Wie die Erdbeere "Mieze Schindler" in den Kleingärten des Ostens überlebte

Es gibt eine Erdbeere, der einst ein sächsischer Züchter den Kosenamen seiner Frau gab. Im Westen hatte es "Mieze Schindler" schwer, doch sie überlebte in Kleingärten des Ostens. Zum Glück!

Landwirt Paul Schemm schiebt das erste Stück vom Erdbeerkuchen in den Mund und hält es prüfend eine Weile auf der Zunge. "Mmmh, die 'Symphony'", sagt er, lächelt und isst genüsslich weiter. Der Franke erkennt seine Erdbeersorten auf den ersten Biss: "Die 'Symphony', ja, das ist eine zickige alte Dame ..." Und die "Mieze"? Ach, die "Mieze"! Sein Lächeln wird größer. Das könne man gar nicht in einem Satz erklären. Das sei eine große Geschichte.

Angefangen hat alles vor nahezu 100 Jahren in der Nähe von Dresden, wenige Schritte entfernt von der Elbe, in Pillnitz, am heutigen Julius-Kühn-Institut für Obstforschung. Dort führte der bekannte Pflanzenzüchter Otto Schindler, der von 1876 bis 1936 lebte, die neu gegründete Höhere Staatslehranstalt für Gartenbau zu einem bedeutenden wissenschaftlichen Zentrum. Und an diesem Ort erblickte 1925 eine samtrote Erdbeere mit tief liegenden Nüsschen das Licht der Welt. Der Pflanzenzüchter gab ihr den Kosenamen seiner Frau Margarethe: Mieze.

"Mieze Schindler" besitzt bis heute den Ruf, die Messlatte für das Aroma von Erdbeeren aufgelegt zu haben. Das Pillnitzer Elbtal, wo die gekrönten Häupter Europas zu Zeiten August des Starken prachtvolle barocke Feste feierten und der Pflanzenzüchter seiner Frau mit einer Erdbeere eine Liebeserklärung machte, war die Wiege einer ganz besonderen Frucht. Äußerlich erinnert sie lediglich an eine etwas größere Walderdbeere. Wer sie nicht kennt, wird sie womöglich nie kosten. Denn in den Supermarktregalen sucht man sie bis heute vergebens. Sie ist klein, empfindlich und für den Transport ungeeignet. Wenige Stunden nach dem Pflücken beginnt ihre Schönheit zu vergehen. Kurzum: "Mieze" ist nicht massentauglich. In den Wirtschaftswunderjahren der Bundesrepublik geriet sie deshalb ins Hintertreffen. Doch in der DDR galten andere Prioritäten. Es fehlte der Zugang zu neuen Sorten, Bewährtes wurde gehegt und gepflegt. Hier frönte die kleine Rote ein privilegiertes Nischendasein. Bei den Selbstversorgern des Ostens stand "Mieze" in der Gunst weit oben und wanderte vom Strauch direkt in den Mund. Wie aber kam die Sächsin nach Bayern?

Auf dem Erdbeerhof der Familie Zehelein-Schemm in Diespeck in Franken machen wir der heimlichen Göttin aller Gartenerdbeeren unsere Aufwartung. Paul, Roswitha und Sohn Peter führen mit unübersehbarem Stolz durch ihr Erdbeerreich auf einem Hof, der seit 1648 in Familienbesitz ist. Auf den 30 Hektar Land der Familie wachsen an die 50 verschiedene Sorten Erdbeeren, dazu kommen über 20 Himbeer- und zehn Brombeersorten. Nicht gerechnet die Feigen, Stachel-, Aronia-, Wein- und Gojibeeren, die Rhabarber- und Spargelpflanzen. "Mieze Schindler" ist auch bei ihnen eine Rarität, die nur auf einer kleinen Fläche angebaut wird. Aber es sei eben eine Erdbeere mit Geschichte, sogar einer Liebesgeschichte. Und da steht sie auch schon vor uns. "Gestatten: Frau 'Mieze Schindler'", sagt Landwirtin und Gärtnerin Roswitha Schemm. In etlichen Sendungen des Fernsehens hat die unangefochtene Autorität des Erdbeerhofes schon ihre Tipps und Tricks verraten. Sie spricht schnell, anschaulich und mit dem typisch fränkisch rollenden "r". Mit jedem ihrer Sätze schüttet sie ein Füllhorn grünen Wissens aus.Angefangen hat alles mit ihrem Vater, Leonhard Zehelein, geboren 1913, der nach dem Krieg Erdbeeren anbaute - zu einer Zeit, da ringsum Viehzüchter und Ackerbauern wirtschafteten. "Der Vater war eine starke Persönlichkeit. Er hat nicht danach gefragt, was die anderen machen. Er machte sein eigenes Ding. Wir tanzten vollkommen aus der Reihe." Peter Schemm erlebte seinen Großvater, der 2003 starb, noch sehr bewusst. "Schon als ich 15 war, hab ich entschieden, dass ich das hier weiterführen will." Doch zunächst ging er an die Bayerische Landesanstalt für Wein- und Gartenbau in Veitshöchheim und absolvierte seine Lehr- und Wanderjahre. Er habe immer gewusst, dass er zurückkommt. Beim Erzählen fallen Mutter und Sohn einander ins Wort, greifen den Satz des jeweils anderen auf und führen ihn mit eigenen Gedanken weiter. Das Erdbeerfieber hat alle erfasst und erreicht, wie stets im Juni, seinen Höhepunkt.

