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Frage: Ich arbeite als Erzieherin in einer Kita mit offenem Konzept. Schon länger fällt mir auf, dass viele Kinder monatelang immer das Gleiche spielen. Ein Junge sitzt beispielsweise immer alleine im Bauzimmer und möchte scheinbar auch nichts anderes machen. Ein paar Mädels fangen immer wieder an, etwas zu basteln, bringen aber nie etwas zu Ende. Irgendwie macht mich die Situation traurig. Direkt eingreifen sollen wir ja möglichst wenig.

Prof. Dr. med. Veit Rößner: Sie sprechen ein sehr wichtiges Thema an, das neben Kollegen auch viele Eltern umtreibt. Ein ursprüngliches Ansinnen des Konzepts der offenen Arbeit war und ist es, Kindern ein möglichst breites Angebot an Aktivitäten zu bieten, das sie nach ihren Neigungen und Vorlieben selbstbestimmt nutzen können. Ihrer psychischen Reife und Entwicklung entsprechend handeln Kindergartenkinder jedoch stark lustbetont und leben im Moment. Vorausschauendes Denken ist ihnen in diesem Alter nur begrenzt möglich. Daher stellen sich Kinder etlichen Herausforderungen oft nicht von alleine, wenn bequemere Alternativbeschäftigungen vorhanden sind. Vielmehr müssen sie dazu ermutigt und angeleitet werden. Denn für Kinder ist es äußerst wichtig, vieles zu lernen, dabei ihre Fähigkeiten breit auszutesten und nicht beim ersten vermeintlichen Misserfolg gleich aufzugeben. Dies hat zwei Aspekte. Zum einen möchten jüngere Kinder bis auf sehr wenige Ausnahmen genau in der Mitte der Kindergesellschaft ihren Platz haben. Sie möchten dazugehören, nicht groß auffallen und nicht ganz anders sein als der Rest. Daher ist es den meisten Kindern äußerst unangenehm, eine Grundfertigkeit gar nicht zu können, zum Beispiel auf einem Bein zu stehen, einen Purzelbaum zu machen, etwas Einfaches auszuschneiden oder einen Klebestift zu bedienen. Zum anderen ist ausreichendes Probieren wichtig, um eigene Talente, Lieblingsbeschäftigungen und Hobbys herauszufinden.

Zu beidem gehört, etwas zu tun, was nicht unbedingt die momentane Lieblingsbeschäftigung ist. Erwachsene, die mit den Kindern eng in Beziehung stehen, müssen sie dabei begleiten. Gerade hierin liegt eine Stärke der Arbeit in festen Gruppen mit fester Tagesstruktur und wenigen, aber stets verfügbaren Bezugspersonen. Die im Verlauf des Tages zum Teil immer wiederkehrenden Angebote, die zwar sicher nicht immer allen Kindern gleich zusagen, orientieren sich am jeweiligen durchschnittlichen Entwicklungsstand der Kinder. Für einen gelungenen Schulstart notwendige Fähigkeiten und Kulturtechniken werden dabei zum richtigen Zeitpunkt integriert und erprobt. Auch ein Kind, das nicht gern bastelt, hat so zumindest schon mehrmals Schere und Stift in der Hand gehabt.

Beziehungsorientiertes Anleiten und Begleiten auf all den unterschiedlichen Gebieten durch feinfühlige Erzieher, die aufgrund ihrer Lebenserfahrung und Ausbildung immer auch die Zukunft der Kleinen im Blick haben, gelingt in gänzlich offenen Kindertageseinrichtungen nicht immer gut. Es fehlt an ausreichender persönlicher Beziehung am Gegenüber, an Korrektur, an Motivation zu vermeintlich unattraktiven Aufgaben, am Dranbleiben, nicht zuletzt am Personal dafür.

Ich ermutige Sie daher zum aktiven Einschreiten, wo immer Sie es intuitiv als sinnvoll und notwendig erachten. Vielleicht entdeckt dann mit Ihrer Hilfe der kleine Junge die Sportskanone in sich. Eventuell merken die beiden Mädchen unter Ihrer Anleitung, wie beglückend es sein kann, einmal etwas fertigzustellen und stolz präsentieren zu können. Gehen Sie in regelmäßigen und kontinuierlichen Kontakt mit einer Gruppe von Kindern, die Sie ausreichend gut überblicken. Spiegeln Sie ihnen ihre Verhaltensweisen, gute wie schlechte, so oft Sie können. Korrigieren Sie gegebenenfalls, lassen Sie die Kleinen von Ihrer Lebenserfahrung profitieren.

Prof. Dr. med. Veit Rößner ist Kinder- und Jugendpsychiater am Dresdner Uniklinikum. Haben auch Sie eine Frage an ihn? Schreiben Sie an: expertentipp@redaktion-nutzwerk.de

 

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