Willkommen im barrierefreien Garten

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Wenn der Körper nicht mehr alles mitmacht, geben viele ihren Kleingarten ab. Das muss nicht sein, wie ein Beispiel aus Sachsen zeigt. Mit klugen Ideen lassen sich Arbeit, Zeit und Geld sparen.

Von den Johannisbeeren schwärmt Gisela Stock heute noch. "So lang und voll waren die Trauben", sagt die alte Dame, und Zeigefinger und Daumen gehen acht Zentimeter auseinander. Mindestens. Ihr Mann hatte den Strauch vor vielen Jahren gepflanzt. Der Mann lebt nicht mehr, aber der Strauch trägt noch Beeren. Nur ernten sie inzwischen andere ab. Vor vier Jahren hat Gisela Stock ihren Garten im Dresdner Süden abgegeben - eine Vernunftentscheidung. "Ich bin 80 geworden und habe die Arbeit nicht mehr geschafft. Hecke schneiden, umgraben, das war zu viel", sagt sie und schnuppert an einer pinken Cosmeablüte. Die Sonne scheint ihr ins weiße Haar, Spatzen tschilpen in der Hecke.
Für alle Gartenbesitzer stellt sich irgendwann die Frage: Was tun, wenn der Rücken so steif ist, dass man sich kaum noch zum Säen und Ernten bücken kann oder Arthrose in den Gelenken ein Hinknien unmöglich macht? Reicht die Kraft nicht mehr, um den Rasenmäher zu bewegen, oder wird der Gleichgewichtssinn zu unzuverlässig, um auf eine Leiter zu steigen, beantworten sie viele mit der Aufgabe des Gartens. Den meisten fällt eine solche Entscheidung sehr schwer. Wer will sich schon eingestehen, zu alt und zu schwach geworden zu sein für etwas, das sonst doch immer ging?

Gisela Stock hatte Glück. Eine Nachbarin, die ein Beet in einem Seniorengarten bewirtschaftet hatte, sprach sie an. "Gisela, da ist noch eins frei. Willst du das nicht nehmen?" Sie wollte. Jetzt wachsen Stangenbohnen darauf und roter Pflücksalat. Thymianzweige wippen in der Frühherbstbrise. Die Fläche, die sie bearbeiten muss und darf, hat sich massiv verkleinert: Es sind jetzt acht Quadratmeter statt 320. "Das schaffe ich gut", sagt sie. Ihr Beet ist eins von zehn im Seniorengemeinschaftsgarten des Kleingartenvereins "Alte Elbe" in Dresden. Dazu kommen ein kleines Gewächshaus, ein ausladender Kirsch- und ein Apfelbaum, ein Streifen mit Blumenstauden, dazu Naschbeerensträucher, Kräuterspirale und Wiese. Der Clou aber ist das rollatortaugliche Hochbeet. Weil es einen Überhang von etwa 40 Zentimetern hat, können gehbeeinträchtigte Gartenfreunde ihren Rollator einfach darunter schieben. Sie verlieren nicht den Halt und gewinnen Arbeitsfreiheit. Bewirtschaftet wird das alles von acht Frauen und zwei Männern gemeinsam, bis auf die Beete. Für die ist jeder selbst zuständig. Zwei der Gärtner sind Ü 80, vier zwischen 70 und 80, vier bewegen sich auf die 70 zu. Lilli Lehmann ist mit 63 Jahren das Spartengartenküken. Sie und ihr Mann Ingolf haben im vergangenen Jahr die Betreuung des Gartens übernommen.

"Wir teilen uns in die Arbeit hinein. Wenn jemandem etwas zu schwer wird, helfen die anderen", sagt sie. Sie kümmern sich und gießen, wenn man mal in den Urlaub fährt oder zum Arzt muss. Für gemeinsame Aufgaben, wie Bäume verschneiden oder Wege säubern, gibt es einen Einsatzplan. Einmal im Monat treffen sich alle zu Kaffee und Kuchen oder Roster und Bier. Einer hält einen Fachvortrag, über Insekten im Garten oder das Sexualleben der Pflanzen zum Beispiel. "Hier trifft man meist jemanden an. Wir arbeiten an der frischen Luft, setzen uns auf die Veranda, unterhalten uns", sagt Ingolf Lehmann. Fällt die Ernte üppig aus, wird getauscht. Der Garten ist für alle ein Segen. Auch gegen die Einsamkeit.
Den Gemeinschaftsgarten gibt es seit 2013. Zuvor hatte di Parzelle zwei Jahre leer gestanden. "Da gab es noch nicht einen solchen Run auf Kleingärten wie heute", sagt Vereinschef Erik Schütze. Man überlegte, wie das kleine Grundstück, das vormals von einem Professor am Pillnitzer Gartenbauinstitut bewirtschaftet worden war, vorm Verwildern bewahrt werden könnte. Der Verein baute eine überdachte Terrasse mit großem Sitzplatz, verbreiterte Wege, ebnete Stolperfallen ein. Heute gibt es eine Warteliste für die Beete. Die Volkssolidarität zahlt die Pacht, die Gärtner Dünger, Wasser und Strom.

