebracht werden, die den Grenzwert von 2 W/kg einhalten.

Wer kontrolliert das?

Die Marktaufsicht in diesem Bereich hat die Bundesnetzagentur.

Wie definieren Sie "strahlungsarm"?

Etwa ein Drittel der derzeit erhältlichen Geräte bleibt bei der Kopfmessung unter 0,5 W/kg. In der Datenbank, die auf der BfS-Website geführt wird, sind diese Handys mit einem grünen Symbol gekennzeichnet. Solche Modelle können grundsätzlich mit dem Umweltzeichen Blauer Engel gekennzeichnet werden. Dafür müssen aber noch andere Kriterien erfüllt sein. Etwa darf die zweite Messung, also die am Körper, maximal 1,0 W/kg ergeben - gemessen ohne Abstand zum Körper.

Gibt es Hersteller, die beim Thema Strahlungswerte positiv oder negativ hervorstechen?

In den Modellpaletten einzelner Hersteller sind häufig Geräte mit sehr unterschiedlichen SAR-Werten enthalten. Zusammenfassende Aussagen zu einzelnen Herstellern können wir deshalb nicht machen.

Können Sie etwas zu SAR-Werten von mobilfunkfähigen Wearables sagen?

Daten für solche Geräte werden von uns derzeit nicht systematisch erfasst.

Wie groß ist das Gesundheitsrisiko, das von Handys ausgeht, die den Grenzwert einhalten?

Von ihnen gehen keine wissenschaftlich nachgewiesenen Risiken aus. Wie immer in der Forschung gibt es Unsicherheiten in der Risikobewertung. Einige Studien zeigen bei intensiver Handynutzung ein leicht erhöhtes Risiko für bestimmte Formen von Tumoren am Hörnerv oder am Hirngewebe. Andere Studien zeigen diesen Zusammenhang nicht. Dazu kommt der Umstand, dass wir bisher nur einen Zeitraum von zehn bis 15 Jahren überblicken. Wir können noch keine abschließende Bewertung treffen. Aus diesem Grund empfehlen wir zusätzlich Vorsorgemaßnahmen.

Die da wären?

Käufer sollten ein Gerät mit niedrigem SAR-Wert bevorzugen und danach die Herstellerhinweise beachten. So geben manche Firmen Abstandsempfehlungen für den Betrieb am Körper. Die liegen zwischen fünf und 15 Millimetern.

Auch, wenn man das Gerät im Standby-Modus bei sich trägt?

Die Herstellerhinweise sind entscheidend. Im Standby-Modus ist die Exposition aber äußerst gering.

Ihr Ratschlag fürs Telefonieren?

Man sollte Headsets oder die Freisprechfunktion verwenden. So vergrößert sich der Abstand zwischen Antenne und Körper. Eine weitere Option ist, Textnachrichten zu tippen, statt lange zu telefonieren. Zudem kann man darauf achten, nur bei einigermaßen gutem Empfang zu telefonieren. Die Geräte kommen dann mit niedrigerer Sendeleistung aus. Folglich kann weniger Strahlung vom Körper absorbiert werden.

Gibt es gesonderte Schutzempfehlungen für Kinder?

Derzeit gibt es keine gesicherten Erkenntnisse darüber, dass Kinder oder Jugendliche empfindlicher auf Mobilfunkfelder reagieren als Erwachsene. Man kann es aber auch noch nicht völlig ausschließen. Zudem ist das ja eine Generation, die lebenslang mit dieser Technologie zu tun haben wird. Letztlich gelten aber die gleichen Vorsorgeempfehlungen wie bei Erwachsenen.

Jugendliche telefonieren ohnehin kaum noch mit dem Gerät am Ohr. Die nutzen eher die Freisprechfunktion- etwa, um Sprachnachrichten aufzuzeichnen, die sie dann per Messenger verschicken.

Tatsächlich sind das Verhaltensmuster, die unseren Empfehlungen entsprechen - auch wenn sie wohl nicht darauf beruhen.

Was gilt für die Nutzung von W-Lan im Vergleich zu Mobilfunk?

Die Strahlung, der man ausgesetzt ist, ist in diesen beiden Fällen unterschiedlich stark. Mobiltelefone verwendet man mehr oder weniger direkt am Körper, der eigene W-Lan-Router ist in der Regel schon einige Meter entfernt. Elektromagnetische Felder werden mit zunehmendem Abstand von ihrer Quelle schnell schwächer. Deswegen sind Expositionen durch ein Mobiltelefon in der Regel deutlich höher, selbst wenn in den Nachbarwohnungen noch weitere Router stehen. Ein weiterer Punkt betrifft die maximalen Sendeleistungen von Geräten in den verschiedenen Netzen. Die sind in Mobilfunknetzen höher als bei W-Lan-Verbindungen. Um sich daheim möglichst wenig hochfrequenten Feldern auszusetzen, sollte man daher zum Beispiel bei Onlinespielen mit dem Smartphone eher eine W-Lan-Verbindung nutzen.

Was ist mit dem Smartphone als Wecker auf dem Nachttisch?

Da spricht nichts dagegen. Der Abstand ist dann ja schon in einem Bereich zwischen mehreren Zentimetern bis zu einem halben Meter. Außerdem ist das Gerät dann auch in der Regel im Standby-Modus und sendet praktisch nicht - oder nur kurz und nur in bestimmten Abständen. Wer seine Exposition noch weiter verringern möchte, kann zusätzlich den Flugmodus aktivieren.

Bald wird mit 5G ein neuer Mobilfunkstandard eingeführt. Welche Risiken kommen da auf die Anwender zu?

Noch stehen technische Eigenschaften der 5G-Netze nicht in allen Details fest. Wir gehen aber davon aus, dass sich die Erkenntnisse zu den biologischen und gesundheitlichen Wirkungen hochfrequenter elektromagnetischer Felder grundsätzlich auch auf die neue Technik übertragen lassen.

Das heißt?

Nach derzeitigem Kenntnisstand der Wissenschaft sind durch 5G unterhalb der Grenzwerte keine gesundheitlichen Wirkungen zu erwarten. Aus Vorsorgegründen sollte die Strahlung aber möglichst gering gehalten werden.

www.freiepresse.de/sar-suche

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