Mieter streiten ums Vogelfüttern

Ornithologen empfehlen, Vögel auch im Sommer zu füttern. Doch es gibt Vermieter, die das verbieten, wie ein Beispiel in Dresden zeigt. Zu recht?

Zuerst kommen die Kohlmeisen, dann die zarten Blaumeisen. Danach fallen die Spatzen mit wildem Spektakel ein. Bewohner der Seniorenresidenz "Domizil am Zoo" in Dresden freuen sich, wenn die Singvögel ihr Futterhäuschen auf dem Balkon nutzen. Denn angesichts weniger Insekten, Hitze und Lärm haben es heimische Vögel heute schwer. Ornithologen empfehlen inzwischen, sie auch im Sommer zu füttern. Doch wo gefressen wird, da wird auch gekackt, mitunter sogar an die Hauswand. Kümmert sich niemand um heruntergefallenes Futter, lockt es Mäuse und Ratten an. Deshalb findet die Heimleitung das Vögelfüttern alles andere als toll. Sie hat es sowohl auf dem Grundstück als auch auf den Balkonen verboten und droht an, dass "bei Nichteinhaltung die Rechnung der Schädlingsbekämpfung und der Fassadenreinigung an den Verursacher erfolgt." Ein entsprechender Aushang fand sich am Schwarzen Brett. Gleich daneben hatte eine Bewohnerin einen Notizzettel angepinnt: "Laut deutschem Mietrecht ist das Füttern von Vögeln auf Balkonen grundsätzlich erlaubt!", steht darauf. Was ist denn nun richtig?

Beides. Prinzipiell hat die Bewohnerin recht. Mieter dürfen Futter für Singvögel auf der Außenfensterbank oder auf Balkonen ausstreuen und Futterglocken aufhängen. "Das kann der Vermieter nicht verbieten, auch im Sommer nicht", sagt Katrin Kroupová, Juristin beim Mieterverein Dresden. Sie beruft sich auf ein Urteil des Amtsgerichtes Berlin. Die Richter hatten darin erklärt, dass das Füttern von Singvögeln allgemein toleriert, erwünscht und weit verbreitet sei. Weil Balkon oder Terrasse offen zugänglich sind, sei Vogelkot dort auch kaum zu vermeiden. Daher sehen die Richter die Grenzen des vertragsgemäßen Gebrauches nicht überschritten.

"Das ändert sich aber, wenn Fassaden verunreinigt werden, ein erhöhter Ungezieferbefall droht oder andere Mieter sich über unverhältnismäßig starke Verschmutzungen beschweren", sagt Norbert Franke, Fachanwalt in Dresden. "Dann ist der vertragsgemäße Gebrauch nicht mehr gewährleistet, und der Vermieter hat einen Unterlassungsanspruch." Im Klartext: Beklagt sich jemand, darf der Vermieter das Füttern verbieten. Denn wer den Balkon unterhalb der Futterstation nutzt, muss Vogelkot, Spelzen und Federn nicht dulden.

Genau das aber ist in der Seniorenresidenz passiert. "Das Problem sind nicht die Singvögel. Gegen sie haben wir nichts. Aber manche Mieter füttern Tauben, und andere beschweren sich über den Dreck. Dem müssen wir nachgehen", sagt Einrichtungsleiter Matthias Schmiedel.

Juristin Kroupová bestätigt: Taubenfüttern ist generell nicht erlaubt, weil die Vögel Krankheiten übertragen können und ihr ätzender Kot sich ins Baumaterial frisst. Dass sich gelegentlich eine Taube oder eine Krähe an der Futterstelle einfinde, könne niemand ausschließen. "Aber man darf sie nicht anlocken", sagt sie. Wer sich darüber hinwegsetzt, riskiert sogar, dass ihm die Wohnung gekündigt wird. So musste eine Frau in Bonn ausziehen, weil sie über mehrere Jahre 40 bis 80 Tauben gefüttert, damit andere Mieter belästigt und Ratten angezogen hatte.

Vermieter dürfen das Taubenfüttern im Mietvertrag sogar verbieten. "Wird aber jegliches Füttern von Vögeln untersagt, ist das eine unwirksame Klausel", so Kroupová. Sind Mieter unsicher, können sie sich an ihren Mieterverein oder die Verbraucherzentrale wenden.

Um Ärger zu vermeiden, rät Kroupová, Futter nicht offen auszustreuen und nur Vogelhäuschen mit kleinen Öffnungen zu verwenden, in die die Tauben nicht hineinpassen. Wichtig sei außerdem, auf Sauberkeit rings um die Futterstelle zu achten. "Legen Sie lieber etwas weniger Futter aus, damit nicht so viel herunterfällt", sagt sie.

Noch vor wenigen Jahren war es unter Ornithologen nicht gut angesehen, Wildvögel das ganze Jahr über zu füttern. Das hat sich geändert. "Draußen gibt es nicht mehr genug Futter", sagt Winfried Nachtigall von der Sächsischen Vogelschutzwarte in Neschwitz bei Bautzen. Schuld daran ist etwa, dass Straßenränder gemäht und Brachflächen versiegelt und bebaut werden. "Dadurch fallen Unkrautsäume weg, die den Samenfressern pflanzliche Nahrung und Lebensraum für Insekten bieten." Gerade in der Brutzeit sind Vogelhäuschen begehrte Anflugpunkte für Wildvögel. "Die Alten nutzen sie nur für sich selbst. Für die Jungen sammeln sie tierische Nahrung", hat Nachtigall beobachtet.

Generell geht es den Vögeln in der Stadt inzwischen häufig besser als ihren Artgenossen auf dem Land, sagt der Ornithologe. "Das liegt auch an den vielen Futterstellen. Sie helfen den Vögeln - und die Menschen haben daran Freude."

Verbraucherzentralen bieten nach vorheriger Anmeldung eine mietrechtliche Erstberatung an. 15 Minuten kosten 15 Euro.

So vermeiden Sie Futterschmutz auf dem Balkon

Fressgewohnheiten beobachten: Sperlinge, Buchfinken, Grünfinken, Gimpel und Kernbeißer fressen Körnergemische, Erdnüsse und Sonnenblumenkerne. Meisen mögen zudem Fettfutter und Mehlwürmer. Amseln, Drosseln und Rotkehlchen sind Weichfresser und nehmen gern Äpfel, Rosinen, Getreideflocken - allerdings am liebsten am Boden.

Hochwertiges Futter kaufen: Viele Anbieter strecken ihr Futter mit Füllmitteln, die die Vögel nicht fressen und aussortieren. Sonnenblumenkerne, Hanfkörner, Hirse, Mohn, Distelsamen, Getreide, Bucheckern, zerkleinerte Haselnüsse kommen hingegen gut an. Daraus lassen sich auch selbst Futtermischungen herstellen.

Futter ohne Schale wählen: geschrotete Erdnüsse, geschälte Sonnenblumenkerne, grob gemahlener Mais, Haferflocken oder gelbe Hirse haben keine Spelzen mehr.

Eine Auffangschale befestigen: Eine große Schale, die direkt unter der Futterstelle befestigt wird, verhindert, dass Kot und Schalen zum Nachbarn herunterrieseln. (Quelle: Landesbund für Vogelschutz Bayern)

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