Permakultur: Die Natur arbeitet für mich

Schon gehört?
Sie können sich Ihre Nachrichten jetzt auch vorlesen lassen. Klicken Sie dazu einfach auf das Play-Symbol in einem beliebigen Artikel oder fügen Sie den Beitrag über das Plus-Symbol Ihrer persönlichen Wiedergabeliste hinzu und hören Sie ihn später an.
Artikel anhören:

Die Sächsin Katrin Reuter gärtnert nach der Permakultur-Methode. So schafft sie es, viel Ertrag bei möglichst geringem Aufwand zu haben.

Der Wind rauscht in den Linden vor dem Vereinshäuschen, sanft wiegen sich die zartgrünen Blätter. Hinter dem Feld kann man den Turm der Rochsburg sehen. Katrin Reuter schaut kurz verträumt, dann fokussiert. "Lindenlaub ist ein tolles Mulchmaterial. Daraus wird beste Blumenerde." Reuter ist Vereinsvorsitzende des Kleingartenfreunde Waldesfrieden e. V. in Burgstädt. Kein Blatt wirft sie weg. Überhaupt kommt es der 51-Jährigen nicht in den Sinn, irgendetwas, dass im Garten anfällt, achtlos zu entsorgen. "Grasschnitt oder Grünabfall wegzuschmeißen und dann neue Komposterde zu kaufen, ist doch total irre", sagt sie. Seit Jahren hat sie keinen Cent mehr dafür ausgegeben.

Die Energie in einem bestehenden System zu halten, eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft in Landwirtschaft oder Garten aufzubauen, ist die Grundidee der Permakultur. Sie beruht darauf, natürliche Abläufe zu beobachten, zu verstehen und nachzuahmen. Die Australier Bill Mollison und David Holmgren haben das Konzept in den 1970er-Jahren entwickelt. Katrin Reuter hat es für sich entdeckt. Sie sagt: Ihr blieb nichts anderes übrig.

Als die Burgstädterin 2009 ihren Garten bekam, waren die drei Söhne noch klein. Sie hatte einen Bürojob bei der Bank, dazu einen Mann, den es in seiner Freizeit nicht unbedingt auf die Parzelle zieht. "Und ich hatte gesundheitliche Probleme." Gegen ihr Rheuma halfen Schmerzmittel, die den Nieren auf Dauer nicht bekamen. Sie reagierte allergisch auf gespritztes Obst und Gemüse. Sie wollte weg von der Chemie, ihr Essen und Heilkräuter selbst anbauen. Viel Zeit für Gartenpflege hatte sie aber nicht. Also musste ein Konzept her, das beides verbindet: Mit wenig Aufwand ohne Pestizide gärtnern und hohe Erträge erzielen. "Das klappt nur, wenn man sich die Naturkreisläufe zunutze macht", ist Katrin Reuter überzeugt.

Sie suchte nach Ideen und stieß auf den Österreicher Sepp Holzer und den gebürtigen Crimmitschauer Wolf-Dieter Storl. Er wanderte mit elf Jahren mit seinen Eltern in die USA aus, wurde Ethnobotaniker und Kulturanthropologe, schrieb über naturnahes Gärtnern. Holzer ist Landwirt und als Agrarrebell bekannt. Seine Eltern hatten ihm in den 1960ern ein karges, hoch gelegenes Stück Land überlassen. Darauf legte er Pflanzgärten, Tümpel und Terrassenfelder an, baute Wärmefallen und experimentierte mit Kreislaufsystemen, lange bevor von Permakultur die Rede war. Seine Anbauform entlockt dem ehemals mageren Weideland viele Erträge, dass Wissenschaftler auf seinen Hof kommen, um sie zu erforschen. Auch Holzer schrieb Bücher. Katrin Reuter hat sie alle gelesen. "Jedes Mal, wenn ich versuchte, etwas gegen die Natur zu verbessern, musste ich sofort feststellen, dass ich damit nur mehr Aufwand produzierte und stärkere Ausfälle hatte", schreibt er. "Da hatte er mich", sagt sie.

