Seit wann gibt es Bücher speziell für Kinder?

Seit wann gibt es Literatur für Kinder? Zwar gibt es die Grimm-Märchen, aber damals galten sie doch noch gar nicht als Kinderliteratur. (Die Frage stellte Mirjam Fischer aus Glauchau.)

"Wenn du lesen kannst, dann kannst du's lesen, in dem dicken Märchenbuch"- so heißt es im "Geschichtenzeit"-Lied von Joachim Christian Rau. Und genau das trifft die Frage auf den Kopf.

Eine eigenständige Literatur für Kinder setzt voraus, dass die Kinder ihre Bücher selbst lesen können. Viele Jahrhunderte lang aber war Schulbildung ein Privileg der Reichen und Mächtigen, denn Wissen bedeutet Macht.

Erste Bemühungen gegen das verbreitete Analphabetentum gab es vereinzelt im 17. Jahrhundert in evangelischen Kirchenordnungen. Nach Luthers Bibelübersetzung ins Deutsche sollten auch die des Lateinischen nicht Kundigen einen Einblick in Bibel und Gesangbuch er- halten.

Erste Ansätze einer Volksbildung im wahrsten Sinne des Wortes gab es Mitte des 18. Jahrhunderts in Preußen mit der Einführung einer staatlichen Schulpflicht. Der von ehemaligen Unteroffizieren ohne pädagogische Ausbildung erteilte Unterricht war jedoch nicht sonderlich geeignet, Freude am Lesen zu wecken. Und auf dem Lande gab es während des gesamten Sommers gar keinen Unterricht, denn die Arbeitskraft der Kinder wurde auf den Feldern gebraucht. Rund 100 Jahre später begann in Sachsen 1835 mit dem Volksschulgesetz die achtjährige Schulpflicht. Und erst 1919 schrieb die Weimarer Verfassung die allgemeine Schulpflicht für ganz Deutschland fest.

Aus Goethes "Dichtung und Wahrheit" wissen wir, dass der Knabe, wohl gebildet durch Privatunterricht im Elternhaus, die Abenteuerromane von Daniel Defoe "Robinson Crusoe" und die vierbändige "Insel Felsenburg" von J. G. Schnabel gleichsam verschlungen hatte. Lesehungrige waren also auf Literatur für Erwachsene angewiesen. Genau dagegen schrieb nun Joachim Heinrich Campe seinen "Robinson der Jüngere", eine für Kinder verfasste Adaption des Defoe-Romans, erschienen 1779/1780. In einer Rahmenhandlung erzählt der Vater seinen vier Kindern Episoden aus dem Defoe-Roman und diskutiert mit ihnen über das Gehörte. Ungeachtet des dabei stets spürbar erhobenen pädagogischen Zeigefingers und eine der kindlichen Auffassungsgabe geschuldete Verwässerung des Defoe-Stoffes, wurde Campes "Robinson" einer der größten Bucherfolge der deutschen Literatur. 1880 erschien die 100. Auflage! Er wurde in viele Sprachen übersetzt und oft nachgeahmt. Goethe schreibt am 29. März 1830 an Eckermann: "Auch halte ich in der Tat ein großes Stück auf Campe. Er hat den Kindern unglaubliche Dienste geleistet; er ist ihr Entzücken und sozusagen ihr Evangelium." Auch wenn heute seine wenig poetische und stark moralisierende Art zu schreiben wenig behagen mag, so war doch Campes "Robinson" in jener moraltriefenden Zeit das absolute Novum für bildungsinteressierte Kinder, zumeist des aufstrebenden Bürgertums. Ja, mehr noch: Als selbstständige Gattung beginnt die deutsche Kinderliteratur erst mit J. H. Campe. Der Erfolg diese Buches ließ die Büchermacher aufhorchen, dank profitlüsterner Geschäftemacher boomte nun bald die "Büchermacherei für die Jugend".

Nun begann das geistig-kulturelle Leben eines Volkes nicht erst mit dem Lesen- und Schreibenkönnen. Über Jahrtausende ist die Wort- und Erzählkunst des Volkes mündlich überbracht worden, von Generation zu Generation an langen Sommerabenden auf Gartenbänken unter Bäumen, im Winter am warmen Küchenherd oder auf der Ofenbank. Und damit Volksmärchen in der immer hektischer werdenden Zeit nicht in Vergessenheit gerieten, wurden sie von Jacob und Wilhelm Grimm nicht nur aufgeschrieben, sondern auch in eine ihnen eigene kunstvolle, auch für Kinder verständliche Sprache gebracht. So entstand aus den Volksmärchen eines der besten deutschen Kinderbücher, die "Kinder- und Hausmärchen" der Brüder Grimm, gedruckt in zwei Bänden, 1812 und 1815. Unvorstellbar, dass unsere Kinder sonst nie etwas gehört hätten von Hänsel und Gretel, von Aschenputtel und Schneewittchen!

Und um die Stellung des noch immer be- und geliebten Struwwelpeters nicht zu vergessen, Heinrich Hoffmans Riesenerfolg aus dem Jahre 1844 ging als Anfang des künstlerischen Bilderbuches für Kinder in die Literaturgeschichte ein. (sewa)

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