In Inklusionshotels ist eine Behinderung kein Handicap

Eine Gruppe Münchner Eltern will, dass ihre behinderten Kinder eines Tages einen ganz normalen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt haben. Weil das nicht so selbstverständlich ist, wie es klingt, planen sie ein Millionenprojekt. Erfolgreiche Vorbilder gibt es schon.

München (dpa) - Martina Köhne macht sich nichts vor: Ihre Tochter wird es auf dem normalen Arbeitsmarkt schwer haben, sehr schwer. So wie Tausende andere Jugendliche, die körperlich, geistig oder lernbehindert sind. Doch Köhne will diesen Zustand nicht als gottgegeben hinnehmen.

Gemeinsam mit anderen betroffenen Eltern verfolgt die Münchnerin deshalb ein großes Ziel: Sie wollen ein Hotel aufziehen, in dem Behinderte und Nichtbehinderte gemeinsam arbeiten - wirtschaftlich rentabel, professionell geführt. Was nach einem wagemutigen Projekt klingt, ist in anderen Städten bereits Realität.

«Das ist ein sehr großes und weites Ziel», ist sich Köhne bewusst. Sie ist die Vorsitzende des Vereins Münchner Integrative Arbeitswelt, zu dem sich die engagierten Eltern nach langer Vorbereitungszeit zusammengeschlossen haben. Das offizielle Gründungsfest war Startschuss für den Schritt nach außen, um Fördermittel und Spenden einzuwerben. 70 bis 80 Zimmer schweben Köhne und ihren Mitstreitern nach ersten Marktstudien vor, ein hoher einstelliger Millionenbetrag muss dafür zusammenkommen. In fünf bis sechs Jahren soll die Eröffnung sein.

Viele Bereiche für Menschen mit Einschränkung

«Der Vorteil von einem Hotel ist: Es lässt sich wirtschaftlich betreiben», erläutert Köhne. «Man hat einen ganz anderen Umsatz als bei einem Café oder einem Supermarkt. Und man hat ganz viele Bereiche, in denen Menschen, die eine Lernbehinderung haben, die geistig oder körperlich eingeschränkt sind, arbeiten können.»

Genau aus diesem Grund gibt es deutschlandweit nach Branchenschätzungen zwischen 70 und 80 sogenannte Inklusionshotels, die meisten in der Trägerschaft von Sozialverbänden. 50 Häuser haben sich im Embrace-Verband zusammengeschlossen - vom Jugendgästehaus bis zum 4-Sterne-Superior-Welnesstempel. «Ein Hotel ist ein fabelhafter Ort für die Integration von Menschen. Hotel ist immer ein Ort der Begegnung», betont Embrace-Vizepräsident Alexander Tränkmann. Ihm ist eines ganz wichtig: «Wir schaffen Begegnungen auf Augenhöhe. Der Gast nimmt den Mitarbeiter primär als Mitarbeiter war, so wie der Gast auch Gast ist. Wir wollen ja keine Sonderwelten schaffen.»

Sozialer Mehrwert durch Mitarbeiter mit Behinderung

Auch Martin Bünk, auf Inklusionshotels spezialisierter Berater und Manager, betont: «Die Gäste kommen, weil sie eine gute Leistung suchen, weil sie ein schönes Hotelzimmer suchen, weil sie ein anständiges Frühstück wollen, oder weil sie eine Tagung machen, die sie professionell organisiert haben wollen.» Der soziale Mehrwert, der durch die Wahl eines Hotels mit behinderten Mitarbeitern entstehe, könne zwar aktiv vermarktet werden, reiche aber als alleiniges Qualitätsmerkmal niemals aus.

Spätestens nach fünf Jahren muss sich ein Projekt selbst tragen. Dann läuft die Anschubfinanzierung aus, die das Inklusionsamt aus den Ausgleichsabgaben zahlt. Deshalb steht die Wirtschaftlichkeit bei Planung und Betrieb eines Inklusionshotels an oberster Stelle. «Oft wird erwartet, dass um eine individuelle Person ein bestimmtes Arbeitsumfeld gestrickt wird. Das funktioniert in der Regel nicht», betont Tränkmann. «Zuerst gibt es die Aufgabe, die zu erledigen ist.» Wichtig sei deshalb auch in der Kommunikation mit den Mitarbeitern, «sich nicht in die Tasche zu lügen, dass jeder Mitarbeiter jede Tätigkeit machen kann».

Spezialisierung je nach Behinderung

So kann ein Rollstuhlfahrer etwa sehr gut an der Rezeption arbeiten, aber schlecht Betten beziehen - was wiederum für Gehörlose ein passender Job sein kann. Autisten können sich auf das komplizierte IT-Reservierungssystem spezialisieren, während Menschen mit Down-Syndrom im Service gut aufgehoben sind.

Für die Mitarbeiter sei ein ganz normaler, sozialversicherungspflichtiger Job enorm wichtig, betont Tränkmann. Er gebe ihnen nicht nur ein eigenes Einkommen, Lebenskompetenzen und Selbstbewusstsein. «Wir sind ganz normale Arbeitgeber. Für die Mitarbeiter ist es deshalb auch wichtig zu lernen, dass die eigene Befindlichkeit nicht mehr im Vordergrund steht», berichtet der Gastronomiefachmann - um sofort einzuschränken: «Aber das gilt gerade bei der jüngeren Generation längst auch für Nichtbehinderte.»

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