Die Natur für sich arbeiten zu lassen, klingt nach einem paradiesischen Zustand. Ganz ohne Zutun ist der aber auch nicht zu haben. Das geht zum Glück meist mit einfachen Mitteln, zum Beispiel mit Mulchen. Katrin Reuter verteilt rings um die Kulturpflanzen auf den Beeten Grasschnitt und Laub. Weil der Boden immer bedeckt ist, trocknet er weniger aus und heizt sich nicht so auf. Es staubt kaum, Regenwasser kann besser versickern. Bodenlebewesen fühlen sich wohl, fressen die Pflanzenreste und verarbeiten sie zu Humus. Ihre Gänge lockern die Erde auf. Davon profitieren sowohl Pflanzen als auch Mensch. "Ich muss nicht ständig hacken, weniger gießen und dünge nicht mehr mit Kunstdünger", sagt Katrin Reuter.

Umzugraben ist trotz lehmiger, fester Erde nur selten nötig. Kompostmaterial integriert sie direkt in die Beete. Beim sogenannten Holländern hebt sie dafür auf einem Drittel eines Beetes die Erde zwei Spaten tief aus, legt Schnittgut und Grünabfälle hinein und bedeckt sie mit der Erde. Auf der verbleibenden Fläche baut sie Gemüse an. Im Herbst wird der entstandene Kompost über das gesamte Beet verteilt. Dadurch entfallen das kräftezehrende Abstechen und Sieben des Komposthaufens.

Für eine andere Möglichkeit des Kompostierens haben Ehemann und Söhne ihr ein riesiges Beet mit Holzbrettern eingegrenzt. Hüfthoch türmt sie darin Gartenabfälle auf. Jeder Spartengärtner darf sie hier loswerden. Die Humusschicht, die sie darüber ausgebreitet hat, macht ein Hochbeet daraus, das anfangs mit Starkzehrern wie Kürbissen und Zucchini bepflanzt wird. Traditionelle Komposthaufen nutzt sie nur noch für Gartenabfälle, die anfallen, wenn alle Beete bewachsen sind.

Vorbild dafür sind Sepp Holzers Hügelbeete. Er zieht mannshohe Hügel, in deren Kern grobes organisches Material wie Äste, Wurzeln oder ganze Baumstämme verrotten. Sie sind ummantelt von Rasenziegeln und mit Humus aufgeschüttet. Je steiler, desto weniger verdichtet sich die Erde. Die Sauerstoffzufuhr bleibt gut, der Verrottungsprozess wird nicht gestört und die Pflanzenwurzeln breiten sich leichter aus.

Solche Zusammenhänge faszinieren Katrin Reuter. "Eigentlich ist das alles ganz logisch. Man muss nur darüber nachdenken und es ausprobieren. Und man darf sich nicht entmutigen lassen, wenn es mal nicht gleich klappt." Mit der Natur leben, nicht gegen sie - das ist ihr Credo.

Das klingt gut, aber kann schwerfallen. Schließlich gehören auch unliebsame Plagegeister zur Natur, die Nacktschnecken, Blattläuse, Wickler, Spanner, Motten. Steigt der Schädlingsdruck, ist es schnell vorbei mit gärtnerischem Gleichmut. Auch im Reuterschen Garten gab es anfangs Bioschneckenkorn. Der ersehnte Erfolg - die Schnecken waren weg - zog unbeabsichtigte Folgen nach sich: Auf einmal gab es keine Eidechsen mehr und nur noch wenige Regenwürmer. Der Boden wurde fester, Katrin Reuter musste wieder hacken und düngen. "Es sterben auch die natürlichen Vertilger, die Erde rings um die toten Schnecken wird vergiftet. Der Boden ist tot", beschreibt sie ihre Beobachtungen. "Es dauert Jahre, bis der Garten ins Gleichgewicht kommt."

