Wie wird man Ohr-Tunnel los?

Die riesigen Löcher sind oft Jugendsünden und passen nicht jedem Arbeitgeber. Ärzte können helfen - auf eigene Kosten.

Wenn der Rebell zum braven Büroangestellten wird, reicht es mitunter nicht, langärmelige Hemden über tätowierte Arme zu ziehen. Denn manche Veränderungen, die er an seinem Körper vorgenommen hat, lassen sich nicht so einfach kaschieren. Flesh Tunnel im Ohrläppchen gehören definitiv dazu.Übersetzt heißen die riesigen Löcher Fleischtunnel. Das umschreibt bildhaft, wie sie ins Ohrläppchen kommen: Das Fleisch wird künstlich weit gedehnt und in das Loch ein zylinderförmiger Schmuckring, ein sogenannter Plug, aus Metall, Acryl oder Holz eingezogen. Manchmal sind die Tunnel so groß, dass man hindurchschauen kann. Die Piercing-Art entdecken meist junge Leute zwischen 16 und 24 Jahren für sich. Die Tunnel sind mehr als eine aktuelle Modeerscheinung. Selbst die Gletschermumie Ötzi hatte schon welche. Seine Ohrlöcher waren auf sieben bis elf Millimeter geweitet.

Für die Dehnung wird ein abgeheiltes normales Ohrloch schrittweise über mehrere Monate hinweg Millimeter für Millimeter mit einem Dehnungsstab aus Titan oder Holz auseinandergedrückt. Je nach Geschmack des Trägers haben die Löcher am Ende einen Durchschnitt von 1,6 Millimetern bis sieben Zentimetern. Das funktioniert, weil das Ohrläppchen aus Haut, Fett und Bindegewebe besteht. Piercingstudios bieten diese Leistung seit Langem an. "Aber inzwischen machen das viele Leute auch zuhause", sagt Alix Wöllert von Trust Bodymodification, einem Piercing-Studio in Dresden. Anleitung und Material besorgen sie sich über das Internet. Allerdings kann bei der Dehnung die Haut einreißen und sich Narbengewebe bilden. Mitunter stülpt sie sich im Stichkanal nach außen. Wurde zu schnell gedehnt, legt sie sich um den Tunnel in Falten. "Wir sprechen dann vom Arschloch-Effekt", so Wöllert. Wer will sowas schon im Ohr haben?

"Die Dehnung ist irreversibel und das Ohrläppchen danach für immer verändert", sagt er. Das macht selbst einen makellosen Tunnel für alle zum Problem, die nach Schulzeit oder Studium in Ausbildung oder Beruf starten möchten und sich mit dem auffälligen Körperschmuck nicht mehr wohlfühlen. "Zu mir kamen junge Frauen, die eine Banklehre antreten wollten. Ein Patient wollte zur Polizei. Dort fand man den Schmuck unpassend", sagt Dr. Stefan Zimmermann, Plastisch-Ästhetischer Chirurg in Dresden. Er hat die Ohrläppchen in einer Operation rekonstruiert. Dabei werden die Hautlefzen unter örtlicher Betäubung weggeschnitten. Der Chirurg versucht dann, mit dem Rest des ausgedehnten Hautrings ein neues Ohrläppchen zu formen und näht die Enden wieder zusammen. Das ist kompliziert und dauert pro Ohr zwischen 30 und 60 Minuten. "Die Haut muss dabei schichtweise adaptiert werden. Das ist eine Bastelarbeit", erklärt Dr. Kirstin Meller, HNO-Ärztin in Chemnitz. Ist das Loch nur rund einen Zentimeter groß und schlitzförmig, lässt es sich zunähen, ohne dass Haut abgeschnitten werden muss.

Allerdings ist das eine plastische OP ohne medizinische Indikation. "Deshalb müssen die Patienten die Kosten selber tragen", sagt Meller. Pro Ohr werden dabei je nach Dauer, Aufwand und Preisliste des Arztes zwischen 150 und 250 Euro fällig. Weil es im Ohrläppchen keine lebenswichtigen Organe oder Nerven gibt, sind die Risiken überschaubar, sagt Zimmermann. Trotzdem kann es nach der OP zu Schwellungen, Blutungen und Blutergüssen kommen. Selten sind Wundinfektionen oder Wundheilungsstörungen. Eine starke Narbenbildung ist möglich.

Auch einige Piercingstudios bieten Ohrrekonstruktionen an. Wer die Leistung dort nutzen möchte, sollte hinterfragen, wer die Operation vornimmt. Denn: "Das ist eindeutig ein chirurgischer und damit invasiver Eingriff. Den dürfen nur Menschen mit ärztlicher Approbation vornehmen", sagt Meller. Auch eine Heilpraktikerausbildung reiche dafür nicht aus.

Manche Tunnel-Träger können die Löcher aber auch ohne Skalpell wieder loswerden - abhängig davon, wie groß sie sind, wie intensiv und schnell die Haut dafür gedehnt wurde und wie das Bindegewebe beschaffen ist. "Dass sich die Löcher wieder ein stückweit von alleine verschließen, kann funktionieren. Denn die Haut hat eine gewisse Rückstelltendenz. Doch die ist bei jedem Menschen individuell verschieden", sagt Zimmermann. Ist das Loch nicht größer als 1,2 Zentimeter, lässt es sich verkleinern, indem schrittweise kleinere Ringe eingesetzt werden. "So kann man die Dehnung Stück für Stück zurücknehmen - aber ganz verschließen wird sich das Loch von alleine nicht", so Wöllert.

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2Kommentare
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  • 0
    2
    Zeitungss
    13.06.2019

    Wie wird man die Löcher los? Auf jede Seite eine Holzplatte, verbunden mit einem 12er Bolzen und gesichert mit Kronenmutter und Splint. Farbliche Behandlung ist ebenfalls möglich.

  • 0
    1
    ralf66
    12.06.2019

    Andre Länder andre Sitten, diese Art von Schmuck stammt aus dem Busch, was letztendlich dabei rauskommt, wenn man sich derart verunstaltet weiß man im Voraus. Nur das zu kritisieren steht nicht jedem zu, aber das Ablehnen solcher ''Körperkunst'', dass steht zumindest den Arbeitgebern kritiklos zu.



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