Gibt es noch Sportvereine, die sich "Fortschritt" nennen?

Zu DDR-Zeiten gab es viele Fußballmannschaften mit dem Namen "Fortschritt". Gibt es auch heute noch Fußballteams oder Sportvereine mit dieser Bezeichnung? (Diese Frage hat Ulrich Rehm aus Treuen gestellt.)

Ich könnte es mir jetzt sehr leicht machen und die Frage so schlicht wie korrekt mit "ja" beantworten. Aber so kennen Sie mich nicht. Insofern steht für mich zunächst die Frage im Vordergrund: Warum hatten denn kurz nach Gründung der DDR Sportvereine auf einmal so optimistische Namen wie "Fortschritt", "Aufbau", "Empor", "Vorwärts", "Einheit" etcetera? Das hatte es doch vorher nicht gegeben.

Das Ende des Zweiten Weltkrieges bedeutete auch für den Fußball und alle anderen auf Vereinsebene organisierten Sportarten in Deutschland die Stunde Null. Speziell in der Sowjetischen Besatzungszone. Dort wurden auf Betreiben der Militärregierung alle bestehenden Vereine zunächst aufgelöst und lediglich Sportgruppen zugelassen. Erst am 1. August 1948 wurde wieder die Gründung von Vereinen und damit auch Sportgemeinschaften zugelassen. Die Leitung des Vereinswesens oblag dem wenig später, nämlich am 1. Oktober, gegründeten Deutschen Sportausschuss der DDR. Nach sowjetischem Vorbild wurden die neu gegründeten Sportgemeinschaften einem Trägerbetrieb als Betriebssportgemeinschaft (BSG) zugeordnet.

Der am 3. April 1950 vom Deutschen Sportausschuss gefasste Beschluss "Über die Reorganisation des Sports auf Produktionsebene" sah vor, die Betriebssportgemeinschaften in zentralen Sportvereinigungen auf Basis der Gewerkschaftsstruktur zusammenzuführen. Entsprechend der 16 Gewerkschaftsbereiche erhielten die nun in den Sportvereinigungen organisierten Betriebssportgemeinschaften einen individuellen Namenszusatz (siehe Grafik). Für die Textilindustrie wurde zum Beispiel Anfang Februar 1951 im ostsächsischen Neugersdorf die Sportvereinigung "Fortschritt" gegründet. Drei Jahre später umfasste sie bereits 66.000 Mitglieder. Zusätzlich hinzu kamen noch die Sportvereinigungen "Vorwärts" (für die Mitglieder der Kasernierten Volkspolizei, später NVA) sowie "Dynamo" (Volkspolizei, Zoll und Ministerium für Staatssicherheit).

Mit der Gründung des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB) folgte bereits im Mai 1957 die nächste Umstrukturierung in der DDR-Sportlandschaft. 14 der 18 Sportvereinigungen gingen in den Bezirksverbänden des DTSB auf, der direkt dem Zentralkomitee der SED unterstand. Als Politbüromitglieder waren bis 1971 Erich Honecker, bis 1984 Paul Verner und bis 1989 Egon Krenz für Sportfragen zuständig. Lediglich die Sportvereinigungen "Vorwärts" und "Dynamo" sowie die Sportvereinigungen der zwei großen Staatskonzerne, "Wismut" (Uranbergbau) und "Lokomotive" (Reichsbahn), blieben weiter bestehen.

Trotzdem behielten viele Betriebssportgemeinschaften ihre Namenszusätze auch weiterhin. Zu den erfolgreichsten "Fortschritt"-Spielgemeinschaften der DDR-Geschichte im Bereich Fußball zählten in den 50er und 60er Jahren die BSG Fortschritt Weißenfels (sechs Saisons in der DDR-Oberliga) und die BSG Fortschritt Meerane (fünf Saisons in der DDR-Oberliga), sowie in den 80er Jahren die BSG Fortschritt Bischofswerda (zwei Saisons in der Oberliga).

Nach der politischen Wende 1989/90 kam es zu zahlreichen Umbenennungen und Neugründungen, denn aus den Betriebssportgemeinschaften im Bereich Fußball wurden Sportvereine, die sich im Deutschen Fußballbund (DFB) organisierten. Die Namenszusätze verschwanden dabei zusehends, jedoch nicht völlig. Besonders dort, wo sich in der DDR die Textilindustrie konzentrierte, finden sich auch heute noch Vereine, die den Zusatz "Fortschritt" weiterhin im Namen tragen oder das Fortschritt-Logo beibehalten haben. Beispielsweise für Sachsen zu nennen wären der SV Fortschritt Glauchau, der SSV Fortschritt Lichtenstein, der SV Fortschritt Crimmitschau sowie der SV Fortschritt Lunzenau.

Darüber hinaus gibt es auch Beispiele von Umbenennungen, bei denen der Name zur Traditionswahrung explizit weiter geführt wird. Zu nennen wäre, wie es der Name bereits zeigt, der SV Fortschritt Meißen West 1990. Bekannter hingegen dürfte das Beispiel von Dynamo Dresden sein: Trotz Umbenennung am 1. Juni 1990 behielt der Dresdner Verein den Namenszusatz, wohingegen der bei anderen Vereinen nach der Umbenennung besonders in der Fanszene gewahrt wird. Bekannte Beispiele hier: Viele Fans des FC Erzgebirge Aue nennen ihren Verein nach wie vor BSG Wismut, und auch beim FSV Zwickau ist die Bezeichnung BSG Sachsenring weiterhin gängig. (jwen/tk)

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