Wann gab es in Deutschland erstmals die Sommerzeit?

Seit wann gibt es die Umstellung von Winterzeit auf Sommerzeit und zurück? Erst nach Kriegsende 1945? In der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) gab es kurze Zeit sogar die Umstellung um zwei Stunden nach vorn. War das die russische Zeit? (Diese Fragen hat Manfred Schnabel aus Glauchau gestellt.)

Der Reihe nach: Die erste Sommerzeit hat es in Deutschland schon lange vor Ende des Zweiten Weltkrieges gegeben, nämlich während des Ersten Weltkrieges im Deutschen Reich und in Österreich-Ungarn, die beide ab dem 30. April 1916, von der Normalzeit ausgehend, bis zum 1.Oktober die Uhren um eine Stunde vorstellten. 1917 waren 16. April und 17. September, im Folgejahr 15. April und 16. September die Stichtage für die Zeitumstellung. Ziel war die für kriegsnotwendig erachtete Energieersparnis, vor allem hinsichtlich der abendlichen Kunstbeleuchtung. Als Reaktion auf diesen Schritt führten zahlreiche andere europäische Länder inklusive Kriegsgegner Großbritannien und Frankreich noch im selben Jahr die Sommerzeit ein. 1919 schaffte man in der Weimarer Republik die ungeliebte Kriegsmaßnahme wieder ab.

Im Zweiten Weltkrieg führte Deutschland 1940 aus demselben Grund wie 24 Jahre zuvor abermals die Sommerzeit ein. 1947 wurde ab 11. Mai eine doppelte Sommerzeit, also eine Abweichung von zwei Stunden, verordnet, um das Tageslicht maximal auszunutzen. Sieben Wochen später, am 29. Juni, kehrte man zur einfachen Sommerzeit zurück. Bereits im Gründungsjahr beider deutscher Staaten 1949 einigte man sich zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR darauf, die alljährliche Uhrenumstellung zu beenden. In der Tat gab es überdies in der ersten Phase der SBZ noch eine Sonderregelung. Es galt vom 24. Mai 1945 bis zum 24. September 1945 die Mitteleuropäische Hochsommerzeit, die mit der damals gültigen Moskauer Zeit übereinstimmte.

Eine "russische Zeit", wie in der Frage formuliert, gibt es überdies nicht, wie man sich leicht vorstellen kann, wenn man sich den Globus betrachtet: Russland erstreckt sich heute über elf Zeitzonen. Wer etwa zu Sowjetzeiten mit dem Zug den polnisch-weißrussischen Grenzfluss Bug überquerte und in den Grenzbahnhof Brest einrollte, der konnte seine Uhr gleich mal um zwei Stunden vorstellen, da er sich bereits im Gültigkeitsbereich der Moskauer Zeit befand. Die übrigens galt auch bis zum 1. August 2018 auf dem kompletten Eisenbahnnetz der Sowjetunion beziehungsweise Russlands, um den Umgang mit den Personenverkehrsfahrplänen zu vereinfachen. Mit derselben Begründung wurde dann vor 15 Monaten der gesamte Eisenbahnverkehr auf Ortszeit umgestellt.

Die Renaissance der Sommerzeit in beiden deutschen Staaten erfolgte schließlich 1980, in Anpassung an westliche Nachbarländer, die bereits 1977 als Folge der Ölkrise von 1973 aus energiepolitischen Gründen die Sommerzeit eingeführt hatten und damit dem Vorreiter Frankreich gefolgt waren, der diese Maßnahme schon 1976 ergriffen hatte. Die seltene Einigkeit zwischen Bundesrepublik Deutschland und Deutscher Demokratischer Republik lag insbesondere darin begründet, speziell Berlin nicht auch noch zeitlich zur geteilten Stadt zu machen. Wie politisch aufgeladen das Thema war, wurde im Herbst 1980 deutlich, als die DDR unvermittelt ankündigte, die Sommerzeit bereits nach dem ersten Jahr wieder abschaffen zu wollen. Was sie dann unterließ. Als letztes Land in der Mitte Europas schloss sich die Schweiz 1981 der Sommerzeit an. Erst seit 1996 schließlich sind die unterschiedlichen Sommerzeitregelungen in der Europäischen Union vereinheitlicht: Am Sonntag endet die Sommerzeit wieder. (tk)

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