"Altersgerechte Nutzung beginnt im Kopf", sagt Frank Hoffmann. Er ist erster Vorsitzender des Stadtverbandes "Dresdner Gartenfreunde". Dazu gehöre auch, bisherige Ordnungsmaßstäbe zu überdenken. "Nach meiner Erfahrung fällt das vielen älteren Menschen schwer. Wenn Gärten nicht mehr wie geleckt aussehen, werden sie häufig abgegeben. Das ist schade." Denn meist sei das noch gar nicht nötig.
Hoffmann hat viele Ideen, wie sich die Arbeit im Garten erleichtern lässt, nicht nur für ältere Menschen. Mulchen zum Beispiel bringt gleich mehrere positive Aspekte: Der Rasenschnitt muss nicht entsorgt werden, sondern bleibt im Garten. Er unterdrückt Unkräuter, hält den Boden feucht und bietet Bodenlebewesen Nahrung und Verstecke. Sie revanchieren sich mit Humus. Wer mulcht, muss also weniger gießen, hacken, düngen. Das spart Arbeit, Zeit und Geld. Ebenso kostengünstig, aber ästhetisch nicht jedermanns Sache, sind wilde Ecken im Garten: Käfer, Schmetterlinge und Wildbienen fühlen sich von Totholzstapeln, Brennnesseln oder kleinen Fleckchen offener Erde angezogen und finden darin ein Zuhause.
Hinter Gisela Stocks Beet peilt ein Admiralfalter eine späte Lavendelblüte an. Die Senioren haben mit Bedacht Kräuter gepflanzt. Sie wissen, dass das Insektenweiden sind und freuen sich über jede Biene. Schon deshalb würden sie keinen Rasenroboter anschaffen, der ihnen das Mähen abnimmt. Was anderen gute Dienste leistet, würde sich hier nicht lohnen. Die Rasenflächen sind zu klein. "Ich würde darauf auch wegen der Igel verzichten", sagt Erik Schütze. Stattdessen könnte man auf Rasenersatzpflanzen, wie niedrigen Thymian, Weißklee oder Bodenverbenen, setzen, die begehbar und grün sind. Ihr Vorteil: Sie bilden Flächen und wachsen niedrig, sodass sie nicht verschnitten werden müssen.
Gleich neben dem Lavendel blühen Rosen. Auch Fetthenne, Sonnenhut und Sonnenbraut geben noch einmal alles. Ein Feuerwerk an Spätsommerfarben. Einmal gepflanzt, treiben diese Stauden bei günstigen Bedingungen jedes Jahr aufs Neue aus. Andere Blumen, wie Cosmea, Jungfer im Grünen oder Ringelblumen, versamen sich selbst und sparen damit Arbeit und Geld.

Am Aroniastrauch hängen noch einzelne Beeren. "Die anderen haben wir geerntet und zu Marmelade verarbeitet", sagt Lilli Lehmann. Was keiner mehr wollte, bleibt für die Vögel. Das geht auch mit anderen Wildobstsorten wie Felsenbirne, gelbem Hartriegel oder der Mispel. Es müssen ja nicht immer Johannis-, Stachel- oder Erdbeeren sein. "Wildobstsorten haben den Vorteil, dass man sie nicht so stark zurückschneiden muss", sagt Schütze. Generell lohnt es sich auch schon für jüngere Gärtner, über den Pflegeaufwand nachzudenken, bevor sie Gehölze pflanzen. "Große Bäume lassen sich im Alter immer schwerer schneiden und ernten", sagt Hoffmann. Er rät, rechtzeitig auf Buschbäume, Viertelstämme oder langsamer wachsende Gehölze umzusteigen. Wer dann auch noch darauf achtet, winterharte Pflanzen zu kaufen, erspart sich den Aufwand, im Herbst alles frostsicher einpacken oder ausgraben und einlagern zu müssen.

Kübelpflanzen gibt es im Gemeinschaftsgarten nicht. "Zu unpraktisch für uns", sagt Ingolf Lehmann. Pflanzenroller oder eine Sackkarre leisten all denen rückenschonende Dienste, die nicht auf Oleander oder Hortensien verzichten möchten. Rollhocker mit höhenverstellbaren Sitzflächen machen Hocken und Knien unnötig. Gartenfach- oder Baumärkte bieten viele solcher arbeitserleichternder Gartenwerkzeuge an: Hacken mit ergonomischen Griffen und langen Stielen, Fugenkratzer oder Apfelpflücker mit Teleskopstielen, Unkrautstecher mit Tritt und Ringgriffen. Wer nicht mehr gut greifen kann, kann Hilfsmittel, wie Armstützen oder Bügelgriffe, an Werkzeugstielen ansetzen. D-Griffe sparen Kraft beim Schaufeln, Rechen und Hacken. T-Griffe sind so gebaut, dass die Hand nicht abknickt. Gisela Stock hat ihre Miniparzelle auch ohne solche Geräte im Griff. "Aber es ist gut, zu wissen, dass es so was gibt", sagt sie und pflückt eine Kiwibeere, die in Augenhöhe hängt.