Worum geht es beim Streit ums Zentralabi?

Sticheleien zwischen den Bundesländern über «Billig»- und «Elite»-Abis gibt es seit Jahren - verbunden mit der Debatte, wie fit Deutschlands Abiturienten eigentlich fürs Studium sind oder sein müssten. Schon in den 1990ern wurden Forderungen nach einem Zentralabitur laut. Worum geht es dabei genau?

Berlin (dpa) - Wie giftig über das Thema gestritten wird, zeigt diese Episode vor einer Woche: FDP-Chef Christian Lindner spricht sich für das Zentralabitur aus. Prompt schallt es ihm aus Bayern entgegen: Kein Wunder, dass Lindner das fordere, er selbst habe ja NRW-Abi.

Für diese Spitze fängt sich CSU-Generalsekretär Markus Blume dann wiederum einen Konter von Nordrhein-Westfalens Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) ein: «Trotz eines bayerischen Abiturs scheint Herr Blume nicht vor Hochmut gefeit zu sein».

Worum geht es im Kern beim Streit um das Zentralabitur?

Um Vergleichbarkeit und Chancengerechtigkeit, aber auch um Prestige. Die Befürworter sagen: Wenn alle die gleichen Prüfungsaufgaben lösen müssten, wären auch alle Schulen in der Pflicht, ihre Abiturienten auf ein einheitliches Abschlussniveau vorzubereiten. Die Abi-Note wäre dann von Hamburg bis München besser vergleichbar. Ein «gutes» oder «schlechtes» Abitur gäbe es nicht mehr und beim Zugang zur Hochschule, so das Argument, wäre Chancengerechtigkeit gewährleistet: Ein Einser-Abi, das die Tür zum Wunschstudienfach öffnet, wäre in Berlin ähnlich schwer zu erreichen wie in München. Bayern befürchtet mit dem Zentralabitur aber eine Entwertung des eigenen Abiturs und eine Angleichung der Anforderungen nach unten.

Wie könnte so ein Zentralabitur praktisch aussehen?

Diskutiert wird unter anderem dieses Szenario: In den Kernfächern Deutsch, Mathe und Fremdsprache könnten deutschlandweit jeweils am selben Tag Prüfungen mit den gleichen Aufgaben stattfinden. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, hält es für realistisch, dass so etwas in Deutschland zwischen 2025 und 2030 erreicht werden könnte. Völlige Vergleichbarkeit wäre damit aber auch nicht gegeben, denn die Gesamt-Abiturnote hängt ja nicht nur von den Prüfungen ab, sondern zu einem großen Teil auch von den Leistungen im Unterricht vor dem Abitur.

Gibt es nicht heute schon ein paar einheitliche Regelungen beim Abi?

Es gibt zumindest den Versuch. Die Länder haben seit 2017 einen gemeinsamen Aufgabenpool. Der wird mit einheitlichen Abituraufgaben für Mathe, Deutsch, Englisch und Französisch gefüttert. Darum kümmern sich Experten am Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) an der Humboldt-Universität Berlin. Lehrerpräsident Meidinger hält den Pool aber für gescheitert. Der Grund: Die Länder müssen keine Aufgaben daraus entnehmen und wenn, können sie diese auch verändern. Der Vorsitzende der Kultusministerkonferenz (KMK), Hessens CDU-Bildungsminister Alexander Lorz sagt dagegen, der Aufgabenpool habe sich bewährt und es brauche Zeit, bis er seine Wirkung entfalten könne.

Wieso kann überhaupt jedes Bundesland beim Abitur machen, was es will?

Weil Bildung in Deutschland laut Grundgesetz in der Hand der Länder liegt und nicht zentral gesteuert werden darf. Um das im Grundgesetz zu ändern, bräuchte es Zweidrittelmehrheiten in Bundestag und Bundesrat - die sind aber nicht in Sicht. Mehr Einheitlichkeit kann ansonsten über sogenannte Staatsverträge zwischen den Bundesländern hergestellt werden. Die Länder versuchen sich zudem bei regelmäßigen Konferenzen ihrer Bildungsminister (KMK) weitestmöglich abzustimmen.

Gewarnt wird immer wieder davor, dass Abiturienten in Deutschland immer schlechter aufs Studium vorbereitet sind - was ist dran?

Bei solchen Debatten lohnt manchmal eine kleine Zeitreise. 1984 warnte der Präsident der Westdeutschen Rektorenkonferenz (Vorgänger der Hochschulrektorenkonferenz), Theodor Berchem: Die Mehrzahl der Studienanfänger sei nicht mehr studierfähig. 1997 schlug der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Klaus Landfried, Alarm: Viele Abiturienten seien nicht fit genug für die Uni. Im Juni dieses Jahres attestierte der jetzige Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Peter-André Alt, zahlreichen Abiturienten gravierende Mängel bei der Studierfähigkeit. Die Debatte ist also noch älter als die über das Zentralabitur.

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