Wann gilt man als Analphabet?

In der Bundesrepublik gibt es laut Statistischem Bundesamt rund 7,5 Millionen Analphabeten. Wie wird der Begriff "Analphabet" definiert? Ab wann gilt man als solcher? (Diese Frage hat Frank Ludwig aus Adorf gestellt.)

Zunächst mal zu der Zahl: Es wäre fatal, wenn es in der Bundesrepublik tatsächlich 7,5 Millionen Analphabeten gäbe, zumal die Zahl, die Sie nennen, sich auf Personen im erwerbsfähigen Alter bezieht. Insofern muss man differenzieren: Bei diesen siebeneinhalb Millionen Deutschen handelt es sich, schlimm genug, um funktionale Analphabeten. Das sind Menschen, die nicht in der Lage sind, die Schrift im Alltag so zu nutzen, wie es im sozialen Kontext als selbstverständlich gilt. Funktionale Analphabeten erkennen zwar Buchstaben und sind durchaus in der Lage, ihren Namen und ein paar Wörter zu schreiben, verstehen jedoch den Sinn eines längeren Textes entweder gar nicht oder nicht schnell und mühelos genug, um praktischen Nutzen daraus zu ziehen. Eine feste Grenze zwischen "verstehen" und "nicht verstehen" gibt es dabei nicht. Sie sind etwa mitunter nicht in der Lage, einen Busfahrplan zu verstehen, den Beipackzettel einer Arznei, ein Kochrezept, eine Gebrauchsanweisung (da hat ja schon der vollumfänglich des Deutschen Mächtige mitunter seine Schwierigkeiten), ein amtliches Schreiben, die Inhaltsangabe für ein Theaterstück oder einen Kinofilm. Erst recht hätten sie Probleme mit einem Text wie diesem.

Sekundäre Analphabeten wiederum können den Besuch eines allgemein zugänglichen Bildungssystems nachweisen, haben die dort recht und schlecht erlernten Fähigkeiten aber wieder teilweise oder vollständig verlernt - oft mangels praktischer Anwendung. Im Gegensatz dazu steht der Primäre Analphabetismus. Davon Betroffene können weder schreiben noch lesen und haben beides auch nie gelernt. Sogenannte Semi-Analphabeten wiederum können zwar lesen, aber nicht schreiben. Menschen, die schreiben, aber nicht lesen können, gibt es naturgemäß nicht.

Da in Deutschland wie in zahlreichen anderen Ländern die allgemeine Schulpflicht gilt, ist die Quote der totalen Analphabeten hier verschwindend gering. Der Alphabetisierungsgrad, also der Anteil der grundsätzlich Lese- und Schreibfähigen über 15 Jahre an der Gesamtbevölkerung liegt in den meisten Industrieländern bei über 99Prozent. Schlusslichter sind in Europa das Kosovo (91,9 Prozent, alles Stand 2015), Malta (94,1) und die Türkei (95). Dabei fällt weltweit auf, dass in den meisten Ländern der Alphabetisierungsgrad der weiblichen Bevölkerung den Landesdurchschnitt drückt. So können - als Extrem - in Afghanistan 52 Prozent der Männer lesen und schreiben, aber nur 24,2 Prozent der Frauen. Im Global-Schlusslicht Niger kann das nicht mal jeder fünfte Einwohner: 27,3 Prozent der Männer, elf Prozent der Frauen. Im Einzelfall sind Frauen das stärker alphabetisierte Geschlecht: in der südafrikanischen Enklave Lesotho (88,3:70,1), auf Jamaika (93,1:84) oder in den Vereinigten Arabischen Emiraten (95,8:93,1). Das Missverhältnis zuungunsten der Frauen fällt indes in den meisten Ländern erheblich krasser aus. (tk)

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