Ohne Kompromisse geht das nicht. Manchmal stinken die. Etwa, wenn sie Brennnesseljauche ansetzt, um Blattläuse zurückzudrängen. Gegen Schnecken mischt sie Japanischen Staudenknöterich unter. Super ordentlich sieht es in ihrem Permakultur-Garten auch nicht aus. Salatköpfe in Reihe wird man hier nicht finden. Dafür sorgen Mischkulturen für Vielfalt, die gut für Insekten und Vögel ist. Manche Pflanzen wandern aus den Beeten aus und suchen sich Orte, die ihnen bessere Licht- oder Bodenverhältnisse bieten, gern auf Wege. Im Erdbeerbeet liegen große Steine. Sie speichern die Wärme, damit die Beeren süß werden und nicht faulen. Unter den Steinen wiederum haben es sich Käfer und Würmer bequem gemacht, auf ihnen sonnen sich die Zauneidechsen. Sie fühlen sich inzwischen wieder so wohl, dass sie Gänge in den Lavendel graben. Reuter sieht es ihnen nach, denn sie fressen Schnecken und Insekten. Sie hat sich auch mit Ameisen und Mäusen arrangiert. Sie verteilen das Saatgut.

Hinter ihrer Laube hat sich ein Johannisbeerstrauch auf Kleinwagengröße ausgebreitet. Brennnesseln wuchern ins Nachbargrundstück. Dort wippen Tulpenköpfe in Reihe und Glied im Wind, der Rasen ist akkurat gestutzt. Gibt das keinen Ärger? Schließlich ist Reuters Naturparadies Parzelle eines Kleingartens mit Vorschriften und Satzung. Katrin Reuter zieht die Schultern hoch. "Nein, ich gebe dem Nachbarn Brennnesseln rüber, wenn er welche für die Jauche braucht", sagt sie. Das Verständnis für ihre Methoden nimmt zu, weil sie funktionieren. Die Pflanzen sind kräftig, die Erträge hoch. Selbst im Winter gibt es etwas zu ernten. Die strengen Regeln zu lockern und naturnahes Gärtnern in der Sparte zuzulassen, ist nicht nur aus ökologischer Sicht eine gute Entscheidung: "Das ist unsere einzige Chance, junge Leute herzubekommen", sagt die Vereinschefin.

In sechs Fällen hat das schon geklappt. 62 Pächter hat die Sparte, einige Parzellen stehen immer noch leer. Bis zum Herbst haben auch zwei direkt am Hauptweg dazu gehört. Trotz mehrfacher Inserate fand sich kein Interessent. Die brachliegenden Gärten wucherten zu. Katrin Reuter hat sie im Herbst zu Gemeinschaftskräutergärten umgestaltet, einige Helfer machten mit. Wer gemeinsam arbeitet, teilt auch die Ernte.

Die Hobbygärtner legten Pappe auf die Wiese und schlichteten in zwei Hügelbeeten alles darauf, was an natürlichem Material anfiel: Äste alter Bäume, Grasschnitt, Unkraut von den Wegen. Sie breiteten Kompost darauf aus und bepflanzten mit Topinambur, Kreuzblättriger Wolfsmilch, Mutterkraut und Akelei. Melisse, Herbstzeitlose und Borretsch wachsen hier, dazwischen Pfefferminze und Heidelbeeren. Die Pflanzen danken es mit üppigem Wuchs und kräftigen Farben. Insekten schwirren, Vögel singen.

"In einem intakten Lebensraum ist nichts zu bekämpfen. Die Natur ist perfekt", schreibt Holzer. Katrin Reuter nickt und zupft an einer Brennnessel. Sie wird Pesto daraus zubereiten oder eine Suppe.

Katrin Reuter empfängt zum Tag der offenen Gärten am 12. und 13. Juni Besucher in ihrer Parzelle. 24 Gärten laden dann sachsenweit zu Erkundungen und Fachsimpeleien ein. www.freiepresse.de/gartentag

Das könnte Sie auch interessieren

00 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.