Als seinerzeit "der zähe Zehelein", wie er in der Familie liebevoll genannt wird, zum Staunen seiner Nachbarn auf Erdbeeren setzte, trat die Wirtschaftswunder-Erdbeere "Senga Sengana" ihren Siegeszug an. Immer neue Sorten kamen dazu. "Die Früchte in den Supermarktregalen wurden immer schöner und größer. Und auch immer geschmackloser", sagt Peter Schemm. "Es war eine andere Zeit. Niemand konnte sich den Luxus leisten, eine historische Sorte, die nur den halben Ertrag bringt, anzubauen. Vergleicht man eine Supermarkt-Erdbeere mit 'Mieze Schindler', so ist die heute acht- bis zehnmal so groß." Auch Roswitha Schemm kannte "Mieze Schindler" nur noch vom Hörensagen. "Denn im Westen war die Sorte verloren." Aber nicht vergessen! Mit dem Mauerfall machten sich die selbst ernannten "Aromajäger" auf die Suche.

"Und wir stellten fest, dass sich viele alte Sorten im Osten erhalten hatten. Die Schrebergärten des Ostens waren eine Schatztruhe!", so die Chefin. Fündig wurden sie in der Nähe von Cottbus, holten einige Pflanzen nach Diespeck und begannen mit der Vermehrung. Anfang der 2000er-Jahre erhielten Roswitha und Paul Schemm eine Einladung in den MDR-Fernsehgarten, wo sie im Studio Erfurt ihre neue Errungenschaft vorstellten. "Dort sind alle vollkommen ausgetickt, weil wir die 'Mieze Schindler' dabeihatten!", erinnern sie sich lachend. Denn nach zehn Jahren widerfuhr der kleinen "Mieze" im Osten bereits erneut das gleiche Schicksal wie ehedem. Die wahrscheinlich leckerste Erdbeere der Welt wäre beinahe aus dem kollektiven Gedächtnis entschwunden. Die Wiedergefundene macht in Diespeck heute nur ein, zwei Prozent im Erdbeerverkauf aus. Doch immer wieder kommen Kunden hunderte Kilometer nur ihretwegen.

Im Hofladen stehen - je nach Ernteverlauf - täglich bis zu zehn Sorten frisch gepflückte Früchte zum Kosten und Mitnehmen bereit. Doch der Schwerpunkt des Hofes liegt schon lange nicht mehr auf dem Fruchtverkauf. "Irgendwann kam der Punkt, dass die Sorten, die wir anbauen wollten, eben nicht wirklich transportfähig waren", erklärt der Junior. "Der Handel will große, feste, hellrote Früchte. Wir gesunde und gutschmeckende. Das ist nicht immer vereinbar." So rückte die Produktion von Pflanzen in den Fokus, mit denen sie deutschlandweit über 1000 Gartenmärkte beliefern.

Irgendwann machten sich die Erdbeerfreunde auf die Suche nach dem Grab von Otto Schindler. Sie fanden es in Pillnitz, wo er gemeinsam mit seiner Ehefrau Margarethe liegt. Es war über und über bedeckt mit blühenden "Mieze Schindler"-Pflanzen.

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